Vreni Spoerry
«Ich wurde regelrecht geächtet»

Die frühere Ständerätin Vreni Spoerry über das Denken der Männer und warum sie des Politbetriebs nie überdrüssig wurde.

Von Oliver Demont
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Schweiz am Sonntag

Von der Gemeinderätin in Horgen bis zur Ständerätin in Bern: Vreni Spoerrys Karriere verlief steil, sehr steil. Dann kam das Grounding der Swissair - und plötzlich war alles anders. Die Freisinnige erzählt im Interview von ihrem politischen Credo, Albträumen und ihrer Sorge um die Zukunft der Schweiz.

Frau Spoerry, Sie zählen zu den Grandes Dames der Schweizer Politik. Ihre Karriere als Politikerin startete in den 70er-Jahren. Gab es da einen Karriereplan, den Sie verfolgten?

Vreni Spoerry: Nein, ich hatte keinen Plan und auch keine politischen Ambitionen, als ich 1969 mit meinem Ehemann und unseren drei Kindern aus dem Rheintal nach Horgen an den Zürichsee zog. Die ersten Jahre widmete ich der Erziehung unserer Kinder und arbeitete nebenher als Korrespondentin für den «Horgner Anzeiger». Als 1974 die ersten Gemeinderatswahlen mit Frauenbeteiligung anstanden, fragten mich Vertreter der FDP in Horgen, ob ich nicht kandidieren möchte. Ich lehnte ab.

Warum?

Ich traute mir dieses Amt nicht zu. Ich hatte das Gefühl, dass die Männer alles viel besser konnten. Meine Handelsmatur und mein Jus-Studium lagen etliche Jahre zurück. Die Vertreter der FDP - ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Mitglied - konnten mich dann doch noch zu einer Kandidatur für die Rechnungsprüfungskommission bewegen, in welche ich auf Anhieb gewählt wurde. Diese Tätigkeit weckte mein Interesse an der Politik. Mehr noch: Ich merkte, dass auch die Männer nur mit Wasser kochen. Vier Jahre später wurde ich als FDP-Gemeinderätin gewählt, wiederum als erste und einzige Frau.

Sie zählen auch heute noch zu den Identifikationsfiguren der FDP, Sie selbst bezeichnen sich als «durch und durch freisinnig». Wie kamen Sie zu Ihrer politischen Heimat?

Politik hatte bereits in meinem Elternhaus viel Platz. Meine Mutter war in der Hauswirtschaftskommission, und mein Vater führte eine Baufirma und war viele Jahre lang für die FDP Schulpflegepräsident. Das Credo, welches ich von meinen Eltern oft hörte und das mich prägte, war: Geld kann man nur ausgeben, wenn man es vorher verdient hat. Mit Geld haushälterisch umzugehen, das habe ich wahrscheinlich mit der Muttermilch mitbekommen und war auch stets meine Haltung in meinen politischen Ämtern.

Mit dieser Haltung müssen Sie gelitten haben, als Sie von den Lohnpraktiken der Banken der letzten Jahre erfuhren.

Ja, ich hatte und habe Mühe mit gewissen Aussagen und Forderungen der Bankenspitze. Gleichzeitig weiss ich um die Komplexität der Situation. Der Konkurrenzdruck aus Amerika mit den dort geltenden überrissen hohen Löhnen ist enorm. Diesem Druck gegenüber steht die schweizerische Tugend, das Augenmass zu halten. Ich hoffe, dass die schweizerische Bodenhaftung und das richtige Augenmass wieder stärker zum Tragen kommen, damit weitgehende staatliche Regulierungen vermieden werden können. Es muss in erster Linie Aufgabe des Verwaltungsrates sein, als Vertreter der Aktionäre bei übertriebenen Lohnpraktiken korrigierend einzugreifen.

An der Spitze der Schweizer Banken waren und sind Männer. Sind Männer eher empfänglich für überbordendes Geschäftsgebaren?

Ich habe mich immer dagegen gewehrt, dass Frauen etwas besser oder schlechter machen. In diesem Sinne war ich auch nie eine Feministin, die fand, dass mit mehr Frauen alles gut wäre. Was ich aber mit meiner Erfahrung aus Politik und Wirtschaft sagen kann: Frauen verfügen in der Regel weniger über ein Prestigedenken. Die hohen Löhne und Boni-Zahlungen drehen sich ja oft auch um die Frage, wie viel «der von der Konkurrenz» hat.

Frauen können doch auch so denken.

Natürlich können auch Frauen so denken. Aber ich vermute, dass Frauen rascher zur Erkenntnis gelangen, dass sie so viel Geld gar nicht benötigen. Geld ist wohl der einzige Wert, der keinen Grenzwert kennt. Sie können unendlich viel Geld haben und noch immer mehr davon wollen. Ich glaube, Frauen sind da erdverbundener, was wohl auch damit zusammenhängt, dass eine Frau Leben gebären kann und der Mann nicht. Der Vater fühlt sich nie sicher. Dieser muss sich dann auf eine andere Art und Weise beweisen, beispielweise materiell oder finanziell.

Bis im April 2001 sassen Sie im Verwaltungsrat der Swissair, am darauf folgenden 2. Oktober stand die gesamte Flotte der Swissair auf dem Rollfeld, weil dem Unternehmen das Geld für das Kerosin fehlte. Neun Jahre sind seither vergangen. Was denken Sie, wenn Sie zurückblicken?

(Überlegt lange.) Es ist eine Katastrophe, dass die Swissair gegroundet wurde. Ich bin heute noch der Überzeugung, dass dies nicht hätte passieren müssen, nicht hätte passieren dürfen. Der Verwaltungsrat hat, rückblickend betrachtet, gewisse Entwicklungen wohl falsch eingeschätzt. Tatsache ist aber auch, dass wir die Strategie haben wählen müssen, welche wir verfolgten. Nach dem Nein zum EWR 1992 verfügten wir im Gegensatz zu all unseren europäischen Konkurrenten nicht über einen freien Himmel über Europa. Wir versuchten daher mit dem «Alcazar»-Projekt, dem Zusammenschluss von vier grossen Airlines, dieser Benachteiligung im Wettbewerb zu begegnen. Politisch wurden wir dafür stark gerügt und kamen massiv unter Druck. Das «Alcazar»-Projekt wurde begraben, und wir versuchten über die so genannte Hunter-Strategie die verlangte Eigenständigkeit zu verteidigen.

Unmittelbar nach dem Grounding entlud sich der Volkszorn über die Swissair-Verantwortlichen, so auch über Sie. Wie war das?

Es war ein Albtraum, ich konnte mindestens drei Monate nicht in ein Restaurant, ohne dass ich beschimpft wurde. Ich erhielt Morddrohungen, wurde regelrecht geächtet. All meine bisherigen Leistungen in Politik und Wirtschaft schienen nicht mehr zu zählen, das schmerzte. Bis heute bin ich der Überzeugung: Alle Verantwortlichen wollten in einem schwierigen Umfeld nur das Beste für die Swissair. Wir hatten nie eine kriminelle Absicht, und wir haben uns nicht bereichert. Die jährliche Entschädigung eines nebenamtlichen Verwaltungsrates betrug etwas über 20 000 Franken, ausbezahlt in gesperrten Aktien. Zudem gab es neben der Hunter-Strategie auch die Dual-Strategie, der Aufbau von lukrativen flugverwandten Betrieben wie der Unterhalt und das Catering. Nach der Katastrophe vom 11. September 2001 verloren diese wichtigen Unternehmen weitgehend ihren Wert und konnten in dieser völlig aussergewöhnlichen Zeit die Sicherung des Flugbetriebes nicht mehr gewährleisten. Dies alles hat das Bezirksgericht in Bülach erkannt und hat uns in allen Anklagepunkten der Staatsanwaltschaft vollumfänglich freigesprochen.

Der Politbetrieb mit seinen langwierigen Prozessen gilt als nervenaufreibend. Warum haben Sie trotzdem einen grossen Teil Ihres Lebens in der Politik verbracht?

Ich fand es immer spannend, dass ich in der Politik mit unterschiedlichsten Weltanschauungen in Kontakt kam und mit diesen eine Lösung suchen musste. Niemand hat die ganze Wahrheit für sich - der Gewerkschafter blickt anders auf eine Situation als der Betriebsinhaber. Das hatte zur Folge, dass ich trotz eigener Überzeugung anerkennen musste, dass der- oder diejenige auf der anderen Seite auch ein Stück weit recht hat. Und darum braucht es den Kompromiss, in dem jeder seine Wahrheit auch wieder findet. Darin gründet die bisherige enorme Stabilität der Schweiz. Wenn wir die Fähigkeit zum Kompromiss verlieren, verliert die Schweiz. Das wäre eine dramatische Entwicklung.

Und wohin entwickeln wir uns?

Sagen wir es so: Manchmal bin ich besorgt.