Für eine Seegfrörni wie zuletzt 1963 hat es wieder einmal nicht gereicht. Doch immerhin hat die Kälte der letzten Tage dazu geführt, dass die Sihl zu beachtlichen Teilen zugefroren ist. Dort, wo die Strömung schwach und das Wasser flach ist, spazieren Hunde übers Eis. Manchmal lösen sich auch ganze Eisschollen und treiben in Richtung Zürich.

Damit dies nicht zu einer Katastrophe führt, wurde 1967/68 auf der Allmend Brunau ein Eiswehr in die Sihl gebaut. Sein Zweck besteht darin, Eisschollen aufzuhalten, sodass sie nicht die etwas weiter flussabwärts im Fluss stehenden Betonpfeiler der Sihlhochstrasse beschädigen – oder den Sihldurchfluss unter dem Hauptbahnhof Zürich verstopfen, wie Oliver Rupar erklärt.

Eisklumpen auf der Sihl

Rupar und Aldo Casali arbeiten fürs kantonale Tiefbauamt. Eigentlich ist der Autobahnunterhalt ihr Job. Doch am Rande gehört auch der Unterhalt des Eiswehrs dazu, das ja indirekt mit dem Autobahnunterhalt zu tun hat – siehe Sihlhochstrasse.

So viel Eis, dass das Eiswehr dringend nötig wäre, gab es allerdings nie, seit Rupar 2011 dort zu arbeiten begann. Er blättert in einem Ordner und zeigt Fotos aus dem Jahr 1980, als massenweise Eisklumpen auf der Sihl trieben und das Wehr seinen Zweck erfüllte. «Befreit Grönland vom Packeis», lautete damals eine Parole der Zürcher Jugendbewegung. Den Soundtrack dazu liefert die Band Grauzone mit einem gewissen Stephan Eicher: «Ich möchte ein Eisbär sein...» begann 1980 ihr erster Hit.

Vieles hängt von den Schwyzern ab

Doch zurück in die Gegenwart. Casali und Rupar lassen die Barriere des Eiswehrs, die seit dem letzten Hochwasser auf der halben Flussbreite offen stand, langsam herunter. 75 Zentimeter hoch soll die Öffnung bleiben, durch die das Wasser hindurch strömen kann.

Wie immer an der Sihl hängt vieles von den Schwyzern ab, die am Sihlsee-Staudamm den Wasserpegel regulieren. Rupar schaut auf den Computerbildschirm in der Kontrollkabine des Eiswehrs: Das Wasser fliesst jetzt auf 422,3 Metern über dem Meer durch das Eiswehr. Ein blauer Strich an der Betonwand zeigt den Höchststand, den das Wehr aushalten würde. Er liegt bei gut 427 Metern und wurde bisher nach dem Kenntnisstand von Casali und Rupar noch nie erreicht. Gemächlich passiert das Wasser unter dem Eis das Wehr. Die Sihlhochstrasse steht noch.