André Sandmann schaut auf seine Hände. Sie halten fünf Stifte. Zwei braune wählt er aus und legt sie neben das A4-Notizbuch mit dem Namen «Illustriertes Tagebuch 16». Es ist Mittagszeit und Sandmann sitzt an einem der Holztische in der Café-Bar des Volkshauses in Zürich. «Dann leg ich mal los», murmelt er und lächelt schüchtern. Seine rechte Hand mit dem Farbstift in der Hand dreht zuerst noch ein paar Luftkreise über dem noch weissen Papier.

Mit leicht nach links abgedrehtem Körper sitzt er nun da. Seine Augen pressen sich zusammen. Immer wieder blickt er auf, während sich mittlerweile seine rechte Hand über das weisse Papier bewegt. Sein Mund öffnet sich gelegentlich leicht, dann beisst er sich auf die Unterlippe, um dann wieder seine Lippen zusammenzupressen. Seine Wangen beginnen sich nach nur wenigen Minuten in der warmen Luft des Cafés leicht zu röten.

«Man muss schnell zeichnen. Das fordert mich heraus», sagt Sandmann, ohne von seiner Skizze hochzusehen. Was der gelernte Grafiker und Illustrator während seiner Mittagspause macht, nennt man «Urban Sketching». Er zeichnet also, was ihm in seinem städtischen Kontext vor die Nase kommt. «Dennoch hat niemand deinen Blick», sagt Sandmann lächelnd. Soeben haben sich ihm zwei junge Männer ins Bild gesetzt. «Man muss auch improvisieren können. Das ist das Schöne an der künstlerischen Freiheit.» Sandmann lächelt wieder.

Hinschauen anstatt vorbei gehen

Sein eigentliches Sujet sind zwei Frauen an einem Bistrotisch vor der grossen Fensterfront, die den Blick auf die Kaserne und den Helvetiaplatz im Chreis Cheib öffnet. «Menschen sind interessant. Was passiert und wie bewegen sie sich? Solche Handlungen faszinieren mich. Gerade weil sie persönlich und flüchtig sind», sagt Sandmann. Er blickt drei Mal hintereinander von der Skizze in die Richtung der beiden Frauen.

Sandmann versucht, mit seinen Skizzen Geschichten zu erzählen. Weil diese das Leben schreibt, hat er immer ein Skizzenbuch dabei. Manchmal auch ein kleineres, wie er sagt. Zwischendurch male er auch in Leporellos. Dann verwebe er anfänglich unabhängige Skizzen über mehrere Seiten hinweg zu einer Geschichte. Mit dem Skizzieren nimmt Sandmann seine Umgebung intensiver und detaillierter wahr: «Ich halte die Umgebung für einen Moment an.» Er müsse sich auf jedes Detail einlassen; wie spiegelt sich das Licht, wie sieht die Hand aus, die ein Bier in der Hand hält?

Sein Hobby gibt ihm einen Grund, an Orten stehenzubleiben, an denen die meisten Menschen vorbeigehen würden. «Darin einzutauchen und langsam ein Bild entstehen zu lassen, trifft den Nerv der Zeit und hat gleichzeitig etwas Meditatives», so Sandmann. Während er das sagt, zeichnet seine Hand unaufhörlich weiter. «Eine Skizze entsteht langsamer als ein Bild. Ein Foto schiessen und mit einem Filter aufhübschen kann jeder, der ein Smartphone besitzt», erklärt der gelernte Grafiker weiter. In einer Zeichnung seien das handwerkliche Können und die eigene Handschrift auf den ersten Blick ersichtlich.

Etwas hat gefehlt

Dass Sandmann trotz seines beruflichen Hintergrundes zum Skizzieren kam, erklärt er mit einem Wort: «Kompensation.» Als er in den 90er-Jahren seine Berufslehre in Angriff nahm, gehörte er zur ersten Generation, die als Grafiker mit dem Computer gearbeitet hat. In den folgenden Berufsjahren hat er internationale Marken betreut, deren Erscheinungsbild vervielfältigt werden musste: «Es gab keinen Raum für Designkonzepte mit individueller Handschrift.» Deshalb reduzierte er sein Pensum, um jeweils einen Tag für sich zu zeichnen.

Ganz ohne Internet und Technik ging es dann aber doch nicht: «Im Web habe ich von der Urban-Sketching-Bewegung erfahren», so Sandmann. Darüber hat er Gleichgesinnte gefunden: Oft seien es Architekten, Grafiker oder Gestalter, die das Zeichnen als Hobby pflegen. «Wir haben alle dasselbe Manko – uns fehlte das Handwerkliche im Beruf», sagt Sandmann.

Entstanden ist die Bewegung unter Gabriel Campanario, Kolumnist und Illustrator bei der Seattle Times, vor rund zehn Jahren in den USA. Mittlerweile sei das Netzwerk von wenigen Zeichnern auf einige über Hundert weltweit angewachsen, wie Sandmann weiss. Ein Freund von ihm hat 2011 den ersten regionalen Blog «Urban Sketchers Basel» ins Leben gerufen. Nur ein Jahr später stiess Sandmann zur Gruppe. Auf seine Initiative hin wurde der Blog zu «Urban Sketchers Switzerland» umbenannt. Auf der Plattform veröffentlichen – mal mehr oder auch weniger regelmässig – Skizzen-Zeichner aus der ganzen Schweiz «was ihnen vor die Nase kommt».

Digitales holt Analoges hervor

Im Digitalen liegt für Sandmann deshalb Fluch und Segen. «Ich habe dadurch andere Gestalter gefunden, mit denen ich meine Leidenschaft fürs Zeichnen teilte», so Sandmann. Dank der Gruppe sei das stille, meist einsame Hobby lebendiger geworden. Über die Gruppe tausche man sich aus, es gebe Reaktionen auf Skizzen, ein Mal jährlich zeichne man zusammen. «Das Digitale schwemmt das Analoge wieder an die Oberfläche», so Sandmann. Neu sei am Skizzieren nichts. Schon Goethe habe seine Italienreise durch Zeichnungen festgehalten. Der Nachteil am Internet sei, dass es das Hobby wohl massentauglich mache. «Dann beginnt es irgendwann um Geld zu gehen», so Sandmann. Denn ein Netzwerk habe auch immer etwas Kompetitives.

So fleissig wie vor sechs Jahren skizziert der Geschäftsführer einer Designagentur heute nicht mehr. Neben Familie und Beruf bleibe wenig Zeit, dennoch versuche er täglich Raum dafür zu schaffen: «Handwerk hat mit Üben zu tun», so Sandmann. Dafür zeichnet er beruflich mittlerweile wieder mehr. «Das Handwerk wird seit ein paar Jahren auch von Kunden wieder mehr geschätzt», sagt er während sein Blick auf der Skizze ruht. Seine Hand hält inne. «Das Ende einer Skizze zu finden, ist schwierig. Man kann sie auch tot malen und dem einzelnen Strich damit das Expressive entziehen», sagt Sandmann. Durch das Unfertige behalte die Skizze ihren Charme: «Sie muss nicht alle Details ausformulieren. Das ist ebenfalls eine künstlerische Freiheit», so Sandmann. Wenn gewisse Elemente nur angedeutet würden, habe dies für den Betrachter einen Reiz: «Er denkt sich die Geschichte quasi zu Ende. Er ergänzt sie in seiner Vorstellung.» Das sei die Stärke einer Skizze.