Seit fünf Uhr in der Früh sei sie wach, erzählt Abir Louca aus Stäfa. «Ich war so aufgeregt.» Früh aufstehen musste sie aber sowieso; denn sie war für den Papstbesuch als eine von 15 Frauen mit ihren Kindern als Helferin im Einsatz – und um 7.45 Uhr musste in der Kirche in Grafstal, einem Ortsteil der Gemeinde Lindau im Zürcher Oberland, alles bereit sein. Denn dann traf der hohe Besuch, gesäumt von Sicherheitsleuten des Aussendepartements, in einer Limousine ein. Es handelte sich allerdings nicht um das Oberhaupt der römisch-katholischen, sondern um das 118. der koptisch-orthodoxen Kirche, um Papst Anba Tawadros II., Patriarch von Alexandria.

Schon 2017 war sein Besuch geplant, doch er musste ihn aus gesundheitlichen Gründen verschieben. Gestern hat er die ehemalige katholische Kirche in einer rund vierstündigen Feier geweiht. 2016 hatten die ägyptischen Christen das Gotteshaus im Baurecht übernommen. Mittlerweile leben rund 120 koptische Familien in Zürich und Umgebung. Das sind fast doppelt so viele als noch vor gut einem Jahr. Dass sie ihren Papst einmal zu Gesicht bekämen, sei sehr speziell und eine grosse Ehre, sagt Louca. Sie habe dafür extra freigenommen. Das war auch nötig – die Feierlichkeiten dauerten noch bis in die Abendstunden an.

Bibellesungen und Gebete

Das eigentliche Fest zur Kirchenweihe hatte schon vor Eintreffen des Papstes begonnen – mit Bibellesungen und Gebeten, vorgetragen von den elf anwesenden Bischöfen aus Frankreich, Italien, Ungarn und Südkalifornien. Sie alle tragen weisse Gewänder, reich bestickt mit dem Kreuz oder Bildern von Jesus. Jenes des Papstes ist goldig bestickt. Auch sein flacher Hut, Talasana genannt, schimmert golden.

Unter den Gästen befinden sich etwa Marian Eleganti, katholischer Weihbischof des Bistums Chur, Monika Schmid, Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Martin in Illnau-Effretikon, der ägyptische Botschafter sowie der Gemeindeschreiber aus Dietlikon, wo die Kopten ebenfalls eine Kirche haben. Da die Bischöfe, Pfarrer und Ministranten zwischen Deutsch, Arabisch und Koptisch abwechseln, erhalten die nicht koptischen Gäste Kopfhörer mit einer Simultanübersetzung sowie Erklärungen zu den Abläufen.

Gebete, Fürbitten und Lesungen wechseln sich ab. Die Gemeinde antwortet mit Sprechgesängen. Die Frauen sitzen rechts, die Männer links in der Kirche. Die Helfer, ausgerüstet mit Pfadfinderhemden und -foulards, achten darauf, dass niemand im falschen Moment im Weg steht. Es ist ein Kommen und Gehen. Die Sicherheitsleute müssen sich recken und strecken, damit sie immer alles und vor allem den Papst im Blickfeld haben.

Vorne in der Kirche befindet sich die Ikonostase, eine 2,8 Tonnen schwere hölzerne Wand, die mit Ikonen geschmückt ist und den Kirchenraum vom Altar trennt. Auf ihr sind etwa die Kirchenheilige, die heilige Verena, sowie Maria abgebildet. Tawadros hat Altar, Ikonostase und Taufbecken mit Myron, einem heiligen Öl, gesalbt. Nun ist das Gebäude endgültig eine Gottesdienststätte der ägyptischen Minderheit.

14. Mai wird ein Feiertag

«Ich freue mich, dass ich da bin», sagt Tawadros vor den rund 400 Anwesenden aus ganz Europa. Der 14. Mai gilt ab sofort für die Kopten der Diözese Schweiz und Österreich als Feiertag, denn an diesem Tag ist ihre Kirche geweiht worden.

Tawadros spricht auch vom heiligen Asanasius, einem Diakon, der 291 geboren wurde und sich als Erster darum kümmerte, dass Kirchen gebaut wurden. «Früher haben wir in Höhlen und Grabstätten gebetet.» Da und dort entlockt er seiner Gemeinde auch ein Lachen. Etwa, als er von einem Fisch spricht, der etwa ein Jahr lang in Salz eingelegt wird und fürchterlich stinkt. Er wird am Frühlingsfest im März gegessen. «Darf man den überhaupt in die Schweiz importieren?», fragt er.