Interview
Historiker kritisiert neue Nationalhymne: «Die verwendete Symbolik ist gefährlich»

Der Autor und Historiker Thomas Heckendorn kritisiert die neue alternative Nationalhymne. Sie beinhalte quasivölkische Symbolik. Eine zeitgemässe Hymne müsse anders funktionieren.

Lionel Hausheer
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«Diese Hymne ist eine vertane Chance», sagt Thomas Heckendorn, Autor und Historiker aus Flaach.

«Diese Hymne ist eine vertane Chance», sagt Thomas Heckendorn, Autor und Historiker aus Flaach.

Tamedia AG

Traditionen frisch zu erfinden, ist keine leichte Aufgabe. Trotzdem wird das gerade versucht: Die Schweiz soll eine neue Hymne bekommen, beschloss die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) vor einigen Jahren. Und schrieb im Januar 2014 einen Wettbewerb aus. Nach einem Juryentscheid und einem öffentlichen Voting stand der Gewinner fest. Der neue Text stammt von Werner Widmer aus Zollikerberg:

Weisses Kreuz auf rotem Grund,

unser Zeichen für den Bund:

Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.

Offen für die Welt, in der wir leben,

lasst uns nach Gerechtigkeit streben!

Frei, wer seine Freiheit nützt,

stark ein Volk, das Schwache stützt.

Weisses Kreuz auf rotem Grund,

unser Zeichen für den Schweizer Bund.

Die neuen neun Zeilen werden dieses Jahr an verschiedenen Feiern gesungen, in den nächsten Jahren will die SGG den Vorschlag dem zuständigen Bundesamt offiziell unterbreiten. Doch Thomas Heckendorn, Autor und Historiker aus Flaach, sieht den Text kritisch. Er hat mit der Komponistin Kathrin Ammann selber am Wettbewerb für eine neue Hymne teilgenommen.

Was ist das Problem mit der neuen Hymne?

Thomas Heckendorn: Die Strophe beginnt und endet mit der Beschwörung der Fahne. Und dies in einer Zeit, in der ein simpler Hurrapatriotismus nicht mehr angebracht ist.

Warum nicht?

Der Text weckt böse Erinnerungen ans letzte Jahrhundert. Im Horst-Wessel-Lied der Nationalsozialisten beispielsweise findet sich ein ähnliches Schema. «Die Fahne hoch!», heisst es am Anfang, und «Die Freiheitsfahne hebt», riefen die Nazis am Ende des Liedes. Die Fahne sei Symbol des «unseren Geist gemahnenden Willens», schrieb der Nationalist Herbert Böhme 1935.

Was ist denn der Wille einer Fahne?

Fahnen gehen voraus, sie sind Symbol einer kriegerischen Vergangenheit mit Expansion und Herrschaftsansprüchen. Deshalb haben auch die SA-Truppen im Dritten Reich gerne ihre Fahne besungen.

Aber eine Nationalhymne ist, direkt übersetzt, ein Lobgesang auf die Nation. Da ist nun mal ein wenig «Hurrapatriotismus» ...

Muss es eben nicht sein! Man könnte auch eine Landeshymne kreieren mit einer ökologischen, völkerverständigenden Botschaft, mit Werten, welche solche Stärken betonen. Stattdessen verfällt man in alte Muster und greift auf quasivölkische Symbole der Vergangenheit zurück und singt von einem starken Volk unter der einen Fahne.

Doch ging nicht die Idee der SGG für eine neue Landeshymne in genau diese Richtung?

Doch, die SGG suchte nach Vorschlägen, die sich an der Präambel der Bundesverfassung orientierten und an den darin beschriebenen Werten. Es sollten aber möglichst keine mythologischen Referenzen oder historischen Bilder im Text vorkommen. Doch das ist nun, da man versucht hat, die Geschichte auszuklammern, genau passiert. Die Geschichte ist durch die Hintertür eben doch im Text gelandet. Und zwar eine geschichtliche Referenz, die man nicht unterstützen kann.

Sind Sie Patriot?

Ich bin nicht in dem Sinne Patriot, dass ich denke, die Schweiz wird es weiterhin geben, wenn es den Planeten schon nicht mehr gibt. Ich denke auch nicht, die Schweiz soll eine Insel sein auf der Welt. Als Patriot bewundere ich, dass die Schweizer Geschichte viel hervorgebracht hat, wovon man lernen kann.

Zum Beispiel?

Die Überwindung von Kriegen: Die Schweiz musste viele Fehler machen auf dem Weg zum heutigen Föderalismus. Die müssen andere Länder nicht wiederholen, wenn man schauen kann, wie die Schweiz das gelöst hat.

Sind das die Schweizer Werte, die Sie vorhin meinten?

Unter anderem. Genauso stolz kann man auf die Schweiz der humanitären Dienste sein. Oder die Schweiz, die eine friedensfördernde Vermittlerposition in unzähligen Konflikten einnimmt. Das sind zeitgemässe Werte, auf die die Schweiz stolz sein kann.

Eine Nationalhymne, die den Kantönligeist besingt?

Das ist sinnvoller, als eine Fahne, dreimal Freiheit und ein starkes Volk zu besingen. Eine zeitgemässe Landeshymne muss den nationalen Rahmen sprengen, die völkerverständigenden Elemente müssen überwiegen. Der SGG-Vorschlag für eine neue Landeshymne ist eine vertane Chance.

Sind Sie ein bisschen gekränkt, weil Ihr Wettbewerbsbeitrag nur auf Platz drei gelandet ist?

Nein. Wir sind mit unserem Vorschlag 2014 angetreten, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Aus meiner Sicht ist die alte Nationalhymne ungleich zeitgemässer als der schliesslich obsiegende Vorschlag. Der Schweizerpsalm beinhaltet ein starkes ökologisches Element, das heute wichtiger wird, aber im Vorschlag fehlt.

Na ja, aber ein Gebet auf die Nation wirkt doch unpassend, wenn eine Mehrheit nichts mit Gott anfangen kann.

Der Vater des Vaterlandes, Gottfried Keller, war ein sehr weltlicher Mensch, hat aber «Bettagsmandate» geschrieben. Er könnte durchaus hinter einer Hymne stehen, in der ein weltimmanenter Gott präsent ist. Wenn man den Schweizerpsalm im Kontext seiner Zeit liest, dann benutzt er zwar sprachliche Elemente des Gebets, beschwört aber primär das Lebensgefühl der Alpenrepublik und das Walten der Natur als schöpferisches Prinzip.

Hat Ihre Schadensbegrenzung funktioniert?

Ich muss sagen, dass wir mit unserem Vorhaben gescheitert sind, durch einen eigenen Beitrag Schlimmeres zu verhüten. Der Vorschlag für eine neue Landeshymne ist schlimmer als die alte. Die verwendete Symbolik ist nicht nur veraltet, sondern gefährlich.