Sie werden immer jünger. Bis im Jahr 2020 werden einige Kindergärtler erst wenige Tage nach ihrem vierten Geburtstag in die unterste Stufe eintreten. Regulär wurden bis vor wenigen Jahren nur Kinder eingeschult, die vor dem 30. April geboren wurden. Wegen der Harmonisierung der obligatorischen Schule wird der Stichtag für die Einschulung verschoben: bis 2020 schrittweise auf Ende Juli.

«Ein Grossteil der Gesellschaft will, dass die Kinder immer früher eingeschult werden», sagt Brigitte Fleuti, Kindergärtnerin und Präsidentin des Verbandes Kindergarten Zürich (VKZ). «Insbesondere Eltern, die beide berufstätig sind.»

Manche tragen noch Windeln

In den Kindergärten hat diese Entwicklung Folgen. Das zeigen nun die Ergebnisse einer Umfrage, die der VKZ und der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV) im Herbst 2017 in den Zürcher Kindergärten durchgeführt haben. In fast allen Klassen gebe es mindestens ein Kind, das häufig weine, sich nicht von den Eltern lösen könne oder sonst durch kleinkindliches Verhalten auffalle. Manche tragen noch Windeln.

Nur schon gemeinsames Turnen sei schwierig, sagt Fleuti. «Es gibt Kindergärtler, die sich noch nicht selber ein T-Shirt überstreifen können.» Sie habe schon Elternbriefe verschickt mit der Bitte, das Umziehen mit den Kindern zu üben.

Entlastung dank Assistenzen

Die Heterogenität habe enorm zugenommen, sagt Fleuti, auch was die Begabungen und sprachlichen Voraussetzungen betreffe. In der Hälfte aller Klassen hätten laut Umfrage mindestens ein Viertel aller Kinder keine oder sehr geringe Deutschkenntnisse. In zwei von fünf Klassen muss mindestens ein Kind integrativ unterrichtet werden.

In einigen Schulen werden die Kindergärtnerinnen von Klassenassistenzen unterstützt: Teilzeitmitarbeitende, die nicht zwingend ausgebildetete Pädagoginnen sein müssen. «Sie sind eine grosse Unterstützung, damit der Unterricht überhaupt stattfinden kann», sagt Fleuti. Gemäss der Umfrage unterstützt jede vierte Zürcher Gemeinde den Schulstart ihrer Kindergärtler mit Assistenzpersonal. «Das zahlt sich aus, weil dadurch alle Kinder eine faire Startchance haben.»

Ein guter Einstieg in die schulisches Laufbahn sei unbezahlbar, sagt Fleuti. Ein schlechter Start wirke sich dagegen oft negativ auf die ganze Schulkarriere aus – mit teils horrenden Folgekosten. Wolle man das frühe Eintrittsalter belassen, müssten die Rahmenbedingungen zwingend angepasst werden.

VKZ und ZLV fordern deshalb, dass Klassenassistenzen nicht nur in jenen Gemeinden eingesetzt werden, die es sich leisten können oder wollen. Alle Gemeinden sollen dazu verpflichtet werden. Jede Kindergartenklasse sei während der ganzen Unterrichtszeit von einer Klassenassistenz zu unterstützen – zumindest im ersten Semester.

Initiative mit schwerem Stand

Der Pfäffiker EVP-Kantonsrat Hanspeter Hugentobler hat die Forderung der beiden Verbände bereits auf politischer Ebene platziert. Mit den SP-Kantonsrätinnen Monika Wicki (Zürich) und Carmen Marty Fässler (Adliswil) hat er Ende Januar eine gleichlautende Parlamentarische Initiative eingereicht. «In Kindertagesstätten darf eine Person nicht mehr als sechs Kinder betreuen», sagt Hugentobler, der in Pfäffikon Schulpräsident ist. «Es ist nicht nachvollziehbar, wieso dieser Schüssel mit dem Eintritt in den Kindergarten schlagartig von 1:6 auf 1:21 oder gar 1:24 wechseln soll.» Komme hinzu, dass im Kindergarten Lerninhalte vermitteln werden müssen – und die Kinder nicht nur betreut werden.

Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) findet den Einsatz von Klassenassistenzen gut. Sie ist allerdings der Ansicht, dass die Gemeinden autonom entscheiden sollen, ob und wo sie Assistenzpersonal einsetzen wollen.

Der gleichen Ansicht ist SVP-Kantonsrat Matthias Hauser. Der Bildungspolitiker und Lehrer aus Hüntwangen kennt das Problem mit den Kindergärtlern, die immer jünger werden. Er habe vor der Verschiebung des Kindergartenalters gewarnt, sagt Hauser. «Jetzt haben wir den Schlamassel.» Doch er findet es falsch, nun allen Gemeinden Klassenassistenzen aufzuzwingen. Im mehrheitlich bürgerlichen Kantonsrat dürfte die selbe Meinung vorherrschen. Weshalb Hugentoblers Vorstoss und die Forderungen des VKZ und ZLV wohl einen schweren Stand haben werden.