Limmattal
Herbstzeit ist Chilbizeit – in Urdorf ist sie dieses Jahr speziell

Den Start in die Saison im Limmattal machen die Urdorfer. Dort hat man einen besonderen Grund zum Feiern: Die Chilbi wird 40 Jahre alt.

Sandro Zimmerli
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Urdorfer Chilbi
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Urdorfer Chilbi
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AZ

Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um das erste Fondue der Saison zu essen? Für viele Urdorfer ist diese Frage schnell beantwortet – an der Chilbi natürlich. Das Käsegericht, das von der Knabengesellschaft angeboten wird, ist mittlerweile ein Chilbiklassiker, ebenso wie etwa die Rösti mit Leberwurst des Feuerwehrvereins oder die Pouletflügeli des Tischtennisclubs. Ab nächstem Freitag stehen die Köstlichkeiten wieder auf dem Menüplan. Dann startet die Chilbi, die eigentlich ein Dorffest ist und für viele Urdorfer zu einem unverzichtbaren Treffpunkt geworden ist.

«Manch ein Urdorfer kauft am Chilbiwochenende nicht ein», sagt René Ruf, Präsident des Chilbivorstands. Zu verlockend ist das kulinarische Angebot, das von den 14 Vereinen bereitgestellt wird. Es ist Teil eines Erfolgskonzeptes, dessen Grundstein vor 40 Jahren gelegt wurde. Damals rief das Kartell der Ortsvereine den Chilbivorstand ins Leben. Die Vereine nahmen das Schicksal der Chilbi, die damals Teil des Herbstmarktes war, aber eher ein Schattendasein fristete, selbst in die Hand. Seither sprechen sie sich über das Kulinarische ab, sodass «nicht alle nur Pommes frites anbieten», wie Platzchef Roger Schmidinger sagt. Auch Organisatorisches wird an der Chilbiversammlung mit dem Vorstand besprochen. «Die Vereine sind mit viel Herzblut dabei. Sie stellen nicht bloss ein Zelt auf den Platz, sondern schmücken es aussen und innen», sagt Ruf. Bei der Knabengesellschaft kann man sich dieses Jahr aus Anlass des Jubiläums sogar auf dem Dach der Festhütte verköstigen.

Autoscooter darf nicht fehlen

Natürlich gehören zu einer Chilbi auch Bahnen und Marktfahrer. «Der Mix aus all dem macht die Urdorfer Chilbi aus», sagt Ruf. Dabei werde darauf geachtet, dass für jedes Alter etwas dabei ist, ergänzt Schmidinger. «Für die Kleinen versuchen wir, jedes Jahr entweder ein Trampolin oder eine Rutsche zu organisieren», sagt der Platzchef. Und natürlich dürfe ein Autoscooter nie fehlen. «Bei den verrückten Bahnen, die einem den Magen umdrehen, muss man allerdings jedes Jahr etwas Neues bieten», sagt Schmidinger. Wobei es nicht darum gehe, immer schnellere oder spektakulärere Bahnen zu präsentieren. Die Chilbi soll ein familiärer Dorfanlass bleiben, so wie es Ruf und Schmidinger als Kinder und Jugendliche selber erlebt haben. «Als Kind war ich wegen der Bahnen an der Chilbi. Als Jugendlicher war sie in erster Linie ein Treffpunkt», sagt Ruf. Und heute geniesse er es, von Festbeiz zu Festbeiz zu schlendern.

Die Einkehr in den verschiedenen Zelten wollen die Urdorfer nicht missen. Deshalb klappte auch der Versuch nicht, nur ein Festzelt aufzustellen, in dem alle Vereine ihre Speisen anboten. «Der Widerstand war gross. Also blieb es ein einmaliges Unterfangen», sagt Schmidinger. Andere Veränderungen musste die Chilbi notgedrungen in Kauf nehmen. «Früher gab es noch zwei Festplätze. Jener auf dem Mehrzweckplatz Zwischenbächen und jener beim Zentrum Spitzacker. Als dieses erweitert wurde, mussten wir ganz auf den Mehrzweckplatz umziehen», so Schmidinger. Nach Gesprächen mit der Gemeinde, welche die Chilbi immer grosszügig unterstütze, habe man dann auch die an den Platz angrenzende Wiese nutzen dürfen. «Dadurch konnte die im Spitzacker weggefallene Fläche kompensiert werden», sagt Schmidinger.

Auch für die Nachtschwärmer hat sich gegenüber früher etwas verändert. «Es gab Zeiten, da verliessen die letzten Besucher die Bar des FC Urdorf erst am Morgen, um dann direkt aufs Chlösterli zu wechseln, wo das erste Spiel angepfiffen wurde», sagt Ruf. Mit den heutigen Polizeistunden ist das nicht mehr möglich. Dennoch laufen die Bahnen bis 0.30 Uhr. Die Vereinszelte haben am Samstag immer noch bis 4 Uhr geöffnet.

Dem Besucherandrang hat dies keinen Abbruch getan. «Jedes Jahr kommen viele alte Urdorfer, die nicht mehr hier wohnen, an die Chilbi, weil sie wissen, dass man hier das ganze Dorf trifft», so Ruf. Das sei dem grossen Zusammenhalt in der Gemeinde zu verdanken. Man unterstütze sich gegenseitig, das sei typisch für Urdorf, sagt Ruf. «Findet in der Gemeinde ein Anlass statt, dann ist es Ehrensache, ihn zu besuchen.»

Stieg die Feuerwehr aufs Karussell, wurde es brenzlig

Es war vergebens. Die Menschen in der Zürcher Landschaft liessen sich ihre lieb gewonnenen Volksfeste nicht verbieten. So sehr sich die Obrigkeit nach der Reformation auch bemühte, die Ausschweifungen einzudämmen, die Kirchweih samt Festschmaus und Jahrmarkt blieb fester Bestandteil im Jahreskalender der Landbevölkerung. Bis heute haben die Feste, die sich aus den jährlichen Erinnerungsfeiern an die Kircheneinweihung entwickelten und seit langem schon Chilbi genannt werden, nichts von ihrer Faszination verloren.

Vielerorts – besonders im Zürcher Oberland, aber auch im Limmattal – sind sie immer noch wichtige Anlässe in der Gemeindeagenda und lösen bisweilen gar Diskussionen auf politischer Ebene aus. Etwa in Dietikon, wo die Chilbi in den letzten Jahren verschiedentlich zu reden gegeben hatte, auch in Form von Anfragen im Parlament. So geschehen 2007, als vom traditionellen Standort auf dem Zelgli-Parkplatz kurzzeitig abgerückt und ein Versuch auf dem Pausenplatz des Schulhauses Zentral durchgeführt wurde. 2008 und 2009 fand sie dann wieder auf dem Zelgli statt. Auch in Schlieren war die Chilbi schon Politikum. Beispielsweise im Jahr 1950, als über ein neues Datum diskutiert wurde. So sollte der Anlass, der traditionell um Martini, also den 11. November, stattfindet, aus witterungsbedingten Überlegungen auf den ersten Sonntag im September verlegt werden. Die Schulpflege und auch der Gemeinderat, mit Ausnahme des Polizeivorstandes, waren dafür. Doch die Gemeindeversammlung sprach sich dagegen aus. Unter anderem deshalb, weil im September in der Umgebung an verschiedenen Orten Chilbis stattfänden und daher Schausteller mit interessanten Bahnen nur schwierig zu engagieren seien.

In der Tat haben sich vielerorts die Kirchweihen in ihren langen Geschichten zu eigentlichen Herbstfesten entwickelt. Denn neben dem Tag der Kircheneinweihung setzten sich in Anlehnung an bäuerliche Erntefeste immer öfter auch Spätsommer- bis Novembertermine durch. In Schlieren findet sicher seit 1713 eine Chilbi statt. In jenem Jahr wurde die Kirche ausgebaut. Schon damals feierte man immer um Martini. Denn früher war dieser Tag für die Bauern immer auch der Zinszahltag.

Viele Standorte in Dietikon

Auch in Dietikon wird die Chilbi traditionell im Herbst gefeiert, genauer am Sonntag nach dem Gallustag. Üblicherweise handelt es sich um den dritten Sonntag im Oktober. Ihren Ursprung dürfte sie Jahr 1489 haben. Damals wurde in der Kirche ein neuer Altar geweiht. Wann die Chilbi vom Frühling in den Herbst verlegt wurde, ist nicht bekannt. Sicher ist hingegen, dass um 1680 die Dietiker Chilbi wegen Ausschweifungen verboten werden sollte. Es blieb beim Versuch.

In ihrer langen Geschichte hat die Chilbi in Dietikon oftmals den Standort gewechselt. So standen Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Löwen- und Kronenplatz eine «Rössliriiti», eine Schifflischaukel sowie ein bis zwei Stände mit Süssigkeiten. Wegen des aufkommenden Verkehrs wurde sie dann auf eine Spielwiese und Mitte des Jahrhunderts auf den Zelgliplatz verlegt. Lange gehörte es zur Tradition, dass die Feuerwehr am Chilbimontag ihre Hauptübung abhielt. Nach Übungsschluss zog das ganze Korps zur Entlassung auf den Schulhausplatz. An der Chilbi wurde anschliessend oftmals der gesamte Sold verpulvert.

Davon zeugen unter anderem auch die Erinnerungen des Dietiker Journalisten Jakob Grau (1883–1968), der ausführlich über die Chilbitage seiner Jugend berichtete. Die grosse Attraktion war die Reitschule, die zwischen «Krone» und Zehntenscheune aufgestellt wurde. Sie erfreute sich bei Jung und Alt grosser Beliebtheit. «Wenn aber nach der Spritzenprobe am Chilbimontagnachmittag die Feuerwehrmannen ihren Sold bereits in Alkohol umgewandelt hatten und über die Kronentreppe hinweg auf das Karussell torkelten – dann wurde es ungemütlich», so Grau. Den Feierlichkeiten, die in den Restaurants mit viel Sauser und deftigem Essen begangen wurden, tat dies freilich keinen Abbruch.

Vor sieben Jahren sah es allerdings danach aus, als würde die Chilbitradition in Dietikon ihr Ende finden. Denn 2010 wurde sie erstmals abgesagt. Die Begründung des damaligen Veranstalters: Es sei zunehmend schwierig, attraktive Bahnen nach Dietikon zu holen. «Keine geeigneten Platzverhältnisse, zu wenig Umsatz, fehlende Innovation», hiess es. 2011 wurde die Chilbi erneut gestrichen, Schausteller und Stadt schoben sich die Schuld gegenseitig zu: Der Zelgliplatz sei nicht zentral genug, man wolle ins Zentrum, so der Veranstalter – «kein Platz, keine ausreichende Infrastruktur», konterte die Stadt. 2013 wendete sich dann das Blatt. Willy Bourquin, ein neuer Veranstalter, nahm das Heft in die Hand. Und so lebt die Tradition weiter.

Auch in Schlieren war der Chilbibetrieb am Einschlafen. Mit dem 1999 gegründeten Chilbi-Club kam wieder neuer Schwung in die Sache. Und so wird dort wie zu alten Zeit um Martini Kirchweih gefeiert.