Neues Buch

Heinz Lüthi: «Vom Dorfklatsch bekomme ich immer noch etwas mit»

Heinz Lüthi liest am Sonntag in Dietikon aus seinem neuesten Werk.

Heinz Lüthi liest am Sonntag in Dietikon aus seinem neuesten Werk.

Heinz Lüthi hat einen historischen Roman über das Limmattal geschrieben. Am Sonntag wird das Mitglied des Cabaret Rotstift sein Buch «Strömungen» an einer Lesung im Stadthaus Dietikon vorstellen.

Herr Lüthi, Sie haben dem Limmattal über 500 Seiten in ihrem neusten Buch «Strömungen» gewidmet. Was fasziniert Sie an der Region?

Heinz Lüthi: Die Dynamik im Limmattal ist spannend. Industrie und Ländliches liegen nahe beieinander. Die Region zeigt beispielhaft die Entwicklung des Schweizer Mittellands auf. Agglomeration ist die Zukunft. Früher oder später wird es im Mittelland überall so aussehen.

Sie wohnen heute in Richterswil, lebten aber von 1962 bis 2003 in Weiningen und waren dort als Primarlehrer tätig. Ist das Buch als Liebeserklärung an ihren alten Wohnort zu verstehen?

Eine Liebeserklärung ist es nicht, aber auch keine Kriegserklärung oder Abrechnung (lacht). In den 40 Jahren ist die Gegend für mich zu einem Stück Heimat geworden, die ich auch mitgestalten konnte. Die gibt man nicht einfach wieder auf. Ich bin nach wie vor mit dem Dorf verbunden.

Das heisst, es zieht sie ab und zu vom Zürichsee zurück an die Limmat?

Ja, so könnte man es sagen. Mein Sohn wohnt in unserem Haus in Weiningen. Meine Enkel wachsen im Limmattal auf. Und meine älteste Enkeltochter unterrichtet sogar an der selben Schule wie ich. Vom Dorfklatsch bekomme ich also immer noch etwas mit (lacht).

Es kann demnach kein Zufall sein, dass der Fuhrmann Emil «Miggel» Ehrsam, einer der Protagonisten im Buch, aus Weiningen stammt?

Nein. Ich wollte eine Figur erschaffen, die die beiden Gemeinden Weiningen und Dietikon kennt und vereint. «Miggel» Ehrsam ist als Weininger Teil des bäuerlichen Lebens und verkehrt aufgrund seiner Arbeit als Fuhrmann in Dietikon. Er ist sozusagen das Bindeglied zwischen dem Ländlichen und dem Städtischen.

Der Fuhrmann ist eine fiktive Figur. In ihrem Roman treten aber auch reelle Persönlichkeiten auf, die damals lebten, so etwa die Dietiker «Krone»-Wirtin Anna Gstrein-Grau.

Um gewisse historische Persönlichkeiten bin ich nicht herum gekommen. Das Schöne ist, dass ich gewisse davon wie etwa die «Krone«-Wirtin sogar selbst noch kannte. Das wertet die Geschichte auf.

Heinz Lüthis Roman startet mit dem Gordon-Bennett-Ballonflugwettbewerb beim Gaswerk in Schlieren 1909.

Heinz Lüthis Roman startet mit dem Gordon-Bennett-Ballonflugwettbewerb beim Gaswerk in Schlieren 1909.

Sie schaffen es, den Leser auch auf sprachlicher Ebene ins Limmattal des 20. Jahrhunderts zu holen.

Ich hatte das Glück, während meiner Zeit als Primarlehrer in Weiningen mit vielen Einheimischen in Kontakt zu kommen, die einige Jahre älter waren als ich und noch dieses wunderbare Zürichdeutsch sprachen. Bei denen hiess die Limmat zum Beispiel noch «Limmig». Das half mir, die Handlung sprachlich möglichst authentisch wiederzugeben.

Die Limmat und andere Gewässer spielen eine bedeutende Rolle. Immer wieder tauchen Beschreibungen von der Limmat auf. Was beabsichtigen Sie damit?

Die Gewässer stellen vor allem im zweiten Kapitel einen Gegenpol zur zunehmenden Industrialisierung dar. Besonders die Limmat hat für mich etwas Spezielles, ja fast etwas Mystisches an sich. An gewissen Stellen im Buch versuche ich das durch Mythen und Wassergeister auszudrücken.

Sie waren Primarlehrer und standen 25 Jahre lang als Mitglied des Cabaret Rotstifts auf der Bühne. Wie kamen Sie dazu, einen historischen Roman zu schreiben?

«Strömungen» ist mein 15. Buch, aber erst mein zweiter historischer Roman. Der erste war «Gion da Farglix», der von einem Bergbauern im Val Lugnez handelt. Bei der Arbeit daran merkte ich, dass mir diese Form des Erzählens gut liegt. Zudem konnte ich während meiner Recherche für die «Limmattaler Jahreschronik 1903-1999» viel Wissen und Quellen über die Region sammeln. Andere Autoren müssen mühsam Quellen suchen, ich hatte sie schon.

Ihr Buch beleuchtet die Jahre 1909 bis 1929. Warum wählten Sie genau diese Zeitspanne?

Der Beginn der Geschichte machte ich am Gordon-Bennett-Ballonflugwettbewerb in Schlieren fest. Es war ein wichtiger Anlass für die Region. Er gehörte zu einem der grössten Events im letzten Jahrhundert und wurde nicht nur in Europa, sondern auch in Übersee — in den USA und Australien — wahrgenommen. Das Limmattal erhielt erstmals internationale Beachtung. Zudem bot der Erste Weltkrieg Stoff für Geschichten.

Und warum endet der Roman um 1929?

Das ergab sich aufgrund des Umfangs. Ich hatte fast 500 Seiten geschrieben und musste eine Zäsur finden. Der Börsenkrach in New York 1929, der das Limmattal und die ganze Welt in die Krise trieb, schien mir ein guter Punkt, die Geschichte zu beenden.

Die Geschichte über das Limmattal ist mit «Strömungen» aber nicht zu Ende erzählt. Sie planen einen zweiten Band, vielleicht sogar einen dritten.

Das habe ich vor, vorausgesetzt, dass ich gesund und geistig fit bleibe. Ich bin in einem Alter, in dem das nicht mehr selbstverständlich ist. Für «Strömungen» habe ich vier Jahre gebraucht. Sie können also rechnen. Ich weiss nicht, ob es noch für einen dritten Teil reicht.

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