Sonntagsgespräch
Hausarzt Andreas Petrin: «Ich setze mich nur selten ins Auto»

Die richtige Ernährung, viel Bewegung und regelmässige soziale Kontakte sind für den ehemaligen Schlieremer Hausarzt Andreas Petrin die wichtigsten Komponenten für eine gesunde Lebensführung im Alter. Er joggt jede Woche sechs Stunden.

Sandro Zimmerli (Text und Bild)
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Seit neun Jahren ist Petrin pensioniert und engagiert sich neben der Familie bei Pro Senectute, Seniorenrat und Caritas.

Seit neun Jahren ist Petrin pensioniert und engagiert sich neben der Familie bei Pro Senectute, Seniorenrat und Caritas.

Andreas Petrin, Sie setzen sich stark mit dem Thema gesunde Lebensführung im Alter auseinander. Was tun Sie persönlich für ein gesundes Leben?

Andreas Petrin: Ich achte auf die richtige Ernährung. Ich will gesund und schlank bleiben sowie eine gute Kondition aufrechterhalten.

Allein mit gesunder Ernährung wird es aber nicht gehen?

Zu der gesunden Lebensführung gehört auch die ausreichende körperliche Aktivität. Ich jogge wöchentlich etwa sechs Stunden. Darüber hinaus gehe ich überall hin zu Fuss oder mit dem Fahrrad. Nur sehr selten setze ich mich ins Auto.

Der Sportliche

Andreas Petrin wurde 1938 in Budapest geboren. Schulen und die Universität besuchte er in der damaligen Tschechoslowakei, wo er auch sechs Jahre lang im Krankenhaus arbeitete. 1968 kam er mit Frau und Sohn in die Schweiz und war in Spitälern und der klinisch-pharmakologischen Forschung tätig. 1976 eröffnete er in Schlieren eine Hausarzt-Praxis. Seit neun Jahren ist er pensioniert und engagiert sich neben der Familie bei Pro Senectute, Seniorenrat und Caritas. Zudem ist er als Klassenbegleiter und Hobby-Reiseleiter tätig. Der ehemalige Schlieremer Hausarzt Andreas Petrin will eine Senioren-Joggingruppe gründen.

Stichwort Bewegung: Sie wollen in Zusammenarbeit mit der Pro Senectute und mit der Unterstützung des Seniorenrates Dietikon eine Jogginggruppe für Senioren ab 60 Jahren ins Leben rufen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Mit der Jogginggruppe würde man eine Lücke im Sport-Angebot der Pro Senectute schliessen. Jogging, wie auch andere Sportarten, fördert sowohl die körperliche als auch die geistige Gesundheit. Es hilft vielen Krankheiten vorzubeugen, das Gewicht zu halten und die Alterung zu verlangsamen. Zudem kann es zur Steigerung des Wohlbefindens und des Selbstwertgefühls beitragen. Jogging bietet gegenüber vielen anderen Sportarten einige Vorteile.

Welche Vorteile sprechen Sie an?

Die Auswirkungen auf die Gesundheit sind sehr ausgeprägt. Man kann immer und fast überall ohne eine spezielle Ausrüstung joggen. Wenn jemand noch im Alter von über 60 joggt, übt er ein in seiner Alterskategorie seltenes Hobby aus. Daher stellt Jogging im höheren Alter etwas Besonderes dar. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob in der Schweiz bereits eine Jogginggruppe für Senioren existiert. Allerdings nimmt die Zahl der älteren Jogger zu. Leider werden joggende Senioren auch ausgelacht.

Weshalb ist das so?

Weil bei ihnen der Bewegungsablauf nicht so ästhetisch ist wie bei jüngeren Läufern. Zudem gibt es Leute, die das Gefühl haben, dass joggende Senioren übertreiben und sich unnötigerweise etwas und den anderen beweisen wollen. Diese Einstellung ist aber fehl am Platz. Man sollte es schätzen, dass sich Senioren gesund und fit halten wollen.

Besteht aber nicht auch die Gefahr, dass Sie mit Ihrer Jogginggruppe nur diejenigen ansprechen, die ohnehin schon joggen?

Die Gefahr besteht. Vielleicht spricht es sich aber im Bekanntenkreis der Teilnehmer herum, sodass dadurch auch andere Leute zum Joggen animiert werden. Ich möchte noch darauf hinweisen, dass unbedingt ein Arzt im Voraus bestimmen muss, wie intensiv sich ein älterer Mensch belasten darf.

Haben es viele Senioren nötig, sich mehr zu bewegen?

Für alle Senioren ist es wichtig, sich zu bewegen, weil körperliche Aktivität im höheren Alter sehr viele positive Auswirkungen hat. Bewegung fördert nicht nur den Körper, sondern auch den Geist.

Das alles gilt aber auch für junge Menschen?

Ja, körperliche Aktivität ist in jedem Alter gesund. Allerdings tendieren ältere Menschen eher als die jüngere Generation dazu, sich weniger zu bewegen und es ist daher sehr wichtig, sie zu mehr Bewegung zu animieren. Es ist auch kein Zufall, dass viele im Alter an Gewicht zulegen. Sie essen gleich viel wie früher, verbrauchen aber weniger Energie.

Woran liegt die Tendenz zur Bewegungsabnahme im Alter?

Es gibt verschiedene Gründe. Oft sind es Schmerzen im Bewegungsapparat und andere körperlich Gebrechen. Es ist auch bequemer zu lesen, fernzusehen oder am Computer zu sitzen als im Wald zu walken, joggen oder spazieren.

Was empfehlen Sie jemandem, der sich bewegen, aber nicht joggen will?

Es gibt unzählige Alternativen. Gartenarbeit, Walken, Schwimmen, Velofahren, Tennis, Golf, Gymnastik oder der Gang ins Fitnessstudio sind nur einige Beispiele. Jogging ist wohl bei sehr wenigen die erste Präferenz.

Die andere Komponente für ein gesundes Leben ist die richtige Ernährung. Worauf muss man achten?

Es gibt zwei Aspekte: wie viel und was. Im Alter nimmt der Energiebedarf ab. Deshalb soll man seine Energiezufuhr anpassen, um einem unerwünschten Gewichtsanstieg vorzubeugen. Ein leichtes Übergewicht ist im Gegensatz zu einer echten Fettsucht aber nicht tragisch. Leicht übergewichtige ältere Personen müssen sich nicht bemühen abzunehmen.

Wieso nicht?

Eine kalorienreduzierte Diät kann bei älteren Menschen zum Abbau der Muskulatur führen und sich auf den Stoffwechsel ungünstig auswirken. Darüber hinaus gibt es Statistiken, die zeigen, dass ältere Leute mit leichtem Übergewicht länger leben, als jene, mit idealem Körpergewicht. Ein möglicher Grund könnte sein, dass die grösseren Fettreserven in gewissen Situationen, zum Beispiel bei bestimmten Krankheiten, nützlich sind.

Kommen wir zum zweiten Aspekt: Was sollten ältere Menschen essen?

Täglich Getreideprodukte oder zur Abwechslung Kartoffeln, Hülsenfrüchte oder Mais. Ebenfalls täglich sollten sie Milch und Milchprodukte sowie reichlich Obst und Gemüse zu sich nehmen. Zwei- bis dreimal pro Woche fettarmes Fleisch und ein- bis zweimal pro Woche Meeresfisch wäre gut. Wenig Salz, wenig tierische Fette, aber täglich zwei, drei Löffel pflanzliche Öle sind ebenfalls empfehlenswert. Ältere Menschen sollten zur Stärkung der Knochen regelmässig Vitamin D, am besten in Form von Tropfen, einnehmen. Diese Empfehlungen gelten für gesunde ältere Personen.

Was und wie viel soll man trinken?

Unter normalen Bedingungen soll man täglich 1,5 bis 2 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen. Es gibt keinen besseren Durstlöscher als unser hochwertiges Leitungswasser. Süssgetränke und alkoholische Getränke sind keine Durstlöscher, sondern Genussmittel. Mineralwässer weisen gegenüber dem Leitungswasser nur sehr selten Vorteile auf.

Man hört immer wieder, dass wir ungesund leben. Stimmt das?

Wir sitzen zu viel und bewegen uns zu wenig. Stress und die Modekrankheit Burnout sind in aller Munde. Wir nehmen aber vor allem die negativen Seiten des heutigen Lebensstils wahr. Schlimm kann es mit uns nicht sein, weil unsere Lebenserwartung unaufhaltsam steigt und wir waren nie so lange fit und gesund, wie in der heutigen Zeit.

Unter der Woche hat der Seniorenrat auf Ihre Initiative ein Referat zum Humor organisiert. Dort hiess es, lachen sei gesund, besonders wenn man es mit anderen teilt. Wie wichtig sind soziale Kontakte für das Wohlbefinden?

Eine wichtige Komponente der gesunden Lebensführung stellt die Psychohygiene dar. Dazu gehört auch die Pflege sozialer Kontakte. Es ist also wichtig, dass sich Menschen treffen, sich austauschen und gemeinsam lachen. Das Lachen ist angenehm und fördert die Gesundheit, wir dürfen daher auch im höheren Alter den Alltag nicht bitterernst nehmen.

Wenn sich Senioren zum Jassen treffen, dann ist das also positiv?

Auf jeden Fall, aber Kartenspiele sind kein Ersatz für die Bewegung. Die Jogging-Gruppe, die ich etablieren möchte, würde zwei Aspekte, den sportlichen und den sozialen, vereinen.