Dietikon

«Gratisintegration für die Stadt»: Hier leben Flüchtlinge und Einwohner Tür an Tür

Sozialvorstand Philipp Müller unterhält sich mit Sultaneh O. (links) und ihren beiden ältesten Töchtern Naso und Mehriyeh (ganz rechts).

Sozialvorstand Philipp Müller unterhält sich mit Sultaneh O. (links) und ihren beiden ältesten Töchtern Naso und Mehriyeh (ganz rechts).

In drei Siedlungen leben Flüchtlinge durchmischt mit der Bevölkerung. Die Erfahrungen zeigen, dass der Betreuungsaufwand dank des Zusammenlebens tiefer ist.

Seit knapp anderthalb Jahren leben in den Dietiker Siedlungen Glanzenberg, Limmatblick und Schönegg in einigen Wohnungen Asylsuchende. Derzeit sind es gut 30 Flüchtlinge in acht Wohnungen, theoretisch reicht der Platz für bis zu 40 Bewohner. Das Pilotprojekt ist eine Kooperation zwischen der Stadt Dietikon und der Siedlungsgenossenschaft Eigengrund, der Eigentümerin der Siedlungen. Das Projekt sei gut angelaufen und bisher habe man nur positives Feedback erhalten, sagt Sozialvorstand Philipp Müller (FDP). «Es ist schön zu sehen, dass die Kooperation zwischen dem Staat und einer privaten Genossenschaft so gut funktioniert.» Die Flüchtlinge hätten sich schnell mit der restlichen Bewohnerschaft durchmischt und würden so automatisch besser integriert als in anderen Liegenschaften, wo Flüchtlinge weiter abseits von der Gesellschaft leben.

Zurzeit beherbergt Dietikon 112 Flüchtlinge aus 16 Nationen, darunter 27 Afghanen, 26 Syrer, 12 Eritreer und 10 Türken. Die Tendenz ist rücklaufend, Ende 2018 waren es noch rund 130 Flüchtlinge. Laut der vom Regierungsrat festgelegten Aufnahmequote muss die Stadt insgesamt 162 Asylplätze bieten, das Kontingent wurde kürzlich von 190 reduziert. «Wir nutzen die Chance, von den Asylzahlen her jetzt nicht so unter Druck zu stehen. So können wir nach guten Möglichkeiten für eine erfolgreiche Integration der uns anvertrauten Menschen suchen», sagt Lutz Hahn, Mediensprecher der ORS Service AG, die verantwortlich für die Betreuung der Flüchtlinge in Dietikon ist. So konnte der Wunsch der Genossenschaft berücksichtigt werden, dass vermehrt Familien in die Wohnungen einziehen.

Integration als Auftrag

Mit dem Inkrafttreten des neuen Asylgesetzes mit schnelleren Verfahren würden aus den kantonalen Zentren eher grundsätzlich diejenigen Flüchtlinge in die Gemeinden geschickt, die längerfristig in der Schweiz bleiben dürfen, sagt Müller. Seit diesem März gilt die neue Integrationsagenda des Bundes, die ein stärkeres Augenmerk auf die Eingliederung von Flüchtlingen in die Gesellschaft legt und dafür den Gemeinden mehr Mittel zur Verfügung stellt. «Das heisst für uns, dass wir die Asylbewerbenden hier integrieren müssen», sagt Müller. Vorteile der neuen Situation seien eine erhöhte Planungssicherheit und weniger Fluktuation bei den Bewohnern, ergänzt Hahn. Das Flüchtlingsprojekt in Dietikon bewertet er positiv, weil so automatisch soziale Interaktionen zwischen Flüchtlingen und anderen Mietern entstünden. «Integration funktioniert über Kontakt miteinander», sagt er. Um die Asylbewerbenden zu integrieren, müssten sonst entsprechende Dienstleistungen wie beispielsweise Integrationskurse eingekauft werden, sagt Müller. Er spricht von «Gratisintegration für die Stadt», welche die Siedlungsgenossenschaft leiste.

Dazu gehöre etwa ein Götti-System, das den Flüchtlingen in jeder Siedlung eine Ansprechperson für Fragen und Probleme zur Seite stellt, erklärt Mercedes Noetzli, Leiterin Soziokultur der Siedlungsgenossenschaft Eigengrund. Auch die Genossenschaft sieht in der Kooperation mit der Stadt bisher nur Vorteile. «Die Rückmeldungen der Bewohner sind durchs Band positiv», sagt Noetzli. Viele seien erstaunt gewesen, wie schnell die meisten Flüchtlinge in ihrem neuen Zuhause angekommen seien. Nachwuchs sei besonders wertvoll für eine gute Integration. «Über die Kinder kommt man schneller an Menschen heran, nicht nur bei Asylsuchenden», sagt Noetzli. Zudem würden Kinder auch die Sprache viel schneller annehmen und könnten ihre Eltern unterstützen.

Von Afghanistan nach Dietikon

Das zeigt sich bei einem Besuch in der Siedlung Limmatblick zwischen dem Bahnhof Glanzenberg und der Limmat. Sultaneh O. flüchtete 2013 mit ihren fünf Kindern aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet. Nach wenigen Monaten in der Schweiz zog die Familie nach Dietikon, Anfang 2018 erfolgte dann der Umzug in die Siedlung Limmatblick. Die ältesten Töchter, die 19-jährige Naso und 18-jährige Mehriyeh, sind ebenfalls zu Hause und lernen für ihre anstehenden Lehrabschlussprüfungen, während ihre drei jüngeren Geschwister gerade in der Schule sind. «Besonders für unsere Mutter war der Anfang in der Schweiz sehr schwer, auch weil wir alle noch so jung waren», erzählt Naso. Man merkt ihr an, dass sie sich gewöhnt ist, bereits seit jungen Jahren Verantwortung zu übernehmen. Sie und ihre Schwester reden beide Schweizer- und Hochdeutsch und fühlen sich hier heimisch, obwohl sie ihre Familie in Afghanistan vermissen. «Ich habe mich gar nicht als Asylbewerberin oder Ausländerin gefühlt», sagt Naso. In der Schule habe sie schnell Freunde gefunden und einen guten Kontakt zu den Lehrpersonen gepflegt.

An der Limmat gefällt es ihnen viel besser als in ihrer vorherigen Bleibe, die viel kleiner war. Sie seien sich früher in Afghanistan eher viel Platz gewöhnt gewesen, da habe die erste Wohnung in Dietikon schon einen kleinen Schock ausgelöst, sagt Naso. «Hier gefällt es uns viel besser.» Ihre jüngere Schwester, die neben ihr sitzt, nickt lächelnd. «Wir haben es gut mit den Nachbarn», so Naso. Vor kurzem habe sie herausgefunden, dass eine Kollegin aus der Integrationsklasse unter ihr wohne. Auch wenn bald ihr Lehrabschluss als Verkäuferin ansteht, geben die beiden Schwestern sich damit nicht zufrieden. Ihre Eltern hätten beide eine gute Schulbildung genossen, deshalb sei ihnen die Ausbildung immer sehr wichtig gewesen. «Wir wollen beide nachher die Matur machen», sagt Naso.

Weniger Betreuung nötig

Das durchmischte Wohnmodell für Flüchtlinge klappt aber nicht nur dank der Familiendynamik. «In zwei Wohnungen haben wir nur alleinstehende Männer, auch dort funktioniert es sehr gut», sagt Nawzad Kareem, Asylkoordinator bei der ORS Service AG und Betreuer der Asylwohnungen in Dietikon. Zu Beginn des Projekts sei seine grösste Herausforderung gewesen, dass es gar keine gegeben habe. Die wenigen gemeldeten Reklamationen hätten sich bloss um Details wie Wäschezeiten gedreht. Er muss zwar an mehr Orten vorbei schauen, weil die Flüchtlinge verteilter wohnen. Aber der Betreuungsaufwand sei kleiner, denn viele würden ihre Alltagsprobleme selbstständiger lösen.

Der Vertrag zwischen der Stadt und der Siedlungsgenossenschaft Eigengrund sieht eine Dauer von fünf Jahren vor – mit Option auf eine fünfjährige Verlängerung. «Wir können uns vorstellen, das Projekt auch langfristig weiterzuverfolgen», sagt Sozialvorstand Müller. Allerdings könne nicht jeder Asylplatz so angeboten werden, vor allem falls die Asylgesuche wieder steigen würden. Deshalb soll in der Luberzen eine neue Asylunterkunft errichtet werden, die maximal 40 Personen Platz bieten wird. Derzeit sei die Lage eher ruhig und stabil, aber «wir wissen nicht, was auf der Welt passiert und müssen flexibel bleiben».

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