Was macht eigentlich?
Gleitschirmpilot André Bussmann: «Attacken von unten oder oben und Risse im Schirm kommen vor»

Vor 12 Jahren brach der Gleitschirmpilot André Bussmann nach Südafrika auf, um den Weltrekord im Strecken-Gleitschirmfliegen zu brechen. Heute erfreut sich der gebürtige Dietiker am Schweizer Alpenpanorama.

Franziska Schädel
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André Bussmann
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 Vorbereitung zum Weltrekordversuch vor zwölf Jahren.
 Wenn er sich nicht seinen Leidenschaften widmet, arbeitet Bussmann als Informatiker.
 Schwebend hat André Bussmann beste Sicht auf den Linthkanal und das Bergpanorama. Mittlerweile ist er mit seinem Gleitschirm vor allem in der Schweiz unterwegs.

André Bussmann

Franziska Schädel und Andreas Busslinger

«Abheben, den Boden unter den Füssen verlieren, das ist der schönste Moment beim Gleitschirmfliegen.» André Bussmann fliegt seit 20 Jahren mit seinem Schirm durch die Luft, und die Faszination dabei ist noch immer die gleiche. Nicht der längste Flug sei auch der schönste. Das sagt ein Mann, der dreimal versucht hat, den Weltrekord im Strecken-Gleitschirmfliegen zu brechen.

2005 brach Bussmann von Dietikon nach Südafrika auf und suchte die ideale Flugroute. Weit genug vom Sturm entfernt und doch so nahe, dass ihn die Winde in die Weite trugen. Weiter als 423 Kilometer sollten es sein, denn da stand damals der Weltrekord, den ein Kanadier 2002 aufgestellt hatte. Doch am Ende reichte es nur für 308 Kilometer – die schlechten Wetterbedingungen verhinderten grössere Distanzen.

Noch zweimal Mal suchte Bussmann in Südafrika die Herausforderung, aber es sollte nicht sein. Mittlerweile liegt der Weltrekord bei über 500 Kilometer. «Um den zu knacken, müsste man immer mehr wagen, immer grössere Risiken eingehen.»

Genuss statt Rekorde

Ganz zufällig stiess Bussmann, der in Dietikon aufwuchs, 1988 auf seine Passion, die ihn unter anderem nach Südafrika, Nord- und Südamerika geführt hat. Ein Kurs, den seine Schwester besuchen wollte, hatte noch Plätze frei. Da habe er sich zusammen mit seiner damaligen Freundin spontan angemeldet. «Dieses Erlebnis des Abhebens, das hat bei mir eingeschlagen wie eine Bombe», erinnert er sich.

Auf Streckenrekorde hat es der Gleitschirmpilot inzwischen nicht mehr abgesehen. «Ich hab es versucht und ich hatte Glück, dass nichts passiert ist. Heute backe ich kleinere Brötchen.» Aber auch seine aktuellen Touren lassen sich sehen, wie die von der Alp Scheidegg bei Wald bis in den Jura.

Starkes Selbstvertrauen und Courage gefordert

Als waghalsig möchte sich André Bussmann nicht bezeichnen. Auch Mut sei wohl das falsche Attribut, denn wer zu mutig sei, der traue sich alles zu. Beim Gleitschirmfliegen brauche es hingegen ein starkes Selbstvertrauen und Courage, dies zumindest beim Streckenfliegen. «Ich höre auf mein Gefühl und bin damit bisher gut gefahren.» Föhn sei zum Beispiel für Gleitschirmflieger ein absolutes Tabu. Fallwinde, Verwirbelungen und Windstösse könnten fatale Auswirkungen haben.

«Ich hab es versucht und ich hatte Glück, dass nichts passiert ist. Heute backe ich kleinere Brötchen.»

André Bussmann über seinen Weltrekordversuch

«Ein Gleitschirmflieger ist wie eine Feder, bei Windstössen von 50 Kilometern pro Stunde und mehr verlieren wir die Kontrolle über den Schirm.» Eine gute Vorbereitung sei alles, sagt Bussmann weiter. «Ich muss wissen, was wettermässig in den nächsten Stunden passiert, wo der Wind wie stark bläst und wie gross die Druckunterschiede der Wetterküche sind. Vor dem Start kontrolliere ich das Material und prüfe, ob alles korrekt befestigt ist. Es passiert immer mal wieder, dass ein Pilot beim Start aus dem Sitz fällt, weil er sich nicht richtig gesichert hat. Man lernt, sich zu konzentrieren».

Bussmann erzählt von Begegnungen mit Vögeln, die zuweilen so neugierig sind, dass sie ihn ein Stück weit begleiteten und ihn umkreisten. «Bei Jungvögeln habe ich manchmal den Eindruck, dass sie mit mir spielen wollen.» Kritisch könnten solche Begegnungen aber sein, wenn ein Gleitschirmpilot sich im Frühjahr brütenden Vögeln zu stark nähere. «Attacken von unten oder oben und Risse im Schirm kommen schon einmal vor. Da empfiehlt es sich, das Weite zu suchen», sagt Bussmann schmunzelnd.

Auch beim Tauchen am Schweben

Die Bedenken einer Landratte zerstreut er mit einem Lachen: «Auch Menschen mit Höhenangst können fliegen, wenn sie das nötige Selbstvertrauen haben.» Kritisch sei ohnehin nicht das Fliegen an sich, sondern der Start und die Landung. «Stellen Sie sich vor, sie springen vom Fahrrad bei einem Tempo von 30 Kilometern pro Stunde und mehr. Bremse ich den Schirm im richtigen Moment und gegen den Wind, lande ich jedoch leicht wie eine Feder.»

«Die Luftraumbeschränkungen und die Entwicklung der Drohnentechnologie werden das Fliegen mit Gleitschirmen immer mehr einschränken.»

André Bussmann über die Zukunft des Gleitschirmfliegens

André Bussmann zieht es in die Höhe und in die Tiefe. Auch beim Tauchen, seinem Ferienhobby, komme er in einen Schwebezustand, vergleichbar mit dem Fliegen, sagt er. «Man entdeckt eine wunderbare Welt. Und wie die Vögel sind auch die Fische unglaublich neugierig.» Beim Tauchen ist Bussmann aber konservativ: nicht zu tief hinunter und nicht extrem lange. Der Informatiker, der mit seiner eigenen Firma Kunden mit massgeschneiderter Software beliefert, findet neben Gleitschirmfliegen und Tauchen auch noch Zeit für seine dritte Passion, die Musik. Basic-Affair heisst seine Band. Er spielt Gitarre und komponiert seine eigenen Stücke – melodiöse, südamerikanisch geprägte Musik, bei der man sich gehen lassen kann, wie er sagt.

Fliegen bis ins Rentenalter

Und weil sich das Leben auch kulinarisch geniessen lässt, kocht André Bussmann einmal im Monat mit seinen Kollegen der Schlieremer «Kaloriengeniesser» – ein Klub, den er selber präsidiert. Er sei ein Durchschnittskoch, sagt er von sich selber. Durchschnitt will er als Gleitschirmpilot nach wie vor aber nicht sein. Zwischen November und Januar legt er zwar jeweils eine Pause ein, denn da sei es ihm zu kalt. Wenn ihn im Frühjahr der Fliegervirus aber wieder fest im Griff hat, will er von Fiesch im Wallis nach Osten fliegen, zuerst Richtung Flims und dann den Churfirsten entlang bis nach Winterthur, wo er heute lebt.

An ein Ende denkt er nicht. «Es gibt viele Rentner, die Gleitschirm fliegen», sagt er lachend. Und doch sind seine Zukunftsprognosen, was das Gleitschirmfliegen betrifft, eher pessimistisch: «In zwei bis drei Generationen wird man wohl in der Schweiz nicht mehr fliegen dürfen. Die Luftraumbeschränkungen und die Entwicklung der Drohnentechnologie werden das Fliegen mit Gleitschirmen immer mehr einschränken.» Bis dann aber wird Bussmann weiterhin die Schweiz erkunden – aus luftiger Höhe, wie eine Feder im Wind.

Was macht eigentlich?

In dieser Serie sucht die Limmattaler Zeitung Menschen auf, die die Region bewegt haben, von denen man aber schon länger nichts mehr gehört hat. Die Serie erscheint
in loser Folge.