Ethik

Gesetz zur Entlastung für die Angehörigen

Wenn Patienten nicht mehr kommunizieren können, müssen Angehörige oft schwierige Entscheidungen treffen. Ab 2013 beseitigt das neue Erwachsenenschutzrecht kantonale Ungleichheiten.

Wenn Patienten nicht mehr kommunizieren können, müssen Angehörige oft schwierige Entscheidungen treffen. Wie lange sollen lebenserhaltende Massnahmen zum Einsatz kommen? Sollen alle erdenklichen medizinischen Mittel ausgeschöpft werden, auch wenn die Aussichten auf eine langfristige Besserung minimal sind? Und sollen nach dem Tod die Organe für eine Spende zur Verfügung stehen? Diese und weitere Fragen lassen sich in einer Patientenverfügung regeln.

Ab 2013 tritt das neue Erwachsenenschutzrecht in Kraft – damit erhalten Patientenverfügungen in der Schweiz erstmals eine national einheitliche Rechtsgrundlage. Konkret bedeutet dies, dass das Behandlungsteam verpflichtet sein wird, bei urteilsunfähigen Patienten zu überprüfen, ob eine Patientenverfügung vorhanden ist. Dieser Nachweis kann auf der Versichertenkarte der Krankenkasse gespeichert werden. Heute ist der rechtliche Umgang mit Patientenverfügungen von Kanton zu Kanton unterschiedlich geregelt: In manchen hat die Patientenverfügung als absolute Willensbekundung Vorrang. In anderen, so auch in Zürich, ist sie Ausdruck des mutmasslichen Patientenwillens.

«Der zum Voraus geäusserte Wille wird berücksichtigt», heisst es im Patientinnen- und Patientengesetz des Kantons Zürich. In andern Kantonen werden Patientenverfügungen vom Gesetz gar nicht thematisiert. Auch das Vertretungsrecht der Vertrauenspersonen ist unterschiedlich geregelt. In Zürich dürfen die Angehörigen nur Hinweise zur Beurteilung des mutmasslichen Patientenwillens geben. Mit dem neuen Recht werden sie zu rechtlichen Stellvertretern.

Vorlagen für Patientenverfügungen sind abrufbar

Muss man aufgrund der Gesetzesänderung etwas unternehmen? «Wer bereits eine Patientenverfügung ausgefüllt hat, sollte sich beim Herausgeber erkundigen, ob aufgrund der neuen Rechtslage eine Revision durchgeführt wurde», rät Patrizia Kalbermatten von der Zürcher Stiftung Dialog Ethik, die eine der umfangreichsten Patientenverfügungen herausgibt, das «Human Dokument». Die Stiftung passt momentan die Dokumente an, «um die neuen Möglichkeiten des Rechts auszuschöpfen». Ab dem 2.Oktober ist die neue Fassung erhältlich.

Schweizweit gibt es rund 60 verschiedene Vorlagen – die erste Patientenverfügung wurde 1984 von der Sterbehilfeorganisation Exit eingeführt. In den 1990er-Jahren folgten weitere Organisationen mit eigenen Vorlagen. «Am Anfang war die Patientenverfügung eine Art Kampfmittel gegen die Medizin, die immer weitere Fortschritte bei den lebensverlängernden Massnahmen machte. In den letzten zehn Jahren hat sie sich zu einem Entscheidungsinstrument entwickelt», sagt Kalbermatten. Das Dokument solle dem Patienten auch ermöglichen, sich selber darüber klar zu werden, was geschehen soll, wenn er seinen Willen nicht mehr mitteilen kann.

«Zudem ist es eine Grundlage für ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt – denn solche Themen sind schwierig und emotional», sagt Kalbermatten. Eine Patientenverfügung stärke die Selbstbestimmung des Patienten, sei aber auch eine Entlastung für die Angehörigen und das Behandlungsteam. Aus diesem Grund sei das «Human Dokument» auch so umfassend: «Umso ausführlicher, desto weniger Interpretationsspielraum gibt es, umso besser kann der Wille des Patienten umgesetzt werden.»Der Kernpunkt des Dokuments regelt medizinische Fragen. Es können aber auch Wünsche geäussert werden, die darüber hinaus gehen, beispielsweise Fragen zu religiösen Ritualen, zur Bestattung, Sterbebegleitung, Autopsie oder Organspende.

Nicht nur medizinische Fragen

Patrizia Kalbermatten führt auch Beratungsgespräche. «Wir versuchen die Bedürfnisse aufzunehmen und die Person so zu führen, dass sie zu ihrer Antwort kommt», sagt sie. Der Job sei emotional sehr anspruchsvoll: «Wenn eine junge Mutter mit einer schweren Krankheit zu mir kommt, dann geht das nicht einfach so an mir vorbei.» Gleichzeitig seien die Gespräche bereichernd: «Es ist auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit», sagt die Beraterin. Auch Ärzte arbeiten für die Organisation, um medizinische Fragen zu klären. Neben diesen stehen die rechtlichen und ethischen Fragen zur Diskussion.

Kalbermatten empfiehlt, an ein Beratungsgespräch zu kommen, obwohl es auch möglich ist, die Patientenverfügung allein auszufüllen. «Mit dem medizinischen Fortschritt werden die Fragen immer komplexer – wir nehmen aber Abstand von einer Beratungspflicht, das wäre keine gute Grundlage für so ein Gespräch». Eine Beratung könne aber auch mit dem Hausarzt oder dem behandelnden Arzt erfolgen, sagt sie.

Die Stiftung «Dialog Ethik» gibt nicht nur Patientenverfügungen heraus. Die Institution steht Fachpersonen zur Seite und vermittelt ihnen Wissen in Medizinethik. «Damit sollen sie medizinethische Entscheidungen treffen, die sich rechtfertigen lassen – abnehmen können und wollen wir ihnen die Entscheidungen nicht», sagt Kalbermatten. Auch auf politischer Ebene führt die Stiftung Projekte durch und nimmt zum Beispiel Stellung zu Fragen im Zusammenhang mit Organspende oder der Verteilung finanzieller Ressourcen im Gesundheitswesen.

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