Ausbildung

Gerüstet für die Berufswelt: «Wir sind keine Notlösung»

In der Berufswahlschule Limmattal können Jugendliche ihr schulisches Wissen vertiefen, aber auch ihre handwerklichen Fähigkeiten üben. Schulleiter Ueli Schmid ist sich sicher, dass seine Lernenden für die Berufswelt gut gerüstet sind.

Ueli Schmid leitet die Berufswahlschule Limmattal und spricht über die Chancen des Angebots, Fehleinschätzungen und die hohen Anforderungen an Jugendliche.

Eine Lehrstelle ist für viele Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit das oberste Ziel. Wem der Sprung in die Berufswelt nicht gelingt, der landet etwas überspitzt formuliert bei Ihnen in der Berufswahlschule. Kann man von einer Verlegenheitslösung sprechen?

Ueli Schmid: Nein, auf keinen Fall. Wir sind keine Notlösung. Die Berufswahlschule Limmattal ist ein attraktives Brückenangebot für junge Personen aus dem Limmattal und dem Knonauer Amt, für die nach der 3. Sekundarklasse der Einstieg in das Erwerbsleben aus verschiedenen Gründen eine zu grosse Hürde darstellt. Der Besuch unserer Schule eröffnet Chancen. Die Jugendlichen werden in diesem Jahr reifer und erhalten eine berufsspezifische Vorbildung. Viele Lehrmeister nehmen deshalb gerne Absolventinnen und Absolventen der Berufswahlschule in ihrem Betrieb auf.

Woran liegt es, dass einige Jugendliche Mühe haben, auf Anhieb eine Lehrstelle zu finden?

Das kann diverse Gründe haben. Es gibt Jugendliche, die nach der 3. Sek ein Bildungsdefizit aufweisen. Das können ungenügende schulische Leistungen, aber auch fehlende Sozialkompetenzen sein. So etwa, wenn der Respekt gegenüber der Lehrperson und den Mitschülern fehlt oder wenn es mit der Pünktlichkeit hapert. Einige Jugendliche überschätzen sich aber auch und bewerben sich für zu anspruchsvolle Berufe. Auch das ist ein Defizit, denn sie können ihre Möglichkeiten nicht richtig einschätzen.

Einige sind zudem noch nicht berufswahlreif und können sich nicht entscheiden, da sie keine Ahnung von der Berufswelt haben. Das liegt wohl auch an der Harmonisierung des Schulsystems und der damit einhergehenden früheren Einschulung. Die mangelnde Unterstützung des sozialen Umfelds und der Familie spielt ebenso eine Rolle.

Nach neun Jahren Schule haben viele es satt, die Schulbank zu drücken. Wie würden Sie so jemanden vom Angebot der Berufswahlschule überzeugen?

Wir sind uns dessen bewusst, deshalb bieten wir auch vier verschiedene Profile an. Wer keine Lust hat, Vokabeln zu büffeln, und im Unterricht kaum mehr stillsitzen kann, hat die Möglichkeit, ein praktisches Berufsvorbereitungsjahr zu absolvieren. Fast die Hälfte der Schulzeit verbringt man mit berufsbezogenen praktischen Arbeiten im Atelier oder in der Werkstatt. Für Personen, die sich für technische Berufe oder Handwerks- sowie Bauberufe interessieren, eignet sich dieses Profil besonders.

Wie sehen die anderen drei Möglichkeiten aus?

Eine andere Variante stellt das betriebliche Berufsvorbereitungsjahr dar. An vier Tagen pro Woche können Lernende Arbeitserfahrungen in einem Betrieb in Form eines Praktikums sammeln und an einem Tag an der Berufswahlschule den 3.-Sek-Stoff repetieren und ausbauen. Eine weitere Option ist das schulische Berufsvorbereitungsjahr. Das richtet sich an Lernende, die im Anschluss an die obligatorische Schulzeit motiviert sind, ihre Kenntnisse in Sprachen, Mathematik, hauswirtschaftlichen, gesundheitsbezogenen und gestalterischen Bereichen zu verbessern und den allgemeinen Schulstoff zu vertiefen.

Dieses Profil empfehlen wir Personen, die später in den Berufsfeldern Detailhandel, Pflege, im Verkauf, in der Logistik oder den Bereichen Dienstleistung und Administration tätig sein möchten. Das integrationsorientierte Berufsvorbereitungsjahr richtet sich an fremdsprachige und frisch eingereiste Jugendliche, die maximal 21 Jahre alt sind. Der Fokus liegt auf dem Erlernen der deutschen Sprache und der schweizerischen Gepflogenheiten.

Die Lernenden erhalten aber auch Job-Coaching und üben zum Beispiel, wie man ein gutes Bewerbungsdossier erstellt oder wie man bei einem Telefongespräch einen guten Eindruck hinterlässt.

Genau, das ist wichtig und unterscheidet uns auch massgeblich von der Sekundarschule. Wir können hinsichtlich der Berufswahl und Berufskunde viel mehr Unterstützung bieten. Unsere Lehrpersonen des praktischen Profils sind ehemalige Berufsleute, die früher selbst Lehrlinge ausgebildet haben. Daneben kümmern sich ausgebildete Job-Coaches um die Lernenden.

Dieses Know-how und die Hilfestellung sind nötig, denn die Anforderungen an die Jugendlichen sind extrem hoch. Nur schon für eine Schnupperlehre müssen sie ein Bewerbungsdossier mit Lebenslauf und Motivationsschreiben einreichen. Früher hatte das Schnuppern den Zweck, einen Beruf kennen zu lernen, heute dient es bereits als Selektionsinstrument.

Die Chancen für Jugendliche auf dem Arbeitsmarkt stehen nach einem Jahr an der Berufswahlschule Limmattal sehr gut. In den letzten zwei Jahren haben mehr als 95 Prozent der Lernenden eine Anschlusslösung gefunden.

Das ist sehr erfreulich. Viele Lernende finden eine Lehrstelle, ein Praktikum mit Aussicht auf einen Lehrvertrag oder besuchen eine weiterführende Schule. Das zeigt, dass sich das Jahr an der Berufswahlschule lohnt. Das Beispiel einer Lernenden demonstriert sogar, dass das Angebot massive Vorteile bringen kann. Sie hat die Sek B abgeschlossen und dank des Besuchs der Berufswahlschule nun eine Lehrstelle als Konstrukteurin erhalten. Normalerweise kommen für diese Ausbildung nur Schüler der Sek A infrage. Es ist schön, dass der Wissenszuwachs bei unserer Schülerin so gross ist, dass sie nun doch noch ihren Traumberuf erlernen kann.

Manchmal müssen sie aber auch Träume platzen lassen.

Ja, das gibt es natürlich auch. Es ist eine unserer unangenehmen Aufgaben. Doch es ist wichtig, dass wir den Lernenden aufzeigen, was anhand ihrer Leistungen und Fähigkeiten realistisch ist und was nicht. Auch das zahlt sich aus. Absolventinnen und Absolventen der Berufswahlschule brechen die Lehre viel seltener ab als Jugendliche, die das Brückenangebot nicht in Anspruch genommen haben.

Am Samstag und nächsten Mittwoch finden Tage der offenen Tür an den Standorten der Berufswahlschule Limmattal in Dietikon und Schlieren statt. Was erwartet die Besucher?

Wir möchten interessierten Jugendlichen, ihren Eltern sowie Sekundarlehrpersonen mit ihren Klassen einen authentischen Einblick in den Schulalltag geben. Das heisst, dass wir zum Beispiel die Werkstatt und das Atelier besichtigen und die Projekte der Lernenden vorstellen. Es besteht auch die Möglichkeit, Lernenden und Lehrpersonen Fragen zu stellen. Vom 1. April bis zum 15. Mai läuft die Anmeldefrist für das kommende Schuljahr. Ich hoffe, dass wir durch die Anlässe noch ein paar Jugendliche mehr für unsere Angebote gewinnen können und sie dank dem Einblick das für sie geeignete Profil finden.

Die Tage der offenen Türe finden am Samstag, 30. März, von 9 bis 11 Uhr und am Mittwoch, 3. April, von 13.30 bis 15.30 Uhr an den Standorten der Berufswahlschule Limmattal an der Schöneggstrasse 36 in Dietikon und am Schürrainweg 2 in Schlieren statt.

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Autor

Sibylle Egloff

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