Birmensdorf

Gemeinderatskandidaten beim politischen Speed-Dating: «Ich bewundere Wernis grosses Herz»

Beim politischen Speed-Dating zeigten sich die neun Kandidaten für den Gemeinderat von ihrer besten Seite. Rund 90 Birmensdorfer konnten sich zu ihnen setzen und Fragen stellen.

«Auf der einen Seite haben wir die Starkstromleitung, auf der anderen die Kantonsstrasse – irgendwann ist doch genug», beklagte sich eine Frau über die Bautätigkeit rund um ihr Haus, eine andere fragte: «Was haben Sie denn bezüglich des Umweltschutzes vor?» Inmitten des Stimmengewirrs im Gemeindezentrum Brüelmatt bewegten sich die neun Kandidaten für den Birmensdorfer Gemeinderat gekonnt und zeigten sich von ihrer besten Seite.

Sie luden die Bevölkerung zum Polit-Speed-Dating und rund 90 Personen folgten dem Aufruf. So sass jeder Kandidat an einem Tisch, an den sich Interessierte setzen und Fragen stellen konnten. Nach zehn Minuten klingelte ein Wecker und der Tisch wurde gewechselt– ab zum nächsten Kandidaten. Dazwischen interviewte David Egger, Chefredaktor der Limmattaler Zeitung, jeweils zwei Kandidaten, mit dem Ziel, sie aus der Reserve zu locken.

Persönliche Tischdekoration

Um einen Eindruck der Kandidierenden zu erhalten musste jedoch nicht zwingend das Gespräch gesucht werden. So waren die Damen und Herren angehalten, etwas Persönliches als ihre Tischdekoration mitzubringen. Der jüngste aller Kandidaten, der 19-jährige Jungsozialist Samuel Wenk, stellte etwa ein faustgrosses, gläsernes, mit Süssigkeiten gefülltes Piano in die Mitte seines Tischs. Allein aufgrund seiner Parteizugehörigkeit und seines Alters war er der Exot des Abends. Er würde sich für die Wiedereinführung der Jugendarbeit einsetzen, sagte er, gefragt nach seinen Plänen in der Exekutive.

Stimmen und Eindrücke vom politischen Speed-Dating in Birmensdorf

Stimmen und Eindrücke vom politischen Speed-Dating in Birmensdorf

Eine Vielzahl von Schallplatten – «aus allen Musikrichtungen» – fand sich in der Mitte von Ringo Kellers Tisch. Der SVP-Gesundheitsvorstand wurde gefragt, ob er denn Mühe hätte damit, Birmensdorf gemeinsam mit einem Jungssozialisten zu regieren. «Gar nicht – ich habe Samuel Wenks Vater bereits im Fussballclub trainiert», antwortete er. Die Politik auf Gemeindeebene sei nicht mit jener auf Stufe Kanton oder Bund zu vergleichen. «Dort fährt man sich dann richtig an den Karren.»

Beliebt war der Tisch von Gabriela Stampa: Es waren stets alle Plätze besetzt. «Ich kann verstehen, dass Sie nicht die Katze im Sack wählen wollen», sagte sie im Hinblick auf ihre Parteilosigkeit. Aus den auf ihrem Tisch aufliegenden Smartvote-Spider-Diagrammen gehe hervor, dass sie eine Mitte-Links-Politikerin sei. «Sozialpolitische Anliegen sind mir wichtig, aber mich interessieren auch die Kosten», sagt die Finanzspezialistin.

«Sie mögen schnelle Fahrzeuge»

Neu in Birmensdorf, jedoch nicht neu in der Politik, ist FDP-Kandidat Patrick Vogel. So war er bereits in Bonstetten Gemeinderat. Von dort zog er vor einem Jahr nach Birmensdorf. Der diplomierte Gemeindeschreiber machte keinen Hehl daraus, dass er sich für das Finanzressort interessiert. «In den kommenden Jahren werden die Finanzen und die dazugehörenden Investitionen zum grossen Thema in Birmensdorf. Ich will mitgestalten», sagte er. «Sie seien ein Freund von schnellen Fahrzeugen. Würden Sie sich auch für verkehrsberuhigende Massnahmen einsetzen?», fragte ein Teilnehmer. «Ich gehe mit dem öV zur Arbeit», sagte Vogel, verwies zudem darauf, dass er nicht zusichern könne, sich für Tempo-30-Zonen einzusetzen.

Ob es nicht frustrierend sei, dass Kanton und Bund zahlreiche Vorgaben im Sozialbereich machten und die Kreativität bezüglich der Ausgaben in ihrem Ressort stets kleiner werde, wurde Sozialvorsteherin Annegret Grossen (FDP) gefragt. «Bei jeder Rechnung weist mein Ressort den langen, roten Balken auf – zum Glück messe ich meine Zufriedenheit nicht daran», sagte sie. «Mein Ziel ist es, Klienten in den Arbeitsmarkt zu integrieren – das ist nun mal mit Kosten verbunden.» Ein Besucher fragte sie auch, wie sie sich für weitere vier Jahre motiviere, zumal sie bereits im Rentenalter sei. «Ich will noch viel bewirken und habe noch viele Ideen», so Grossen. «Ideen, die kosten?», fragte der Mann zurück.

Einen Vogel mit dabei hatte Stefan Gut. Der SVP-Präsident brachte als persönlichen Gegenstand eine rund 250 Kilo schwere Holz-Skulptur eines Adlers. In der Freizeit fertigt er solche an. Mit seiner Kandidatur will er in die Fussstapfen seines Vaters Jakob Gut treten, der ebenfalls im Gemeinderat sass. «Bereits in jungen Jahren war mein Vater engagiert und daher oft abwesend, weshalb wir oft die Arbeit alleine verrichten mussten.» Wird Gut nun in den Gemeinderat gewählt, könnte es seinem Sohn ähnlich gehen.

«Ich bin zuversichtlich»

Statistiken zeigen, dass die Kriminalität im Bezirk Dietikon rückläufig ist, sagte Paul Gähler. Der CVP-Sicherheitsvorstand verwies darauf, dass zahlreiche Massnahmen dazu führen, dass Birmensdorf eine äusserst sichere Gemeinde sei. Dazu gehöre auch, dass das Dorf sauber ist. «Denn dies vermittelt den Einwohnern ein Gefühl von Sicherheit.» Auf den Kampf gegen Littering will er in den nächsten vier Jahren einen besonderen Fokus legen. Bereits in den Nullerjahren sass Gähler im Gemeinderat. 2010 schied er jedoch als Überzähliger aus. Macht er sich Sorgen, den Sprung wieder nicht zu schaffen? «Ich bin zuversichtlich.»

Auch am Nachbarstisch kam es zu Diskussionen. An der Kirchengasse werde die Brücke ersetzt, was ein grosser Lupf werde, sagte Tiefbauvorsteherin Barbara Puricelli (FDP), gefragt nach den grössten anstehenden Projekten in ihrer Abteilung. Und wie steht es mit der Kritikfähigkeit? Schliesslich wisse ja jedermann besser, wie Strassenbau gehe, konstatierte Egger. Zwar komme es hin und wieder vor, dass sie in der Migros zwischen den Rüebli wegen Strassenbauarbeiten angefeindet werde. «Doch die meisten Einwohner zeigen sich verständnisvoll.»

In seiner Familie sei seine Frau jene mit dem Talent, Süsses zu backen, sagte Bruno Knecht (parteilos), der als einziger für Gemeindepräsident Werner Steiners (SVP) Nachfolge kandidiert. Eine Süssspeise könne er aber gut zubereiten: den Gugelhopf. Einen solchen brachte er als seinen persönlichen Gegenstand mit. Was er denn als Präsident anders machen würde, wurde er gefragt. «Nicht viel: Ich habe bereits jetzt einen dynamischen Gemeindeschreiber, der so arbeitet, wie ich es will. Zudem bewundere ich Wernis grosses Herz», so Knecht. Er hingegen bezeichnete sich als tough und kompromisslos. «Bin ich schwierig, holen mich meine Gemeinderatskollegen und -kolleginnen aber auf eine Kompromiss-Ebene hinunter.»

Und jetzt: Lesen Sie den Kommentar zum Thema.

Meistgesehen

Artboard 1