Schlieren

Gabriele Widmer: «Die Mode arbeitet gegen uns Schneider»

Kürzen, anpassen, verlängern, auslassen: Gabriele Widmer macht die Kleider ihrer Kunden wieder tragbar.

Kürzen, anpassen, verlängern, auslassen: Gabriele Widmer macht die Kleider ihrer Kunden wieder tragbar.

Gabriele Widmer hat ein Schneideratelier in Schlieren, das sie auch für Nähkurse nutzt. Das Geschäft feiert bereits sein 18-jähriges Bestehen. In dieser Zeit musste Widmer auch schon um den Laden kämpfen.

Nähmaschinen sind essenziell für den Beruf des Schneiders. In Gabriele Widmers Schneideratelier an der Uitikonerstrasse in Schlieren muss man an diesem Mittwochnachmittag aber lange suchen, bis man das Gerät erspäht. Es versteckt sich hinter einer Kleiderstange auf einem Messtresen. Weingläser und in Papier eingewickelte Sandwiches stehen auf Tischen bereit. «Ich bin nervös», sagt die 41-Jährige. Sie hat ihre Kunden eingeladen. Der Grund: Widmer feiert das 18-jährige Bestehen ihres Geschäfts. «Mein Atelier ist sozusagen erwachsen geworden. Die Jahre sind wie im Flug vergangen.»

Dass sie einmal ein Schneideratelier haben würde, damit hätte sie als junge Frau nie gerechnet. «Ich wollte unbedingt Handarbeitslehrerin werden», sagt die gelernte Damenschneidern. Doch dafür brauchte man einen Sekabschluss. Trotz bestandener Berufsmatura erhielt sie eine Absage. Widmer orientierte sich um und besuchte die Modedesignschule in Zürich, arbeitete für die Designerin Claudia Krebser in Luzern, bevor sie zum Modehaus Akris in Zürich wechselte. «Ich nähte für Models, die in der Schweiz und im Ausland über die Laufstege liefen.»

Seit letztem Sommer bringt die Schneiderin Interessierten ihr Handwerk bei.

Seit letztem Sommer bringt die Schneiderin Interessierten ihr Handwerk bei.  

In dieser Zeit habe sie viel gelernt. «Mehr als während meiner Lehre», sagt sie und lacht. Die Bedingungen im Modehaus hätten ihr aber auf die Dauer nicht zugesagt. «Ich wollte mich gerade nach einer neuen Stelle umsehen, als mir mein Vater erzählte, dass ein Schneideratelier in Schlieren frei wird.» Diese Nachricht kam für die damals 23-Jährige wie gerufen. «Ich wohnte noch zu Hause und musste nur die Ladenmiete zusammen kriegen.» Das Atelier befand sich im unteren Stock eines Coiffeur-Salons an der Freiestrasse.

Kämpfen um den Standort

Sieben Jahre schneidert sie nun schon am heutigen Standort. Zuerst teilte sie sich den Raum mit dem Schreiner Daniel Binz, der dort seine Möbel ausstellte. Seit drei Jahren hat sie das Lokal für sich. Bangen musste sie aber auch schon darum. «Der Besitzer wollte aus der Ladenfläche eine Wohnung machen. Ich musste kämpfen, dass ich bleiben durfte.» In dieser Zeit seien ihr viele Schlieremer zur Seite gestanden. «Der Gewerbeverein und meine Kunden stellten sich hinter mich und viele boten mir an, in ihren Lokalen unterzukommen.» Das sei das Schöne an Schlieren. «Man setzt sich füreinander ein.»

Die Ladentüre geht auf. Die ersten Kunden und Freunde betreten das Geschäft. Viele vertrauen seit Jahren auf Widmers Gespür, wenn es um ihre Kleider geht. «Ihr Atelier liegt an meinem Arbeitsweg. Das ist ideal. Sie kürzt meine Hosen und macht eine erstklassige Arbeit», sagt Helmut Gorges, der in Uitikon lebt. Zufrieden zeigt sich auch Barbara Angelsberger aus Urdorf. «Manchmal kaufe ich ein Kleidungstück, das mir gefällt, mir aber nicht tadellos passt.» Damit komme sie zu Widmer. «Sie hat viele gute Ideen und weiss, was sie damit anstellen kann.»

Bei heiklen Änderungen vertraut Carin Kunz aus Uitikon auf Widmers Können. «Sie kürzte einen langen, schweren gefalteten Seidenjupe, den ich vor 35 Jahren in Kairo schneidern liess, und vergrösserte die Taille. Das war keine leichte Aufgabe.» Ihre Tochter Kersti Janssen ist auch eine Stammkundin. «Mit ein paar Griffen macht sie meine alten Sachen wieder tragbar.» Janssen besucht seit Sommer Widmers Nähkurs. «Ich habe sie mehrmals angesprochen und gefragt, ob sie das anbieten würde.» Ihre Hartnäckigkeit zeigte Erfolg: Jeden Montagmorgen arbeitet Janssen mit drei anderen Schülerinnen an ihren Nähkünsten und entwirft Kleider.

Grosser Druck

«Ich habe grosse Freude daran, obwohl man mich zu Beginn etwas dazu zwingen musste», sagt Widmer. Es habe ihr gezeigt, dass sie fähig sei, zu unterrichten. Bald soll ein zweiter Kurs am Freitagnachmittag eingeführt werden. «Es ist wichtig, sich zu spezialisieren», findet Widmer. Schneider stünden in Zeiten von Onlineshopping und billig produzierten Kleidern aus Fernost unter Druck. «Wer lässt heute noch einen Reissverschluss für 65 Franken ersetzen, wenn eine Jeanshose nur noch 50 Franken kostet?»

Viele ihrer Kunden seien älter. Sie würden noch der Generation angehören, die Wert auf gut passende Kleider legt. «Weite Pullover und kaputte Jeans: Die heutige Mode arbeitet gegen uns Schneider.» Auch die Wertschätzung gegenüber Kleidung habe abgenommen. «Vor 20 Jahren arbeitete man einen Monat, um sich eine Jacke von guter Qualität zu leisten. Heutzutage reicht weniger als ein Tageslohn, um sich eine zu kaufen.» Das sei beunruhigend.

Vom heutigen Modeverständnis distanziert sich Widmer. «Das ist nur eine Geschäftemacherei. Die Mode in den Geschäften und auf den Laufstegen macht Menschen unsicher, vor allem wenn sie nicht hineinpassen.» Dabei sollte Kleidung das Gegenteil bewirken. «Man soll sich wohlfühlen. Sie soll die eigenen Vorzüge hervorheben.» Auf das legt Widmer Wert. «Ich habe meine Arbeit erfüllt, wenn meine Kunden zufriedener mit sich selbst sind, wenn sie mein Atelier verlassen.»

Meistgesehen

Artboard 1