Wir schreiben das Jahr 2117. Alice ist Programmiererin in der Libria Corporation. Der Konzern kontrolliert die Stadt und die Köpfe der Menschen. Als eine Untergrundorganisation Alice anbietet, mit ihr gegen Libria und deren Informationsmonopol zu kämpfen, wird die Protagonistin zur Revolutionärin.

So sieht sie aus, die Welt des neuen Computerspiels (re)format Z. Die Zürcher Blindflugstudios haben es im Rahmen des diesjährigen Reformationsjubiläums kreiert. Es ist eine gewagte Spielanlage: Das Spiel soll Wissen über die Reformation vermitteln, mit einem Plot der 100 Jahre in der Zukunft spielt.

Metapher auf die Situation vor 500 Jahren

«Das Game ist eine Metapher auf die Situation vor 500 Jahren», sagt Frédéric Hein, Projektleiter und 3D-Artist. Man lerne im Verlaufe der Handlung, die Probleme verstehen, die die Menschen vor 500 Jahren beschäftigt haben. Einige von ihnen könnten in 100 Jahren wieder aktuell werden, meint Hein.

Zum Beispiel habe die Reisläuferei damals dazu geführt, dass viele talentierte Männer keiner sinnvollen Arbeit nachgehen konnten, sondern als Söldner in den Krieg zogen. «Das ist vergleichbar mit einem Brain Drain in der Zukunft», sagt Hein. Google habe heute schon das Potenzial, alle talentierten Menschen abzuziehen und für sich arbeiten zu lassen. «Würde jemand von uns ein Angebot von Google erhalten, würde er Ja sagen, ist ja klar.»

Google hat Entscheidungsmacht

Die Protagonistin Alice ist in dieser Metapher das Pendant zu Zwingli. Sie ist wie er Teil des Systems, gegen dessen Informationshoheit sie aufbegehrt. Vor 500 Jahren bestimmte die Kirche, was die Menschen erfuhren, und was nicht. Sie wehrte sich gegen den Buchdruck, um zu verhindern, dass die Menschen die Bibel selbst lesen konnten.

In (re)format Z hat die Libria Corporation ein ähnliches Informationsmonopol. Hein zieht wiederum die Parallele auch zur Gegenwart: «Google hat bereits heute eine riesige Datenmenge gesammelt. Welche Informationen preisgegeben werden und welche verschwiegen, liegt allein in der Entscheidungsgewalt des Konzerns.»

Futuristisches Niederdorf

Kulisse des Spiels ist das Zürcher Niederdorf. Die Designer haben sie anhand eines 3D-Modells des Stadtteils präzise nachgezeichnet. So sieht Zürich im Spiel futuristisch aus und bleibt doch erkennbar. Verfremdete Vertrautheit: Auf der Spitze des Grossmünsters thront ein Datenspeicher.

Das Niederdorf habe sich als Schauplatz angeboten, sagt Hein. Historisch haben verschiedene Orte im Niederdorf während der Reformation eine wichtige Rolle gespielt. Zum Beispiel die Froschauergasse, benannt nach Buchdrucker Christoph Froschauer, der viele von Zwinglis Schriften druckte. Bekannt wurde Froschauer, als er im März 1522 mit seinen Gesellen das Fasten brach. Sie missachteten das kirchliche Fleisch-Verbot und assen Würste, wie es ihnen passte.

Reformation entstaubt

Das Game ist eines von vielen Projekten, die der Verein 500 Jahre Zürcher Reformation finanziert. Insgesamt sollen im Jubiläumsjahr 13,8 Millionen Franken ausgegeben werden. Inhaltlich hätten sie alle Freiheiten gehabt, sagt Hein. In (re)format Z stehe denn auch nicht der Glaube im Mittelpunkt, sondern eigentlich die Aufklärung. «Die Reformation hat die Gesellschaft grundlegend verändert. Das könnte sich in Zukunft in ähnlicher Weise wiederholen.»

(re)format Z ist seit Ende letzter Woche kostenlos als App für Apple iOs und Android erhältlich. Innert drei Tagen wurde es bereits 15 000 Mal heruntergeladen. Man kann es in Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch spielen, vertont ist das Spiel in Schweizerdeutsch. «Im Ausland findet man das charmant», sagt Hein.

Als App könne das Spiel sehr viele Leute erreichen. Gerade auch jüngere Generationen, die mit Computerspielen aufgewachsen sind, sollen angesprochen werden. Für viele von ihnen sind Computerspiele zugänglicher als traditionelle Medien wie Bücher. Und indem man die Protagonistin steuert, steckt man mittendrin in der Geschichte.