Jugendrat
Fünf Dietiker ergreifen die Initiative: «Wir wollen Kindern und Jugendlichen in der Politik eine Stimme geben»

Fünf 14-Jährige haben einen Jugendrat gegründet und laden nun zur ersten Jugendsession ein. Es sollen Themen wie Sicherheit auf dem Schulweg oder Rettungsübungen in den Schulen besprochen werden. Dabei werden sie von Mitarbeitern der städtischen Jugendarbeit unterstützt.

Gabriele Heigl
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Allen Jugendlichen ein Gehör verschaffen

Allen Jugendlichen ein Gehör verschaffen

Gabriele Heigl
Der Jugendrat von Dietikon.

Der Jugendrat von Dietikon.

Gabriele Heigl

Zur Dietiker Parlamentssitzung in der letzten Woche hatte sich ungewöhnlicher Besuch angekündigt. Fünf Jugendliche aus Dietikon wollten die Gelegenheit nutzen, sich allen Gemeinderäten vorzustellen. Die fünf bilden zusammen den neu gegründeten Jugendrat von Dietikon. Die 14-jährige Valentina Büschi, Aktuarin des Jugendrats, freut sich: «Alle Gemeinderäte waren sehr offen und lobten unser Engagement.»

Ein guter Kontakt zu den Parlamentariern ist wichtig für die jungen Leute, gilt es doch, jene für ihre Anliegen zu sensibilisieren und letztlich dazu zu bringen, die von den Jugendlichen ausgearbeiteten Vorschläge als Vorstösse vor den Gemeinderat zu bringen. Präsident Omar Camic, ebenfalls 14 Jahre alt: «Wir wollen Kindern und Jugendlichen in der Politik eine Stimme geben.»

Zunächst geht es nun an einer ersten Jugendsession, die am 18. November stattfindet, um die Arbeit an den Themen. Die fünf Jugendräte haben sich in Vorbereitung darauf unter ihren Kollegen umgehört und alle Anliegen gesammelt. Wer nun vermutet, es gehe ihnen um unrealistische und teure Forderungen wie etwa eine Skater-Bahn oder Paintball-Anlage täuscht sich. Letztlich kristallisierten sich vier Themenblöcke heraus, die öfter genannt wurden und nun auf der Session beraten werden: Sicherheit auf dem Schulweg, Rettungsübungen in den Schulen, ein Ausbau der Schulreisen sowie ein Schulbus-Angebot.

«Für ein besseres Dietikon»

Im Sessionsprogramm sind Gruppenarbeiten, Präsentationen und Abstimmungen vorgesehen. In der nächsten Session im Jahr 2018 werden weitere Themen hinzukommen. Alle Jugendlichen der Oberstufe, also im Alter zwischen 13 und 17 Jahren, können teilnehmen. Derzeit verteilen die Räte Werbe-Flyer für die Session. «Deine Teilnahme ist wichtig! Ziel ist es, Lösungen für ein besseres Dietikon und für die Jugend zu erarbeiten», heisst es darin.

Ziel ist es, Politiker zu gewinnen

Jugendparlamente und Jugendräte stellen eine konkrete Umsetzung von Jugendpartizipation auf der politischen Ebene dar. In Jugendparlamenten nehmen Vertreter die Interessen von Kindern und Jugendlichen gegenüber den jeweiligen Gemeinden wahr. Zwischen 2002 und 2012 besass auch Dietikon ein Jugendparlament. Die behandelten Themen sind vielfältig. Mal geht es um Schulhofgestaltung, mal um Freizeitanlagen oder auch um Umweltschutz. Lösungsvorschläge werden in Form von Anträgen den Politikern vorgelegt. Da diese nicht verpflichtet sind, einen Antrag in den Gemeinderat einzubringen, müssen sie für die Anliegen der Jugendlichen erst gewonnen werden. Ein Jugendrat ist eine niedrigschwellige partizipatorische Form eines Jugendparlamentes. Hierbei kann jeder Jugendliche sich in Arbeitsgruppen oder Jugendsessionen engagieren und einbringen. Die Jugendlichen erhalten auf diese Weise einen Einblick in die Politik der Erwachsenen.
In der Schweiz entstehen Kinder- und Jugendräte mit Unterstützung der Kinder- und Jugendarbeit. Auch der Dachverband Schweizer Jugendparlamente unterstützt die einzelnen Mitglieder. Auf nationaler Ebene existiert in der Schweiz die Eidgenössische Jugendsession. Sie ist ein jährlich stattfindender Anlass, bei welchem 200 Jugendliche im Bundeshaus politische Forderungen erarbeiten und diese dem Präsidenten des Nationalrates übergeben. (GAH)

Unterstützung bekommt der Jugendrat von den Mitarbeitern der städtischen Jugendarbeit, Léa Prêtre und Michel Duc. Prêtre: «Wir sind aber nur im Hintergrund eingebunden und unterstützen die Jugendlichen organisatorisch.» Genau wie Nadine Burtscher, Gemeinderätin der EVP. Sie war Mitglied im 2002 gegründeten Dietiker Jugendparlament, das 2012 aufgrund fehlender Mitglieder inaktiv wurde. 2014 wurde Burtscher im Alter von erst 19 Jahren in den Gemeinderat gewählt.

Burtscher engagiert sich nach wie vor in der Jugendpolitik und für jugendpolitische Partizipation. Sie ist Co-Präsidentin des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente. Burtscher: «Ich habe den Jugendlichen das Projekt vorgestellt und werde ihnen auch bei der Kontaktaufnahme mit dem Gemeinderat zur Seite stehen.» Ausserdem wolle sie Tipps geben, was funktionieren könnte, und wo die Erfolgsaussichten eher gering seien. Die Jugendlichen haben sich auch die Projektbegleitung durch mindestens eine erwachsene Person gewünscht.

Seit das Jugendparlament 2012 aufgelöst wurde, «schlummert» auch der dafür gegründete «Trägerverein Jugendparlament», dessen Präsident Gemeinderat Philipp Müller (FDP) ist. 2002 sprach der Stadtrat einen Kredit zu Händen des Vereins in Höhe von 12 000 Franken. Wie aus der städtischen Jugend- und Freizeitabteilung zu erfahren ist, sind weniger als zwei Drittel des Betrags verbraucht worden. Es ist davon auszugehen, dass das restliche Geld nun der aktuellen jugendpolitischen Partizipation zugutekommen wird. Näheres ist derzeit noch nicht zu erfahren.

Die Jugendlichen interessieren sich zwar für Gemeinde-, nicht aber für Parteipolitik. Gemäss dem «Konzept», das sie mit Assistenz der städtischen Jugendarbeit aufgestellt haben, wirkt der Jugendrat politisch und konfessionell neutral. Dadurch erhofft sich der Jugendrat auch mehr Unterstützung vonseiten aller Parlamentarier. Ihre eigenen Eltern haben die fünf Jugendlichen dagegen schon «gewonnen». «Megacool», fänden die es, meint etwa Valentina, und Omar ergänzt: «Meine Eltern haben es zunächst nicht glauben können, dass ich mich wirklich einsetze. Jetzt sind sie stolz auf mich.»

Jugendsession

Am 18. November um 9 Uhr im Schulhaus Luberzen.
Für ein kostenloses Mittagessen ist gesorgt. Abschluss ist um 16.30 Uhr mit einem Apéro.

«Rohdiamanten»

Die nächsten Wochen sind die Jugendlichen mit der Organisation der Session beschäftigt. Tim Erni (14), zuständig für das Design und den künftigen Internet-Auftritt des Jugendrates: «Wir sind schon gespannt, wie die Diskussionen, die Arbeit an den ausgearbeiteten Vorschlägen und die Abstimmungen verlaufen werden.» Omar hofft auf eine rege Teilnahme: «Jugendliche sollten sich mehr Gedanken über Politik machen.» Die jungen Leute brächten viel Begeisterung mit, meinte Gemeinderatspräsident Martin Romer (parteilos) anerkennend nach deren Besuch im Parlament. «Sie scheinen vor Enthusiasmus zu vibrieren, wenn man sich mit ihnen über die Politik unterhält. Sie wirkten auf mich wie ‹ungeschliffene Rohdiamanten›. Halten sie über die Jahre durch, werden wir bestimmt die eine oder den anderen auf der Politbühne wieder antreffen.»