Historisch

Fürio, der Feind naht: Die alten Eidgenossen brauchten kein 5G, um zu alarmieren

Das Chutzenfeuer im Jubiläumsjahr 1991 auf dem Homberg.

Das Chutzenfeuer im Jubiläumsjahr 1991 auf dem Homberg.

Als Name für Wirtshäuser und als Flurname existiert sie heute noch, die Hochwacht. Doch die eigentlichen Hochwachten sind verschwunden und schon fast vergessen. Die diesjährige Schrift «Heimatkunde aus dem Seetal» der dortigen Historischen Vereinigung entflammt das alte Feuer von Neuem.

Die Hochwachten waren für die Menschen in der Region von grosser Wichtigkeit. Heute genügt ein Blick auf das Smartphone, um informiert zu sein. Hagelsturm um 18 Uhr, Brand in der Altstadt; auch das Aufgebot für die Mobilmachung kommt per SMS. Zu Zeiten der alten Eidgenossenschaft waren es die Hochwachten, welche die Bevölkerung alarmierten und Truppen zur Mobilmachung aufriefen, falls sich feindliche Truppen näherten. Mit Feuer, Rauch oder einem Knall wurde gewarnt.

Wächter waren Tag und Nacht vor Ort

Eine Hochwacht wurde an einem erhöhten, gut sichtbaren Punkt eingerichtet. Das war gar nicht so einfach, weil die meisten Hügel stark bewaldet waren und das Feuer im Idealfall von beiden Talseiten sichtbar sein musste. Mit einem Stapel trockenen Holzes oder einer Harzpfanne an einem hohen Gerüst wurde Feuer und Rauch erzeugt, manchmal war beides vorhanden. Dazu gehörte zu einer klassischen Hochwacht ein Mörser, also ein Geschütz für den Chlapf. Die Wächter waren Tag und Nacht vor Ort und schliefen abwechslungsweise in einer Hütte. Mit den vorhandenen Visierinstrumenten konnten sie die nächsten Hochwachten ausmachen und hoffentlich Fehlalarme vermeiden.

Das Chutzenfeuer im Jubiläumsjahr 1991 auf dem Homberg

Das Chutzenfeuer im Jubiläumsjahr 1991 auf dem Homberg

Schon im alten Griechenland wurde Feuer benutzt, um auf Bedrohungen aufmerksam zu machen. In der Gründungszeit der Eidgenossenschaft liessen sich erste Hinweise auf Beobachtungs- und Alarmpunkte finden, schreiben Gertrud und Paul Wyrsch in ihrem Beitrag in der Jahresschrift. Systematisch eingesetzt wurden Hochwachten jedoch erst später. Während des Dreissigjährigen Krieges (1618–48) war die Furcht vor feindlichen Truppen aus dem Ausland gross. Aber auch innerhalb der Eidgenossenschaft traute man einander nicht. Bern unterhielt Alarmlinien vom Genfersee bis nach Zürich, so kamen im Seetal die nord-südlich verlaufenden Hügel wie der Homberg bei Reinach als Orte für Hochwachten zum Einsatz. Die Berner Hochwachten werden Chu(t)zen genannt.

Der Alarm kam per Feuer von Bern ins Seetal

In den Kantonen Aargau, Luzern und Bern blieben Hochwachten oft über Jahrhunderte an derselben Stelle bestehen. In der Region erinnern Flurname an die alten Signalpunkte. Regelmässig wurden die Hochwachten von Bern bis Zürich in Verzeichnissen aufgeführt und den gerade gegebenen Herrschaftsverhältnissen angepasst. Im April 1712 erklärten Zürich und Bern dem Fürstabt von St. Gallen den Krieg, die brennenden Hochwachten riefen zur Mobilisierung. Das Aufgebot für das Seetal gelangte von Bern aus über den Brünnliberg ob Safenwil zur Hochwacht Gschneit ob Kulm und weiter zum Homberg bei Reinach. Die nächsten Hochwachten waren der Rietenberg und das Meyengrün bei Hägglingen. Wenn die Mannschaft einer Hochwacht ein Feuer erspähte, musste sie nach spätestens 10 Minuten ihr Feuerzeichen in Brand setzen. So sei in drei Stunden der ganze Kanton Bern aufgeboten und in fünf Stunden marschbereit gewesen, hält ein Geschichtsschreiber 1905 rückblickend fest. Zu seiner Zeit waren die tumultreichen Zeiten um, Napoleon war gekommen und gegangen, die Eidgenossenschaft gegründet und die Infrastruktur der Hochwachten zerfiel zusehends. 1848 war ihre Zeit mit der Gründung des Bundesstaates definitiv vorbei. Bald darauf übernahm der Telegraf die Mobilmachung der Truppen.

Doch die Hochwachten verschwanden nicht sofort. Viele wurden als Feuermelder weitergeführt und blieben zum Teil noch bemannt. Als Warnung dienten Böllerschüsse. Bemühungen der Regierung, die Feuerhochwachten aufzuheben, scheiterten oft am Widerstand der Gemeinden. 1861 wurde die Feuerwehranlage auf Schloss Lenzburg widerwillig aufgegeben auf den Staufberg verlegt. Der Sigrist der Kirche erhielt eine jährliche Entschädigung von 225 Franken, das Schiesspulver zahlte die Brandversicherungsanstalt.

Abgesehen von feierlichen Wiederentflammungen der Chutzenfeuer, wie zum Beispiel zum eidgenössischen Jubiläumsjahr 1991 erinnern heute noch Aussichtstürme oder gerodete Flächen zuoberst au feinem Hügel an die alten Signalketten. Beim nächsten Besuch auf dem Homberg kann man sich also statt unbedarft die Aussicht zu geniessen, mal in die Zeit der Wächter zurückversetzen.

Meistgesehen

Artboard 1