Es sei die Idee seines Arbeitskollegen Ed Russell gewesen, einem Jungunternehmer aus London. Er wollte seiner Tochter eines Abends eine Kindergeschichte erzählen, in der sie selbst in die Rolle des Helden schlüpfen sollte. Das erzählt der in Urdorf aufgewachsene Tim Hess, Gründungsmitglied des Start-up-Unternehmens Librio AG. Damit war die Geschäftsidee einer fünfköpfigen Männergruppe geboren. Seither ist sie mit Leidenschaft in die kreative Umsetzung von qualitativ hochwertigen Kinderbüchern vertieft.

Das Start-up hat seinen Sitz in der Stadt Zürich. Die Produkte werden bereits in rund siebzig Länder vertrieben. Hinter der Umsetzung steckt der Co-Founder und Marketingchef Tim Hess. Er hat seine beruflichen Optionen im Weltkonzern Google sowie im Bereich des Online-Marketings zur Seite gelegt, weil er in seinem eigenen Business, wie er sagt, seine berufliche Erfüllung fand: «Es ist schlicht das Grösste, in Kinderaugen zu schauen, die die eigene Geschichte erzählen. So wird die Freude spürbar. Je mehr ich in diese Welt eintauchte, desto mehr wurde für mich das Finanzielle sekundär», erzählt der 34-Jährige.

Die kleinen Helden sprechen Züritüütsch

Aus einer kleinen Auswahl von produzierten Geschichten kann die Hauptfigur auf eine individuelle Weise gestaltet werden, sodass das Aussehen des Helden am Ende dem des Kindes entspricht, das später das Buch in den Händen halten wird. Auch trägt der Held den Namen des Kindes. Angepasst werden kann zudem die Sprache, in der die Geschichte erzählt wird. So gibt es bereits junge Helden in den neuen Kinderbüchern, die Spanisch, Englisch oder Schweizer Dialekte sprechen. Zum Beispiel Züritüütsch.

Die Klassiker aus der Welt der Kinderbücher wie die Raupe Nimmersatt oder der Regenbogenfisch erhalten damit Konkurrenz. Die beiden Programmierer Mark Yasuda und Oliver Finsterbusch sorgten gemeinsam mit Illustrator Nicholas Elliott und den beiden Allroundern Tim Hess und Ed Russell in wenigen Jahren dafür, dass bereits über 35'000 Kinder ein personalisiertes Exemplar in den unterschiedlichsten Auflagen besitzen. So etwa im ersten gestalteten Kinderbuch, bei dem ein Knabe oder ein Mädchen auf eine Horde Waldtiere trifft. Auf dieser kreativen Idee beruht das Kommunikationskonzept von Librio, sodass die Waldbewohner – Frau Eule und Herr Maulwurf – die Kommunikation im Kundenservice übernehmen: «Unsere Kunden selbst geben sich dann gerne auch als Waschbär, Fuchs oder Rotkehlchen aus», erzählt Hess.

Dass diese Strategie auch viele Erwachsene anspricht, zeigt der rasante Wachstum des Unternehmens, gehören die Produkte von Librio AG doch mit einer modernen Version des bekannten Wimmelbuches «Wo ist Walter?» mit individueller Gestaltung bereits zu den meistverkauften Kinderbüchern der Schweiz.

«Ich glaube an Zufälle», sagt Tim Hess. Für ihn sei klar gewesen, dass er einsteigen würde. Damals, als eben Ed Russell ihn mit der Idee konfrontierte, eigene Kinderbücher zu produzieren, die am Ende personalisierbar sind. «Es war immer ein Traum von mir, selbstständig zu sein. Dass ich nun allerdings Kinderbücher mache, ist für mich selbst etwas überraschend», sagt Hess zu seinem Werdegang.

Die Möglichkeit zur Finanzierung ergab sich den Männern schliesslich durch die Querfinanzierung aus einem ersten Start-up-Unternehmen, das sich in der Onlinewelt und damit in völlig anderen Dimensionen bewegte. Zudem war er auch für Google tätig: «Als ich bei Google anfing, dachte ich, das sei es, ich sei angekommen. Aber ich musste feststellen, dass diese Arbeit und Welt keineswegs dem entsprechen, was ich wollte», erzählt Hess.

Der Unternehmergeist schlummerte schon immer in Tim Hess. Nach der schulischen Laufbahn in Urdorf absolvierte er ein Studium in Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. So bewegte er sich bereits kurz nach der Matura und während des Studiums in der Welt der Start-up-Unternehmen. Er war beispielsweise am Wiederaufbau von Vivi Kola mitverantwortlich.

So kann er nun auf eine breite Vernetzung zurückgreifen, die ihm zu Gute kommt. «Wir müssen nicht nur das Produkt vermarkten, sondern generell einen neuen Markt aufziehen», sagt er über die Hürden von Librio. Das Ziel sei die Kreation eines Produktes, hinter dem sie alle voll und ganz stehen können. Der ökologische Aspekt nehme deshalb eine wichtige Rolle ein. So setzt Librio zum Beispiel zu 100 Prozent auf Recycling-Papier. Und für jedes gekaufte Buch wird ein Baum gepflanzt. «Wenn man heute ein Unternehmen gründet, gehört es zur Verpflichtung gegenüber der Welt und der Gesellschaft, dieses auch ökologisch nachhaltig aufzubauen», ist sich Hess sicher.

Es ist noch nicht allzu lange her, seit in den Zürcher Verkehrsbetrieben im November 2017 die ersten Flyer auflagen. Wie sich zeigt, scheint das Start-up rund um den Tim Hess mit
dem Gesamtkonzept eines nachhaltigen und individualisierten Buches einen Nerv der Zeit
zu treffen.