Tradition

Früherer Imam der Moschee Schlieren erklärt den Ramadan: «Das Fasten dient der Besinnung»

Muris Begović war von 2006 bis 2016 Imam der bosnischen Moschee in Schlieren.

Muris Begović war von 2006 bis 2016 Imam der bosnischen Moschee in Schlieren.

Der Limmattaler Islam-Experte Muris Begović erklärt, warum der Ramadan für Muslime so wichtig ist.

Am 24. April startete der erste Tag des islamischen Fastenmonats Ramadan. Musliminnen und Muslime verzichten in dieser Zeit zwischen der Morgendämmerung und dem Sonnenuntergang aufs Essen und Trinken. Was Andersgläubige als Einschränkung sehen, erkennen viele Muslime als Bereicherung. «Der Ramadan ist ein zentraler Bestandteil unserer Religion. Das Fasten dient der Besinnung», sagt Muris Begović. Er werde oft gefragt, wie er den Ramadan aushalte. «Es ist eine reine Kopfsache. Wenn man sich darauf einstellt, geht es. Mir kommen automatisch andere Gedanken, ich bewege mich anders und verbrauche weniger Energie», sagt der 39-Jährige.

Der gebürtige Bosnier leitet seit 2011 die Geschäftsstelle der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich. Zudem kümmert sich Begović um die muslimische Seelsorge im Kanton Zürich. Von 2006 bis 2016 war er Imam der bosnischen Moschee in Schlieren. Für den Limmattaler ist der Fastenmonat etwas ganz Besonders. «Ich erlebe den Ramadan im Kreise meiner Familie als eine sehr schöne Zeit im Jahr. Die Vorfreude auf das gemeinsame Mahl am Abend ist gross. Meine Kinder decken bei Sonnenuntergang jeweils ganz aufgeregt den Tisch.»

Warum hat der Ramadan so eine grosse Bedeutung für Muslime?

Muris Begović: Der Fastenmonat ist eine von insgesamt fünf Säulen des Islam, welche die wichtigsten Regeln für uns Muslime darstellen. Sie setzen sich aus dem öffentlichen Glaubensbekenntnis, dem täglichen rituellen Gebet, der sozialen Spende, dem Fasten während des Ramadans und der Wallfahrt nach Mekka zusammen. Der Ramadan ist zudem der neunte Monat im islamischen Kalender. In diesem wurde der Koran unserem Propheten Mohammed herabgesandt. Auch deshalb bedeutet er uns Muslimen so viel.

Was ist das Ziel des Fastens?

Im Vordergrund steht nicht das Hungern oder der Verzicht. Das Fasten ist Voraussetzung für die Selbsterkenntnis und das Erfahren von Gott. Da man bewusst weniger Zeit für das Essen und Trinken aufwendet, schafft man Raum für andere Gedanken. Man kann sich dem Glauben zuwenden und sich beispielsweise mit religiösen Fragen zur Schöpfung oder dem Tod beschäftigen. Zudem soll das Fasten auch das Mitgefühl stärken. Man versucht, sich in die Lage von Armen zu versetzen, für die Hunger etwas Alltägliches ist. Wir Muslime in der Schweiz haben ja trotz Ramadan unsere Kühlschränke voll und jeden Abend etwas auf dem Teller. Daher spenden vor allem während des Fastenmonats viele. Diese Erfahrung ist dem sozialen Spenden dienlich, einer weiteren Säule im Islam. Das Fasten ist an sich nichts spezifisch Muslimisches, sondern in fast allen Religionen bekannt. Und nicht nur dort, auch in der Medizin und im Ernährungsbereich kennt man es. Fasten hilft in spiritueller Hinsicht, aber eben auch bei der Entgiftung des Körpers.

Der Ramadan wird auch als Monat der Gläubigen bezeichnet. Ist man ein schlechter Muslim, wenn man in dieser Zeit nicht fastet?

Es wird niemand an den Pranger gestellt, der der Verpflichtung nicht folgen kann. Einige haben Mühe damit, es durchzuziehen. Für andere ist das Fasten nicht vereinbar mit der Arbeit. Jeder kann frei entscheiden, ob er Ramadan machen will oder nicht. Befreit davon sind Menschen, die körperlich oder geistig nicht in der Lage dazu sind, wie etwa Kinder, Schwangere oder kranke Menschen. Aus Respekt gegenüber den Fastenden wird aber darauf geachtet, dass in der Öffentlichkeit nicht gegessen und getrunken wird. Diese Rücksichtnahme erfahre ich immer häufiger auch von Andersgläubigen. Wenn ich bei einer Sitzung bei der Arbeit den Kaffee ablehne und sage, dass ich gerade faste, verzichten die Kollegen oft auch darauf. Ich finde das eine sehr schöne Geste – auch wenn sie natürlich nicht notwendig ist und ich das von niemandem verlange.

Gefastet wird manchmal im Sommer, manchmal im Winter. Warum findet der Ramadan jedes Jahr zu unterschiedlichen Zeiten statt?

Das hat mit dem islamischen Mondkalender zu tun, der zehn Tage kürzer ist als der gregorianische Kalender. Aus diesem Grund verschiebt sich der Ramadan jedes Jahr um rund zehn Tage nach vorne. 2021 wird er zum Beispiel am 12.April beginnen und am 11. Mai mit dem Fastenbrechen, dem Eid oder Bayram, enden. Das heisst, dass der Ramadan erst wieder in 36 Jahren auf die genau gleiche Zeitspanne fällt wie 2020.

Muslime fasten seit Jahrhunderten, manchmal auch ausserhalb der Fastenzeit ganz nach dem Vorbild von Prophet Mohammed, der öfters aufs Essen und Trinken verzichtete. Hat sich bei der Ausübung des Ramadans im Laufe der Jahre etwas verändert?

Grundsätzlich hat sich daran nichts gewandelt. Ich muss jedoch sagen, dass der Respekt gegenüber fastenden Muslimen in der Schweiz gestiegen ist. Der Ramadan wird auch ausserhalb der islamischen Gemeinschaft positiver wahrgenommen und mehr beachtet. Ich habe dieses Jahr von diversen Kirchen sowie Christen und Juden aus dem Bekanntenkreis Glückwünsche zum Ramadan erhalten. Auch das Verständnis von Lehrpersonen für fastende Schülerinnen und Schüler ist meiner Ansicht ebenso gewachsen. Unsere Tradition wird respektiert, genauso wie wir Muslime beispielsweise das Weihnachtsfest der Christen respektieren. Es ist schön, Teil einer so toleranten Gesellschaft zu sein.

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Autor

Sibylle Egloff

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