Am Eingang zur Kantonsschule Limmattal in Urdorf prangt ein riesiges Frauen-Symbol am Boden. Es lässt erahnen, was sich im Gebäude abspielt: Frauen und Männer wuseln in lilafarbenen T-Shirts herum. Überall hängen Plakate und Poster. Auf dem einen steht in grossen Buchstaben «Feministischer Streik – Gemeinsam gegen patriarchale Strukturen», auf einem anderen sind Porträts von bedeutsamen Frauen wie Harriet Tubman und Indira Gandhi zu sehen. «Das soll die Menschen zum Nachdenken bringen», sagt die 18-jährige Anique Hug. Zusammen mit zwei Mitschülerinnen sitzt sie an einem Infostand mitten in der grossen Eingangshalle.

Vor ihnen liegen Prospekte, selbst angeschriebene rosa Bändchen und lila Pins mit dem Frauen-Symbol. Die Schülerinnen tragen die rosa Bändeli um die Handgelenke sowie lila Oberteile. «Jeder, der sich an der Bewegung beteiligen will, kann dies tun, indem er sich in irgendeiner Weise lila kleidet», sagt Papoula Kolb. Dem Beispiel der drei Mädchen sind viele gefolgt, wie sich in der Pause zeigt. Aus allen Klassen schwirren Jugendliche in den Flur. Manche bleiben bei den Plakaten stehen und diskutieren über das, was sie lesen. «Was, so wenige Frauen haben wichtige Positionen?», fragt etwa ein Schüler schockiert in die Runde.

Es ist kein normaler Tag in der Kantonsschule. «Es ist der Frauentag, wir reden nicht von Streik, sondern vom Tag», sagt die 17-jährige Marysol Müller. Das sei ein wichtiger Unterschied, da die Schule den Tag unterstützt, aber keinen Streik. Den Lehrpersonen stand also frei, wie sie ihren Unterricht gestalten. Den Tag über laufen verschiedene Filme, die mit dem Frauenstreik zusammenhängen. Andere behandeln genderspezifische Themen im Unterricht.

Nicht nur die Schülerinnen und Schüler haben sich dem Dresscode angenommen, auch viele Lehrerinnen trugen lila. So auch Sabine Schläpfer. Sie war bereits 1991 auf den Strassen, um für Gleichberechtigung zu kämpfen. «Gesetzlich hat sich schon einiges getan, aber im Alltag nicht wirklich», sagt die Deutschlehrerin. Oft habe sie sich mit Kritik herumschlagen müssen: «Wer sich einsetzt, setzt sich aus.» Sie selbst versuche, ihren Unterricht so zu gestalten, das dieser ausgewogen ist: «Ich achte darauf, dass wir auch Bücher von Autorinnen lesen und nicht nur Autoren.»

Einen Tag als Frau erleben

Kurz vor elf Uhr beenden einige der Lehrerinnen ihren Unterricht, um zu streiken. «Wir haben natürlich für Ersatz gesorgt – der Unterricht findet trotzdem statt. Die eine Klasse singt ‹Bread and Roses›, die andere schaut Filme, das Ganze ist freiwillig», erklärt Schläpfer.

Ein paar andere Schülerinnen breiten grossflächige Unterlagen in der Eingangshalle aus. Auf A-4-Blättern haben sie ihre Skizzen mitgebracht. Sie wollen Plakate malen, um sie zum Streik in Zürich mitzunehmen.

Doch nicht alle teilen diese Begeisterung. «Einige ziehen das Ganze ins Lächerliche», sagt Anique Hug. Andere würden es nachvollziehen, es aber als «Frauending» abstempeln. «Leider gibt es auch solche, die sich durch die Plakate bedrängt oder angegriffen fühlen», sagt Papoula Kolb. Sie wurde bereits darauf angesprochen und kritisiert. «Sie sagen, wir würden Hass verbreiten – das stimmt aber nicht», sagt Marysol Müller. Das gleiche Verhalten sieht Schläpfer bei einigen ihrer Schüler: «Einige Jungs fühlen sich von der Bewegung bedroht. Sie haben Angst. Ich verstehe aber nicht, woher diese Empörung kommt.» Es sei aber keine bedeutende Mehrheit, die so denke, sind sich alle einig.

Das beweist auch Schüler Melvin Berisha, der als Frau verkleidet in der Schule erscheint. Mit einer lila Perücke, geschminkt und mit rasierten Beinen setzt er sich in den Unterricht. «Ich wollte den Tag als Anlass nehmen, um zu sehen, wie Frauen so leben.» Und das sei schwierig: «Alleine beim Rasieren habe ich mich mehrmals geschnitten.» Es sei ein spezieller Tag, aber auch im Alltag stehe er hinter der Bewegung. «Es ist ein wichtiges Thema», sagt der 18-jährige Schüler. Einige Klassenkameraden jubeln ihm zu, sobald sie ihn im Kleid sehen. «Ich feiere dich», grölt einer der Jungen. Auch er trägt ein rosarotes Bändeli um das Handgelenk.