Bülach
Florence Schelling freut sich darauf sich im Männerhockey zu beweisen

Die Oberengstringerin Florence Schelling zog vor 5 Jahren nach Boston. Nun kehrt sie in die Schweiz zurück und damit auch in den Männerhockey. Beim Erstligisten Bülach kämpft sie um die Position des Stammgoalies.

Raphael Biermayr
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Florence Schelling ruht sich nicht auf dem Erreichten aus.

Florence Schelling ruht sich nicht auf dem Erreichten aus.

Keystone

Wäre die Oberengstringerin Florence Schelling kein Organisationstalent, sie wäre verloren. Seit ihrem Auszug nach Boston vor fünf Jahren hat sie ihre Tage bis ins Detail geplant, ein Balanceakt zwischen Wirtschaftsstudium und Eishockey. Die letzten zwölf Monate muten grotesk an: Schelling wurde nach ihrer Collegezeit von den Montreal Stars verpflichtet und fand einen Praktikumsplatz bei der berühmten Molson Brauerei in der frankokanadischen Metropole. Ausserdem war sie so ihrem Freund Yannick Weber nah, der für die Canadiens in der NHL spielt.
So weit, so gut. Doch dann eröffneten ihr die Stars vor Saisonbeginn, dass man lieber auf kanadische Torhüterinnen setze. Schelling wollte aber unbedingt spielen und wurde nach Brampton (nahe Toronto) ausgeliehen. So reiste sie zwischen Montreal, Brampton und Boston umher. Und kehrte so oft wie möglich in die Schweiz zurück - denn Weber war während des Lockouts in Genf.

Bescheidene Statistiken

Dennoch wirkt die 24-Jährige nach aussen hin immer entspannt. So auch, als sie diese Zeitung vergangene Woche telefonisch im WM-Camp der Nationalmannschaft erreicht. «Wir assen gerade zu Mittag, jetzt haben wir eine Stunde frei, bevor es wieder aufs Eis geht», schildert sie. Wie schon im vergangenen Jahr musste sie immerhin nicht allzu weit reisen, um zu ihrer bereits achten Weltmeisterschaft zu gelangen: Sie findet in Ottawa statt.

Schelling ist nach der Saison in der kanadischen Frauenliga im Mutterland des Eishockeys noch bekannter als zuvor. Obwohl ihr Team einen Exploit klar verpasste, war die Limmattalerin unter den letzten drei Nominierten für die Wahl zum MVP. Allerdings: Ihre Statistiken waren mit 6 Siegen in 16 Matches knapp 90 Prozent abgewehrten Schüssen vergleichsweise bescheiden. Darüber hinaus wurde sie im Gegensatz zu ihrer Collegezeit nicht mit Auszeichnungen überhäuft. «Das hatte ich auch nicht erwartet. Das Niveau ist nicht zu vergleichen», blockt Schelling die Kritik ihrem Goaliestil entsprechend unspektakulär ab.

Viertelfinal auf sicher

An der WM 2011 glückte der Schweiz dank einer herausragenden Leistung ihrer Torhüterin der historische Erfolg: Bronze. Wegbereiterin Schelling wurde zum Goalie des Turniers gewählt. Dank ihrer Rangierung hat die Schweiz heuer als Mitglied der stärkeren WM-Gruppe den Viertelfinal bereits auf sicher, kann also nicht mehr Gefahr laufen, abzusteigen. In der vergangenen Saison kämpfte sich das Team aus der schwächeren Gruppe hoch bis aufs Podest. Wie motiviert man sich diesmal? «Die Tür ist offen, um sich zu zeigen», sagt Schelling.

Sie selbst hat das nicht mehr nötig. Die Oberengstringerin strebt nach Höherem: Sie sucht das Perfekte. Nach der heute beginnenden WM warten noch drei Tage an der Universität mit Präsentationen und Prüfungen, bevor der Weg frei ist für das Ziel, dem sie die nächsten Monate alles unterordnet: die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele. Schelling hat vor kurzem beim Erstligisten Bülach angeheuert. Sie kehrt damit ins Männerhockey zurück, wo sie einst im Nachwuchs der ZSC Lions sowie während eines Teilenseinsatzes in einem Testspiel der GCK Lions Erfahrungen sammelte. Sie ist damit die erste Frau, die hierzulande in einem NLB-Team zum Einsatz kam. In Bülach kämpft sie um die frei gewordene Position des Stammgoalies.

Kein Ausruhen auf dem Erreichten

Worauf sie sich im Männerhockey am meisten freut? «Mich von null auf zu beweisen.» In Nordamerika sei das wegen ihres Renommees nicht mehr möglich gewesen. «Da hiess es immer: ‹Flo steht im Tor, das kommt schon gut›.» Das Ausruhen auf dem Erreichten verabscheut Schelling zutiefst. Eine Eigenschaft, die sie nicht erst seit ihren bewegten Jahren in Übersee auszeichnet.