Florence Schelling spielte 25 Jahre lang Eishockey. Die Oberengstringerin nahm an vier Olympischen Spielen teil. 2014 gewann sie in Sotschi die Bronzemedaille. Für viele Eishockeyexperten gilt sie gar als beste Torhüterin der Welt. Vor einem Jahr gab sie ihren Rücktritt bekannt. Heute möchte sie Leuten helfen, ihre Ziele zu erreichen.

Vor einem Jahr haben Sie Ihren letzten Match als Eishockey-Profi gespielt. Wie hat sich Ihr Tagesablauf seither verändert?

Florence Schelling: Es wurde wirklich alles ganz anders. Ich machte einen klaren Schnitt: Ich schloss mein Wirtschaftsstudium in Schweden ab, machte den Master, hörte auf Eishockey zu spielen und kam zurück in die Schweiz. Hier begann ich ganz neu. Ich wollte nicht mehr in den Kraftraum. Eine Weile dachte ich sogar, ich gehe nie mehr in eine Eishalle.

Wie lange haben Sie das durchgehalten?

Nicht lange. Ich merkte, es war eher so, dass ich nicht mehr mit meiner Eishockeygoalieausrüstung in die Eishalle gehen wollte. Nun kann ich mit der leichten Tasche als Trainerin in die Halle. Ich will einfach nicht mehr als Goalie auf dem Eis stehen. Die Ausrüstung rührte ich tatsächlich seit dem letzten Spiel nicht mehr an.

Was haben Sie anstelle von Hockey gemacht?

Ich machte direkt weiter. Ich nahm einen Job an. So lebte ich vor mich hin, wie wenn nichts gewesen wäre. Am Morgen stand ich auf, ging arbeiten und am Abend traf ich Kolleginnen. Das passt gar nicht zu mir. Doch ich denke, ich war so, weil ich immer sehr strukturiert sein musste. Ich machte nichts aus meinen Ideen. Dann hatte ich den Skiunfall. Ich brach mir das Genick. Während meiner ganzen Zeit als Sportlerin hatte ich nie so einen schlimmen Unfall. Doch dieser Unfall ist das Beste, was mir passieren konnte. Ich wurde gezwungen, nichts zu machen. Das hatte ich mir vorher gar nicht erlaubt. In den letzten drei Monaten hatte ich nun tatsächlich Zeit, einmal nichts zu machen.

Florence Schelling an den Olympischen Spielen in Südkorea.

Florence Schelling an den Olympischen Spielen in Südkorea.

Wie war es, nach einer Zeit, in der beinahe jede Stunde des Alltags durchgetaktet war, einfach nichts zu machen?

Am Anfang war es Horror. In den ersten paar Wochen ging mir alles durch den Kopf: meine Hockeykarriere, die USA, Schweden, Kanada, die Schweiz. Ich hatte schlaflose Nächte. Aber nach etwa drei Wochen waren meine Gedanken auf einmal klar. Ab da waren sie nicht mehr vergangenheitsbezogen, sondern zukunftsbezogen. Ich brauchte diese Zeit, um mein ganzes Leben bis zu diesem Zeitpunkt verarbeiten zu können.

Was ist von diesen Zukunftsplänen bereits spruchreif?

Es sind verschiedene Dinge. Etwas was ich machen möchte, ist Life Coaching. Nicht nur im Hockey-Bereich, sondern auch für Leute, die Hilfe brauchen, um etwas zu erreichen. Es geht darum, eine Person zu unterstützen, ihre Ziele zu planen und zu erreichen.

Machen Sie nun nach dem Wirtschaftsmaster eine weitere Ausbildung?

Ja, ich mache einen sechsmonatigen Kurs. Ich meldete mich bereits vor dem Unfall dafür an. Nun muss ich aber noch warten, bis ich wieder eine Weile am PC sitzen kann.

Welche weiteren Dinge haben Sie bereits geplant?

Seit fünf Jahren veranstalte ich den Girls Hockey Day. Das ist ein Tag, an dem die Mädchen unter sich spielen können. Beim letzten Tag hatten wir Platz für 60 Mädchen. Zudem waren noch weitere 30 auf der Warteliste. Es soll nun in verschiedenen Regionen einen solchen Tag geben. Durch diese Expansion soll es eine riesige Basis Mädchen geben, die Hockey spielen. Wir haben in den Schweizer Hockeyclubs vor allem viele kleine Mädchen. Ab neun Jahren wird es schwierig. Dann hören sie auf und wollen nicht mehr gemeinsam mit den Jungs spielen.

Sie haben 25 Jahre immer wieder mit und gegen Jungs gespielt. Wie war es für Sie, als einzige Frau auf dem Feld zu stehen?

Ich konnte mich immer durchsetzen. Das hat, glaube ich, auch mit meiner Persönlichkeit zu tun. Wenn jemand einen dummen Spruch macht, gebe ich zurück. So schützte ich mich selbst und gewann auch Respekt durch meine Leistung. Am Ende war ich die Frau, die sie im Tor brauchten. Und ja, ich war das einzige Mädchen, doch während meiner ganzen Karriere schützten mich auch die Trainer.

Wie taten sie das?

Ich musste nie mit den Jungs duschen. Sie liessen die Jungs das «Cool-down» machen und ich ging währenddessen schon duschen. In diesem Bereich hatte ich nie ein Problem.

Später haben Sie auch in Frauenteams gespielt. War es Ihnen schliesslich egal, mit wem Sie gespielt haben?

Es ist anders, wenn man in einem Frauenteam spielt, aber bis ich in den USA war, kannte ich nichts anderes, als in Männerteams zu spielen. In den USA spielte ich dann nur mit Frauen, das war ein riesiger Unterschied. Ich hatte mehr Spass mit den Frauen. Grund dafür war, dass ich gleich war wie die anderen.

Neuer Job: Im letzten Jahr war sie Assistenztrainerin.

Neuer Job: Im letzten Jahr war sie Assistenztrainerin.

Wie war es vom spielerischen Niveau in einem Männerteam zu spielen?

Ich profitierte von den Männerteams. Der grösste Unterschied war die Körpergrösse. Wenn ein Mann vor mir stand und die Sicht verdecken wollte, dann sah ich wirklich fast nichts mehr. Bei den Frauen gehörte ich eher zu den grösseren. Bei den Schüssen war es anfangs so, dass die Männer stärker schossen, aber in den letzten Jahren waren die Frauenschüsse ebenso stark.

Vermissen Sie die Zeit als Goalie?

Nein, als ich den Rücktritt gab, war ich an einem Zeitpunkt, an dem ich einfach genug hatte. Momentan ist es immer noch so, aber wie es in drei Jahren sein wird, werden wir sehen. Ich hörte von vielen Sportlern, dass es bis zu vier Jahren geht, bis man den Wettkampf sehr vermisst.

Heisst das, Sie trainieren gar nicht mehr?

Sobald es geht, möchte ich meinen Körper so trainieren, dass ich auf dem Niveau für ein olympisches Spiel bin. Nach vier Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften weiss ich, was es braucht, um auf einem solchen Niveau zu sein. Das soll auch für die Trainings hilfreich sein. Denn wenn ich als Trainerin eine junge Spielerin herausfordern kann, dann weiss sie wohin sie noch kommen muss.

Wie kam es, dass Sie Assistenztrainerin in der Frauennati U18 wurden?

Als Spielerin dachte ich, Trainerin zu sein wäre nicht meins. Ich mache vieles instinktiv und dachte deshalb, das könnte ich nicht so gut. Doch es ist eine schöne Herausforderung.

Werden sie sich ein weiteres Standbein als Trainerin aufbauen?

Wenn die Möglichkeit besteht, ja. Doch da der Headcoach die Kündigung einreichte, weiss ich momentan noch nicht, wie es aussieht. Es ist aber eine riesige Gelegenheit für mich. Denn einerseits macht es mir Spass und andererseits können die Spielerinnen profitieren.

Gibt es ein persönliches Ziel, das Sie in den nächsten Monaten erreichen möchten?

Ich gehe im Januar für einige Monate auf eine Weltreise. Ich wollte das schon immer machen, denn ich liebe es, meine Koffer zu packen und hatte bisher nie die Zeit für eine Weltreise. Das Studium oder das Hockeyspielen kam mir immer dazwischen. Dann kam der fliegenden Wechsel in die Arbeitswelt. Dank meinem Unfall merkte ich, entweder ich mache es jetzt oder nie.