Zürich
Flohmarkt Bürkliplatz: Wo man findet, was man nie gesucht hat

Seit 40 Jahren bieten Aussteller jeweils am Samstag auf dem Bürkliplatz ihre Waren feil. Ob nun Hausrat-Verkäufer oder professionelle Händler: Die Nachfrage nach gebrauchten Artikeln wird weiter steigen.

Gabriele Spiller
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Der ehemalige Tänzer Roger mit seinem Prunkstück: einem Sessel, überzogen mit Jaguarfell, das von zwei Pelzmänteln stammt.

Der ehemalige Tänzer Roger mit seinem Prunkstück: einem Sessel, überzogen mit Jaguarfell, das von zwei Pelzmänteln stammt.

Patrick Gutenberg

Strömender Regen - und schon laufen die Geschäfte auf dem Bürkliplatz harzig. Während den Händlern an diesem Samstagmorgen zu wenig Käufer unterwegs sind, hofft die Kundschaft auf grössere Preisnachlässe. «Das ist doch eine entspannte Atmosphäre», findet eine der Marktbesucherinnen. Flohmärkte interessieren sie, seit sie 14 Jahre alt ist. «Manchmal weiss man gar nicht, um was für einen Gegenstand es sich handelt, wofür er gemacht worden ist.» Sie sucht Dinge, die andere nicht haben. Objekte, die eine Geschichte erzählen. Auch der Kontakt mit den Händlern macht ihr Spass, deshalb zieht sie gerne alleine los.

Alles zum halben Preis

Ihr gegenüber, auf der anderen Seite des Marktstands, ist Mira Osinski. Sie bietet heute zum ersten Mal etwas an: die Restposten aus ihrem Laden, den sie aus Altersgründen geschlossen hat. Vor allem Schmuck, Bernstein aus Polen und Silberartikel - jetzt zum halben Preis. Keine schlechte Taktik. Denn die Marktbesucher sind Schnäppchenjäger, wie eine andere private Standbetreiberin erzählt, die ihre Kleiderschränke aufgeräumt hat. «Gleich am Morgen stürzten sich Leute auf die Ware, suchten gezielt nach Markenartikeln und fragten nach bestimmten Jeans und Hermès-Foulards.» Trotzdem weiss die zweifache Mutter den Tag für sich zu schätzen, einmal etwas anderes als Familie.

Standplätze werden ausgelost

Eva Stucker vom Marktbüro bestätigt den Trend, dass Vintage-Kleidung und älterer Schmuck besonders gut gehen. Sie ist zuständig für die Vergabe der 240 saisonalen Standplätze und der gleichen Zahl freier Tagesverkaufsplätze. Diese werden jeweils am Mittwoch ausgelost.

Interessenten können die Lose um 12.30 Uhr im Pavillon in der Stadthausanlage ziehen; die glücklichen Gewinner werden an einer Tafel sofort bekannt gegeben. Sie können dann an zwei aufeinanderfolgenden Samstagen einen zwei oder drei Meter breiten Stand aufbauen. Der Platz ist gleich zu bezahlen, in Form einer Saisonkarte (15 Franken) und eines Laufmeterpreises (12 Franken pro Meter und Markttag).

Es muss ein Ausweis mitgebracht werden. Die Nachfrage nehme zu, berichtet Stucker, die wie ihre Kollegen zur Stadtpolizei Zürich gehört. Für die Dauerplätze mussten dieses Jahr über 40 Anfragen zurückgewiesen werden, denn der seit 1971 bestehende Flohmarkt kann räumlich nicht wachsen. Zwei Sektorenkontrolleure, eine Marktbüromitarbeiterin und ein Marktchef wachen über das Gelände. Haben alle bezahlt? Hat der Stand die richtige Grösse? Und sind die Waren wirklich gebraucht?

Fast eine Familie

Die festen Standbetreiber zeichnet eine grosse Treue zu ihrem Standort aus. Harry zum Beispiel bietet Bilder, Stiche und Holzdrucke an und weiss zu jedem Stück etwas zu erzählen. Als junger Mann hat er in Paris Aktmalerei studiert und kann auch Bilder restaurieren. Er sucht seine Ware bei Geschäftsauflösungen, Trödlern und in Brockenhäusern. Zehn Jahre war der Flohmi-Stand eine Nebenbeschäftigung für ihn, seit weiteren zehn Jahren darf er sein Hobby schwerpunktmässig betreiben.

Auch Roger hat sich auf hochwertige Antiquitäten spezialisiert. Der ehemalige Tänzer betont sein Gefühl für Ästhetik. Heute dürfte er das erlesenste Objekt des Marktes im Angebot haben: einen Sessel aus Jaguarfell, den er selbst aus zwei Pelzmänteln bezogen hat. Das Fell ist von bester Qualität, da die Mäntel immer im Kühlraum gelagert wurden. Die schönsten Teile hat er prominent auf die Sitzfläche und den Rücken des Sessels montiert. Aus den Resten konnte er noch ein Zierkissen herstellen, das mit geschorenem Seehundsfell eingefasst ist. Der Jaguarsessel ist nun allerdings eine Rarität, die ihren Preis hat, nämlich 9500 Franken - zu besichtigen vielleicht auch am nächsten Samstag noch am Bürkliplatz.

Flohmarkt Bürkliplatz: dieses Jahr bis 29. Oktober, jeden Samstag von 6 bis 16 Uhr (kein Markt am 13. August).
www.flohmarktbuerkliplatz.ch.