Nikolaus Wyss in Kolumbien

Finanzspritze per Crowdfunding: Das Frauenhaus von Nikolaus Wyss wird endlich belebt

Der Zürcher Nikolaus Wyss hat Geld gesammelt, damit Frauen in Kolumbien einen Rohbau als Handwerkszentrum nutzen können. Zuvor lebte und politisierte er mehrere Jahre in Schlieren.

Eigentlich hätte in dem Backsteingebäude im Dorf Getsemani in einem kolumbianischen Indio-Reservat ein florierendes, selbstverwaltetes Handwerkszentrum für Frauen entstehen sollen. Doch beim vor Jahren mithilfe der katholischen Kirche errichteten Rohbau ging das Geld aus und bis heute bietet er nicht mehr als ein Dach über dem Kopf. Dass sich dies nun ändern wird, ist Nikolaus Wyss zu verdanken.

Wyss ist im Limmattal kein Unbekannter. Fünf Jahre nach seinem Umzug nach Schlieren wurde er im Februar 2014 als einer der ersten zwei GLP-Politiker ins Parlament gewählt. Fortan politisierte er aktiv als Gemeinderat und machte sich einen Namen mit vielen politischen Vorstössen, die bei seinen Ratskollegen nicht immer gut ankamen. Bis zu seinem vorzeitigen Austritt im Sommer 2016 blieb er ein Fremdkörper in der Schlieremer Politlandschaft.

Finanzspritze per Crowdfunding

Keine zwei Jahre später sorgt der 68-Jährige auf der anderen Seite des Atlantiks für positive Schlagzeilen. Mit einem Projekt auf der Crowdfunding-Plattform Wemakeit setzte er sich dafür ein, dass das Handwerkszentrum im Dorf Getsemani dank einer Finanzspritze endlich seinem ursprünglich angedachten Zweck zugeführt werden kann. Für eine erfolgreiche Finanzierung peilte Wyss mit der Kampagne eine Summe von 12'000 Franken an – am Ende resultierten beim Crowdfunding 13'242 Franken.

Im Projektbeschrieb auf der Plattform legt der Initiant seinen Plan für das gesammelte Geld dar. Es werde ausschliesslich eingesetzt, um die Ausstattung des Hauses zu verbessern. Denn egal ob Infrastruktur, Mobiliar oder Werkzeuge: Bisher fehlt dem Rohbau alles. Die Frauengruppe, die das Haus führen und dereinst als Werkstatt für die Herstellung indigener Kunst nutzen will, soll eine Liste mit nötigen Anschaffungen zusammenstellen. «Sie wissen am besten, womit ihnen am meisten gedient ist», so Wyss. Damit das Geld «nicht in verschiedenen Händen allmählich versickert», beaufsichtige er das Projekt persönlich und arbeite vor Ort eng mit einer Familie zusammen, zu der er bei einer Reise ins Dorf eine gute Beziehung aufgebaut habe.

Ausgewandert nach Kolumbien

Dass der gebürtige Stadtzürcher heute Hilfsprojekte in Kolumbien anreisst, ist kein Zufall. Bereits von 1970 bis 1972 wohnte er im Land und arbeitete als Buchhändler. Nach seinem Abschied aus dem Schlieremer Parlament sagte er der Limmattaler Zeitung, das Kapitel Kolumbien sei für ihn irgendwie noch nicht abgeschlossen. Und tatsächlich verschlug es ihn anschliessend in die Hauptstadt Bogotá, die zu seinem neuen Lebensmittelpunkt geworden ist.
Bei einer Expeditionsreise in die Tiefebenen im Osten des Landes durchquerte er das Indio-Reservat Caño Mochuelo im Departamento de Casanare und landete in Getsemani.

Das 600-Seelen-Dorf ist eines von 14 Dörfern im abgelegenen Reservat, das von der Bus-Endhaltestelle nur mit einer zweistündigen Bootsfahrt über den Rio Casanare zu erreichen ist. Im Dorf gibt es kein elektrisches Netz. Wer sich einen Generator leisten kann, nutzt ihn abends zum Handyaufladen und kurzes Fernsehen, schreibt Wyss in seinem Reisebericht. Für Licht sei der Kraftstoff aber zu teuer.

Hilfe statt Mitleid

In Gesprächen mit den einheimischen Sikuani – eine von acht Ethnien, die von der Regierung im Reservat zusammengeführt und angesiedelt wurden – stellte er schnell das drängendste Problem fest: die Angst vor dem Verlust der eigenen Kultur und Identität. Die Sprachen der indigenen Völker würden zunehmend vom Spanischen verdrängt, klagten die Bewohner. Doch statt in «das erwartete Mitleid und Bedauern» einzustimmen, wurde Wyss lieber aktiv und überlegte sich: «Wie könnte der tief empfundene Verlust, diese Verunsicherung der eigenen Identität, mit irgendetwas Attraktivem, Zukunftsträchtigem aufgewogen werden?».

Als er auf einem Rundgang den grossen, kargen Rohbau gezeigt bekam, stand für ihn schnell fest, dass er versuchen würde, für die Belebung des Gebäudes Geld zu sammeln. Denn ein neues Kunsthandwerkszentrum leistet laut Wyss nicht nur einen Beitrag zum Erhalt des kulturellen Erbes der Einheimischen, sondern könne dank der Beliebtheit der hergestellten Kunst auch ihre wirtschaftliche Situation verbessern.

Frauenhaus in Getsemani

Das Frauenhaus in Getsemani

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