Fussball
FCZ-Ersatzgoalie aus Bergdietikon: «Ich will die Nummer 1 werden»

Seit einem Jahr gehört Novem Baumann zur 1. Mannschaft des FC Zürich. Im Interview sagt der 21-Jährige, welche Rituale er vor Spielbeginn durchexerziert, ob er sich einen Wechsel zu GC vorstellen könnte und wem er seine Karriere zu verdanken hat.

David Egger
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«In Geroldswil schnupperte ich erstmals Profi-Luft», sagt Novem Baumann (hier an der Limmat in Dietikon).

«In Geroldswil schnupperte ich erstmals Profi-Luft», sagt Novem Baumann (hier an der Limmat in Dietikon).

Alex Spichale

Novem Baumann, Sie tragen eine Bandage um ihr Handgelenk. Was ist los?

Novem Baumann: Ein starker Schuss hat einen Finger nach hinten geknickt. Es ist nur eine Prellung. Aber ich muss vorsichtig sein, weil ich die Hand schon mal verletzt hatte.

Als Fussballer werden Sie sich noch einige Male verletzen. Lässt Sie das nie an Ihrer Berufswahl zweifeln?

Nein, mir ist bewusst, dass die Karriere schnell zu Ende gehen kann. Dieses Berufsrisiko war für mich eine Motivation, zuerst die KV-Lehre abzuschliessen.

Jetzt sind Sie Profi, Ihr Marktwert beträgt 75 000 Euro. Beschäftigen Sie sich mit solchen Zahlen?

Mein jüngster Bruder schaut immer nach und erzählt es mir. Aber wenn der Wert steigt, gehe ich nicht mit breiterer Brust auf die Strasse. Ich habe meine Karriereplanung und befinde mich genau im Zeitplan. Wenn ich heute noch nicht FCZ-Ersatzgoalie wäre, müsste ich das mit der Profi-Karriere nochmals überdenken.

Zur Person: Die Lehre hat er bei Rapid gemacht

Novem Baumann (21) zog im Alter von zwei Jahren von Zürich-Witikon nach Bergdietikon. Dort und in Spreitenbach absolvierte er die Schule, dann in Killwangen die KV-Lehre bei der Firma Rapid. Als Junior spielte er für Urdorf, Oetwil-Geroldswil und den FCZ (U16 bis U21). In seiner Zeit als U21-Goalie wurde er kurz an den SV Höngg und den FC Wil ausgeliehen. Der schweizerisch-philippinische Doppelbürger spielte auch für die Nati (U15 bis U20). Er gehört seit Juli 2015 zur 1. FCZ-Mannschaft und trägt die Rückennummer 61.

Sie könnten auch in die Philippinen wechseln, Ihre zweite Heimat. Dort hätten Sie einen Stammplatz und wären ein echter Superstar, so wie es Ex-GC-Spieler Charyl Chappuis in Thailand ist. Reizt Sie das nicht?

Diese Frage ist für mich auch schon im Raum gestanden. Chappuis hat Werbeverträge mit grossen internationalen Firmen. Aber ich fühle mich als Schweizer und will mich hier durchsetzen. Wer es hier schafft, dem könnte es auch für eine andere europäische Liga reichen. Für später ist vielleicht das philippinische Nationalteam eine Option. Aber Priorität hat für mich die Schweiz.

Wie ist Ihr Bezug zu den Philippinen?

Meine Mutter hat mir viel von den Philippinen mitgegeben und ich skype manchmal mit den Verwandten. Ich bin stolz, auch Philippiner zu sein, obwohl ich wenig philippinisch spreche und seit acht Jahren nicht mehr dort war. Ich würde gerne wieder dorthin fliegen.

Die Philippinen machen Schlagzeilen, der Präsident flucht öffentlich und lässt Kleinkriminelle umbringen. Verfolgen Sie diese Entwicklung?

Ja, schon. Ich bin zwar zu wenig nah, um zu beurteilen, ob diese Entwicklung für die Mehrheit der Bevölkerung positiv oder negativ ist. Aber persönlich bin ich gegen die Todesstrafe.

Erst der Abstieg für den FCZ, dann der Cup-Sieg - Turbulente Mai-Wochen:

Yapi und Nef gehen alleine mit dem Pokal vor die Südkurve.
23 Bilder
Die Spieler des FC Lugano sind Enttäuscht.
Frustration nach dem Schlusspfiff.
FCZ-Vinicius küsst den Pokal.
Uli Forte und Heliane Canepa umarmen sich.
Der Traum der Luganesi ist geplatzt.
Cupfinal 2016
Der FCZ stemmt den Pokal bereits zum neunten Mal in die Höhe.
Yapi (rechts) und Koch liegen sich in den Armen.
So richtig in Feierlaune kam der FCZ verständlicherweise nicht.
Die Spieler des FC Zürich mit dem Pokal.
Die Erleichterung beim Absteiger ist gross: immerhin den Cup gewinnt der FCZ.
Die Zürcher jubeln.
Diskussionen zwischen FCZ-Trainer Uli Forte und dem Schiedsrichtergespann.
Der FCZ bejubelt das 1:0.
Sarr trifft nach einer Ecke von rechts.
Favre hält den Penalty von Bottani.
Bottani scheitert vom Punkt.
Dem Elfmeter ging ein klares Foul von Favre voraus.
Neff gibt vollen Einsatz.
Alioski wird gefoult.
Burim Kukeli muss verletzt und blutüberströmt raus.
Die Tifosi des FC Lugano.

Yapi und Nef gehen alleine mit dem Pokal vor die Südkurve.

Keystone

Zurück zum Fussball: Wieso haben Sie Ihre Karriere in Urdorf gestartet?

Ein Freund meines Vaters spielte dort, deshalb hatten wir einen Bezug zu diesem Verein. Mein Vater hat mich dort für die Junioren angemeldet. Weil meine Mutter kurz danach die Autoprüfung bestand, konnte ich ins Fussballtraining. Ich verdanke ihr meine Karriere.

Nach dreieinhalb Jahren wechselten Sie auf die andere Seite der Limmat, zum FC Oetwil-Geroldswil. Warum?

Mein mittlerer Bruder hat auch in Urdorf getschuttet. Als dann der kleinste auch wollte, hiess es in Urdorf, es habe keine freie Plätze mehr bei den Junioren. Wir wollten aber beim gleichen Verein sein. Unser Vater hat sich dann umgeschaut und wir sind zu dritt nach Geroldswil gewechselt. Das hatte sich gelohnt, ich schnupperte dort erstmals Profi-Luft. Mein erster Trainer hatte mal ein Jahr lang für GC gespielt. Und der Konditionstrainer war früher bei den Kloten Flyers. Kurz nach dem Wechsel wurde ich Captain der D-Junioren, darum musste ich beim Konditionstraining immer zuvorderst laufen. Wir wurden dort ziemlich geschlaucht.

Viele Fussballer haben ein Ritual vor dem Spiel. Sie auch?

Kurz vor dem Spiel gehe ich zum Goal und klatsche den linken Pfosten, die Latte und den rechten Pfosten ab. Das ist ein Symbol dafür, dass das Goal mir gehört und ich bestimme, was hier passiert. Dann mache ich fünfmal das Kreuz für mich und meine Familie, schaue raus zu meinem Vater, und wir klopfen beide mit der Faust aufs Herz. So spüren wir, dass der andere da ist. Dann gibt es noch ein geheimes Ritual für meine Freundin.

Diesen Sommer hat das offenbar genützt. Am Uhren-Cup in Biel warfen Sie den Ball gegen Mönchengladbach bis über die Mittellinie.

Das ging umher, auch Sport 1 hat darüber berichtet. Es ist eine schöne Randnotiz, mit der ich auf mich aufmerksam machte.

Sie sitzen abwechselnd mit Anthony Favre auf der Ersatzbank. Wird Ihnen dabei nicht langweilig?

Ich bin FCZ-Fan, seit ich denken kann. Das habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, weil mein Vater schon immer FCZ-Fan war. Wenn ich einlaufe und die Südkurve höre, ist das für mich ein Highlight, auch wenn ich auf der Bank sitze.

FCZ-Stammgoalie Andris Vanins hat lange bei Sion gespielt und gehört vielleicht zu den meistunterschätzten Goalies. Wie ist die Arbeit mit ihm?

Ich habe schon immer gesagt, dass er zu den besten Goalies der Schweiz gehört. Er spielt seit Jahren sehr konstant, ist ein Vorbild auf und neben dem Platz. Ich kann sehr viel von ihm lernen. Dennoch ist mein Ziel klar: Ich will die Nummer 1 werden und den Stammgoalie verdrängen.

Wäre es für Sie als FCZ-Fan eigentlich eine Option, zu GC zu wechseln, wenn Sie dort einen Stammplatz hätten?

Ich würde mich sehr schwer tun, denn ich muss mich mit dem Klub identifizieren können. Aber realistisch gesehen ist es natürlich nicht auszuschliessen, dort Spielpraxis zu sammeln, falls sich die Möglichkeit ergibt. Man muss sich immer fragen, was besser für die eigene Karriere ist.

Dabei versuchen Spielerberater zu helfen. In der Berater-Branche treiben sich auch zwielichtige Gestalten um. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?

Als ich in der U21 des FCZ und der U19-Nati spielte, sind sehr viele Personen auf meinen Vater zugekommen, manchmal waren es zehn Personen gleichzeitig. Auch solche, die mich an die Jugendakademie von Arsenal oder Chelsea vermitteln wollten. Für mich war es wichtig, die Lehre abzuschliessen und mich in der Schweiz zu entwickeln. Denn es ist ein Privileg hier zu sein. So haben wir dann Agenten gesucht, die das richtige Umfeld bieten. In Bernt Haas haben wir diese Person gefunden, er war mein erster Berater. Seit er Sportchef beim FC Vaduz geworden ist, arbeite ich jetzt mit Baykal Kulaksizoglu zusammen.

Jetzt sind Sie vom Nachwuchsspieler zum Ersatzgoalie gereift. Werden Sie auf der Strasse schon angesprochen?

Vor allem die jüngsten Fans erkennen mich und fragen nach einem Foto oder einem Autogramm. Seit dem Spiel gegen Mönchengladbach hat das etwas zugenommen.

Nervt es schon?

Nein, für mich ist das das schöne Dessert des Fussballs. Es ist schön, die Freude in den Gesichtern zu sehen, nur weil ich irgendwo meinen Namen hinkritzle.

Kommen wir zur Gretchenfrage: Würden Sie sich als Aargauer bezeichnen?

Nein, ich bin ein Zürcher, ich wurde in der Stadt geboren und es ist die schönste Stadt der Welt. Natürlich bin ich auch ein Limmattaler, so wie viele andere Fussballer. In Spreitenbach ging ich an die gleiche Schule wie einst Diego Benaglio.

Das Limmattal, ein Fussballer-Herd. Haben Sie noch mehr Beispiele dafür?

Martin Brunner aus Weiningen war mein Trainer bei der U18 des FCZ, bei Oetwil-Geroldswil habe ich zusammen mit seinem Sohn gespielt. Zudem bin ich mit der Cousine von Shkelzen Gashi in die Schule. Und Anto Grgic, der jetzt bei Stuttgart ist, ist ein guter Kollege von mir. In Schlieren hatte er im gleichen Block wie Albert Bunjaku gewohnt.

Zum Schluss noch eine Frage: Wenn Ihre Karriere so weitergeht, werden Sie dereinst viel Geld verdienen. Wünschen Sie sich, reich zu werden?

Ja sicher, aber nicht um viel Geld auszugeben, sondern um mein Leben und das meiner Familie finanziell abzusichern. Das ist mein Ziel.