«80. Minute: Wütende Zuschauer verlassen das Stadion», sagte ein Dietiker Fan, während er vom Spielfeldrand der Dornau in Richtung Parkplatz marschierte. Zehn Minuten blieben noch zu spielen in der Partie zwischen Dietikon und Wangen bei Olten, doch der Anhänger hatte genug gesehen. Und er war nicht der Einzige, der sich das Spiel nicht bis zu Ende ansehen wollte. Die Dietiker lagen mit 0:2 zurück und spielten erst noch in Unterzahl: Dragan Durovic hatte eine Viertelstunde vor Schluss nach einer Grätsche gegen den Wangener Dario Harambasic Rot gesehen.

Den Limmattalern drohte also eine weitere Niederlage, nachdem sie die letzten drei Spiele zuvor schon verloren hatten. Und diese Niederlage wäre wohl besiegelt gewesen, hätte Antonio Rodrigo wenige Minuten vor Schluss seine Grosschance genutzt: Der Wangener hatte den Ball an Dietikons Torhüter Alpay Inaner vorbeigelegt, konnte ihn aber nicht im Tor unterbringen.
So blieb den Dietikern noch ein Funken Hoffnung. Fünf Minuten vor dem Ende prüfte Captain Luca Senicanin Wangens Torhüter Marco Häfliger mit einem Distanzschuss, doch Häfliger wehrte ab. Dann eine Ecke von Marjan Jelec, doch Marko Lazic köpfte den Ball übers Tor. Die Limmattaler erspielten sich in dieser Phase fast so viele Chancen wie im gesamten Spiel zuvor, die Gäste konzentrierten sich nur noch auf ihre Abwehrarbeit. Doch die Zeit rannte den Dietikern davon, es lief bereits die 90. Minute. Plötzlich eine Flanke in den Strafraum, ein Kopfball von João Paiva – und der Ball prallte vom Innenpfosten ins Netz. 1:2 aus Dietiker Sicht.

Das Spiel war jedoch noch nicht vorbei. Die Limmattaler warfen nochmals alles nach vorne. Und dann wieder eine Flanke im Strafraum, und wieder landete der Ball auf Paivas Kopf – und da war es, das erlösende 2:2. Kurz darauf pfiff der Schiedsrichter dieses Herzschlagfinale ab. Innert drei Minuten hatten die Dietiker die Partie gedreht, eine Partie, die bereits verloren schien.

Kein Grund zum Jubel

Doch richtige Freude kam bei den Limmattalern nicht auf über den gewonnenen Punkt. «Wir sind ein bisschen unzufrieden», sagte Doppeltorschütze Paiva. «Wir haben besser gespielt, als es der eine Punkt vermuten lässt.» Besonders vor eigenem Anhang habe man drei Punkte holen wollen: «Auf der Dornau ist ein Sieg Pflicht für uns.»
Dass es für die Dietiker auch im vierten Spiel in Folge nicht zu einem Sieg gereicht hat, hat für Paiva nicht mit der Qualität der Mannschaft zu tun. «Wir haben ein gutes Team, aber ein Problem mit dem Selbstvertrauen», sagte er. «Wir sind in einem Loch, und aus diesem müssen wir herausfinden.»

Auch Trainer Goran Ivelj war nicht zufrieden mit dem Spielverlauf. «Bis zum ersten Gegentor hatte Wangen keine einzige Torchance gehabt», sagte er. «Dann kriegt Wangen einen Freistoss und wir prompt das 0:1.» Richtig ärgerlich für Ivelj, der auf den gesperrten Naim Haziri verzichten musste, war aber das 0:2: «Da unterläuft uns zuvor ein fataler Fehlpass, der Wangen erst den Konter ermöglichte.» Ein Konter, den Torhüter Inaner nur mit einem Foul stoppen konnte – auf Kosten des Penaltys. Solche Fehler dürften nicht passieren. «Angesichts der Chancen, die wir hatten, hätten wir dieses Spiel eigentlich klar gewinnen müssen», so Ivelj. Der Dietiker Trainer sah dennoch einen positiven Aspekt: «Unsere Mannschaft ist noch jung und hat in diesem Spiel Charakter gezeigt. Dieser Punkt ist wichtig für unsere Moral.» Besonders nach den letzten drei Niederlagen und dem «Totalausfall», wie Ivelj es nannte, gegen Muri, als die Dietiker mit 2:6 untergingen.

Vier Punkte vor Strich

Der Punkt gegen Wangen könnte aber auch noch in der Endabrechnung wertvoll werden. Denn die Dietiker stehen in der Tabelle zwar auf Rang 6, sind aber noch nicht ganz aus dem Schneider: Der Abstand zum Strich beträgt gerade mal vier Punkte, und es sind noch sechs Partien zu spielen. Mit Olten, Wettingen und Biberist folgen zudem nun drei Gegner, die alle hinter den Limmattalern liegen – und somit ebenfalls unter Druck stehen. «Wir können natürlich noch nach vorne kommen, aber auch zurückfallen», sagte Paiva. «Wir müssen deshalb kompakter spielen und unsere Fehler abstellen. In den restlichen Partien werden wir Gas geben.» Dem schloss sich Ivelj an: «Ich als Trainer werde alles geben.»