Berufs- und Amtsgeheimnis
Ex-Seelsorger muss vor Gericht – weil er half, einen Räuber zu fassen

Der 80-jährige Ex-Seelsorger des Gefängnisses Thorberg und dessen Frau müssen sich vor dem Zürcher Bezirksgericht verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, das Berufs- und Amtsgeheimnis verletzt zu haben. Dies half bei der Fassung eines Mannes, der in Dietikon eine Frau überfallen haben soll.

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Der Angeklagte war früher als Seelsorger im Gefängnis Thorberg tätig, wo er den mutmasslichen Räuber betreute. (Archiv)

Der Angeklagte war früher als Seelsorger im Gefängnis Thorberg tätig, wo er den mutmasslichen Räuber betreute. (Archiv)

Keystone

Der 80-jährige ehemalige Seelsorger des Gefängnisses Thorberg und seine Frau müssen sich am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten. Ein mutmasslicher Räuber, den die beiden rund sieben Jahre lang im Gefängnis betreuten und mit dem sie auch nach dessen Entlassung Kontakt hielten, wirft dem mittlerweile pensionierten Ehepaar vor, gegen ihr Berufs- und Amtsgeheimnis verstossen zu haben. Dies soll dazu geführt haben, dass der Ex-Sträfling wegen eines erneuten Verbrechens verhaftet wurde.

Die Kantonspolizei Zürich suchte im Mai 2017 nach einem Mann, der in Dietikon eine Frau überfallen, gefesselt und beraubt hatte. Die Polizei veröffentlichte ein Foto des Täters und schrieb in einer Mitteilung, dass er gewaltbereit und bewaffnet sein dürfte. Die Fahnder nahmen Kontakt mit dem ehemaligen Seelsorger der Strafanstalt Thorberg und dessen Frau auf, weil bekannt war, dass diese mit dem Gesuchten zusammen gearbeitet und auch privaten Kontakt zu ihm hatten.

Güterabwägung gemacht

Die Aussagen über das Betreuungsverhältnis und die Herausgabe eines psychiatrischen Gutachtens aus den Achtzigerjahren sollen laut dem heute 54-jährigen Kläger das Amts- und Berufsgeheimnis des Seelsorgers verletzt haben. Gegenüber dem "Bund" erklärt der Pfarrer die Situation: "Ich habe eine Güterabwägung gemacht und bin zum Schluss gekommen, dass ich wegen der gravierenden Delikte, die dem Gesuchten vorgeworfen werden, der Polizei Auskunft gebe." Die meisten Informationen, die er der Polizei gegeben habe, seien jedoch solche, die er als Privatmann und nicht in Verbindung mit seinem Beruf erhalten habe.

Im Nachhinein habe er sich zudem von der Berner Polizeidirektion vom Amts- und Berufsgeheimnis entbinden lassen. Anscheinend war dies aber zu spät. Der 80-Jährige soll nun eine bedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 100 Franken erhalten, seine Frau eine solche von 30 Tagessätzen, fordert der Staatsanwalt. Für die Untersuchung sollen zudem beide je 1100 Franken bezahlen.