Zürich

Ex-Posträuber Rudolf Szabo: «Ich war ein Monster»

Rudolf Szabo vor der Post in Elgg in der Nähe von Winterthur, die er einst überfallen hatte: Er sass deshalb während sechs Jahren hinter Gittern.

Früher überfiel Rudolf Szabo Poststellen – heute begleitet er straffällige Jugendliche auf ihrem Weg zurück in den Alltag.

Mit Sturmmaske und gezückter Pistole bedroht Rudolf Szabo am 29. Dezember 1995 eine Angestellte, die gerade in die Garage der Elgger Post fahren will. Es ist gegen 19 Uhr und bereits dunkel. Kurz darauf kommt Szabos Komplize, der sich im Gebüsch versteckt hatte, dazu.

Im Postbüro fesseln sie die Frau an eine Heizung. Doch die beiden Räuber kommen zu spät: Der Tresor mit dem Zeitschloss lässt sich auch von der Angestellten erst am nächsten Tag wieder öffnen. Sie flüchten mit 100 Franken und einer Postomat-Karte als Beute. Geklaut aus dem Portemonnaie der Angestellten.

«Ich war ein Monster», sagt der 60-jährige Rudolf Szabo heute. Der gebürtige Wiener mit ungarischen Wurzeln leistete als Unteroffizier bei den Grenadieren der Schweizer Armee über tausend Diensttage. Anfang der 1990er-Jahre machte sich Szabo als Bauunternehmer selbstständig. Die Bankenkrise von 1994 setzte ihm jedoch das Messer an die Gurgel: Innert dreier Monate hätte er seiner Bank 300'000 Franken zurückzahlen müssen. Gleichzeitig betrog seine Frau den fünffachen Familienvater, sie trennte sich von ihm, Szabo musste monatlich 6200 Franken Alimente berappen.

Sieben Überfälle mit einer Waffe begangen

Szabo sah nur noch einen Ausweg: die Banken, die ihn in diese Lage brachten, zu überfallen. Diese Idee machte er auch seinen beiden Hilfsarbeitern schmackhaft, die zuvor eine Lehre abgebrochen hatten. «Später wichen wir auf Postfilialen aus, weil dort die Sicherheitsvorkehrungen kleiner waren», erklärt Szabo.

Die Filiale in Elgg fiel ihm auf, nachdem er mit seinen Hilfsarbeitern in einer Kiesgrube zwischen Elgg und Aadorf mit Armeewaffen rumgeschossen hatte, als Training. «Ihr Umgang mit den Waffen war aber unsicher.» Szabo entschied, dass nur er eine geladene Waffe bei sich tragen würde. Seine Komplizen verwendeten Softair-Pistolen, die kaum von echten zu unterscheiden sind.

Die Bande versammelte sich vor dem Überfall in einer Winterthurer Wohnung, östlich des Hauptbahnhofs, nahe der Gleise. Auf einem Wülflinger Parkplatz klaute Szabo mehrere Nummernschilder für die Fluchtfahrzeuge. Vor jenem Überfall in Elgg hatten sie in Hittnau im Zürcher Oberland bereits 100'000 Franken erbeutet und einen Liebhaber von Szabos Ex-Frau brutal ausgeraubt.

Im Januar 1996 folgten die Postfilialen in Grüningen und Embrach. Dazu kamen zwei Überfälle auf eine Migros in Männedorf und einen Coop in Uetikon. Nach einem Überfall trafen sie sich jeweils wieder in Winterthur, wo sie die Beute aufteilten und den Erfolg in der Altstadt begossen. «Wir fühlten uns unbesiegbar», sagt Szabo.

Das Winterthurer Bier und der Hochmut nach dem Überfall in Embrach waren die ersten Dominosteine, die zur Verhaftung führten: «Einer der Hilfsarbeiter prügelte sich in einer Bar, die Polizei kam und fand in seinem Auto eine Sturmmaske und die täuschend echt aussehende Softair-Pistole.»

Szabo flüchtete nach Deutschland, vermisste aber seine Kinder. Als er am Valentinstag 1996 sein Mietauto in Wil SG zurückbrachte, schnappte die Falle zu: Szabo war von Polizisten mit gezückten Waffen umzingelt. Auf Distanz waren zusätzlich Scharfschützen positioniert.

Das Obergericht St. Gallen verurteilte Szabo zu neun Jahren Gefängnis, wo er dank Seelsorge und therapeutischen Massnahmen seine Taten reflektierte. «In der Stille ist man sich selbst der grösste Feind», sagt Szabo heute. Er, der sich bei seinen Taten einredete, nur das Geld stehlen und niemanden verletzen zu wollen, realisierte, was für psychische Wunden er hinterlassen hatte. Etwa beim Überfall der Post- und der Kantonalbankfiliale in Hittnau, wo er einem sechsjährigen Mädchen, der Tochter eines Angestellten, die geladene Pistole an die Schläfe hielt. «Dieses Bild hatte ich lange tief in mir vergraben», sagt Szabo, der damals Kinder im gleichen Alter hatte.

Durch den Seelsorger Georg Schmucki und die Tagelswanger Therapeutin Elisabeth Moser arbeitete er seine Taten auf. Therapeutin Moser konfrontierte Szabo schonungslos mit seinen Taten. Szabo verfiel zuerst in alte Muster, suchte Sündenböcke. Aber irgendwann befasste er sich mit seinen Verbrechen: «Die Hosen runterlassen, das machen viele Täter nicht.» Praktisch jeder, der kriminell sei, stelle sich gerne als Opfer dar. «Das ist ein über Jahre gefestigter Mechanismus, um Mitleid zu erregen. Eine Auseinandersetzung mit den eigenen Taten findet so nie statt.»

Der Täter muss die Konsequenzen tragen

Szabo ist davon überzeugt, dass jeder Täter seine Taten schonungslos aufarbeiten muss, um den Opfermechanismus zu durchbrechen. «Wenn ich ein Verbrechen ausübe, muss ich die Konsequenzen tragen. Egal, wie schwer meine Kindheit war.» Erst wenn man die Tat anerkannt habe und über die grundlegenden Probleme rede, komme eine Reflexion in Gang. Und damit verbunden die Frage: «Wie kann ich das wiedergutmachen?»

Szabo betrachtet die Zeitperspektiventheorie als erfolgreichsten Ansatz bei einer Traumabewältigung. Dieser Ansatz des renommierten Psychologieprofessors Philip Zimbardo betrachtet eine posttraumatische Belastungsstörung als Verletzung, die heilbar ist. «Entsprechend kann ich Vergangenes abschliessen und als Lebenserfahrung verbuchen.» Für Szabo war im Knast die bedingungslose Liebe seiner Kinder und seiner Mutter ein Rettungsanker. Als ihm Mithäftlinge einen Job als Zuhälter anbieten, lehnt er ab.

Im Gefängnis sagte ihm Seelsorger Schmucki, dass er stets ernte, was er säe. Als der Rhein im Juni 1999 über die Ufer trat, durfte er mit anderen Häftlingen Sandsäcke füllen und verladen. Diese gemeinsame Arbeit mit Zivilisten habe bereits zur Gesundung beigetragen. «Wir waren wieder Teil der Gesellschaft, ein unglaublich schönes Gefühl.» Wie ein «riesiges Pflaster auf meiner Seele fühlte sich das an.» Später half Szabo auch beim Aufräumen nach dem Sturm Lothar. «Das hat meinen Opfern nicht geholfen, aber dafür anderen.» Wegen guter Führung kam Szabo bereits nach sechs Jahren wieder frei.

Der Räuber ist sich bewusst: «Das meiste kann man gegenüber den Opfern nicht mehr wiedergutmachen.» Er schrieb Briefe an seine Opfer, einige verwünschten ihn, mit anderen baute er Kontakt auf. Was er dabei lernte: «Es hilft den Opfern, mit dir als Täter zu reden.» Bei vielen bestehe nach dem Prozess weiterhin ein Klärungsbedarf. Etwa: «Warum hat der Täter ausgerechnet mich ausgesucht?» Szabo plädiert deshalb für moderierte Begegnungen zwischen Täter und Opfer in einem definierten Rahmen. «So können die Opfer gewisse Dinge nachvollziehen, was ihnen bei der Bewältigung ihres Traumas hilft.» Grundsätzlich, so glaubt Szabo, müsste jedes Opfer im Vorfeld eine traumatherapeutische Behandlung machen. «Denn es kann durch eine Konfrontation zu einer Retraumatisierung kommen.» Szabo hat das mit einem Opfer selber erlebt.

Szabo kritisiert deshalb die traumatherapeutischen Massnahmen der schweizerischen Opferhilfe, bezeichnet diese als veraltet. Genauer geht er darauf aber nicht ein: «Es besteht das Tabu, dass ich einem Opfer keinen Therapievorschlag machen darf.» Für seine Medienpräsenz und seine Auftritte muss er auch Kritik einstecken. Er entgegnet: «Ich will Tätern aufzeigen, dass jeder eine Chance hat.» Auch den oft überforderten Familien von Tätern will er helfen. «Familien sind ein ganz wichtiger Punkt, um die Täter sozial aufzufangen.» Und zu guter Letzt will Szabo den Opfern bei der Aufarbeitung helfen.

Ein Boxsack für die aufgestaute Wut

Nach seiner Haft absolvierte Szabo eine pädagogische Ausbildung zum Arbeitsagogen. Zehn Jahre lang arbeitete er in einem christlichen Heim, wo er straffällige Jugendliche bei ihrer beruflichen Integration während zwei bis fünf Jahren begleitete. Dabei ging er so schonungslos vor, wie es mit ihm gemacht worden war. Er konfrontierte und provozierte sie: «Wenn sie ausrasten, gehen wir zum Boxsack.» Wenn die körperliche Aggression weg sei, spreche er mit den Jugendlichen über die Wut. «Meist sind es Beleidigungen, die bei den jungen Männern scheinbar unkontrollierbare Impulse auslösen.»

Seit eineinhalb Jahren ist Szabo jedoch bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum angemeldet. Ein paar Mandate führt er auf gemeinnütziger Ebene weiter. Trotz seiner Lebenserfahrung scheint er als 60-jähriger Arbeitnehmer nicht gefragt zu sein. Szabo engagiert sich in einem Verein für ältere Arbeitslose, der politisch aktiv werden will. Zudem ist er als ehrenamtlicher Scheidungs- und Trennungsberater tätig. «Ich habe gemerkt, dass ich etwas tun muss, um aus diesem Tief zu kommen.»

Ein Hoch erlebte Szabo diesen Frühling mit Anthony, den er derzeit begleitet. Szabo provozierte ihn, Anthony wurde wütend. Doch er ging nicht zum Boxsack, sondern sagte: «Ich will mit dir darüber reden.»

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