Vor 18 Jahren hat Pfarrer Wolfgang Rothfahl mit seiner Familie Dietikon verlassen. Geblieben ist eine emotionale Verbundenheit mit der Gemeinde, in der er 17 Jahre gewirkt hat. Was in Dietikon passiert, interessiert ihn noch immer. Er sagt: «Jetzt bin ich gespannt, wer Stadtpräsident wird.»

Östlich von Berlin aufgewachsen, zog es den Kantor und angehenden Pfarrer zum Studium nach Basel. Es gefiel ihm, dass die reformierte Kirche in der Schweiz weniger hierarchisch aufgebaut ist als in Deutschland. Er wurde Pfarrer in einer Appenzeller Landsgemeinde und hatte eigentlich keine Absicht, von dort wegzuziehen. Lachend erzählt er, dass bald jeden Sonntag eine Pfarrwahlkommission in der Kirchenbank gesessen habe und ihn abwerben wollte. «Ich hatte damals einen Normbrief vorbereitet, in dem ich erklärte, ich wolle die Stelle nicht wechseln.»

Bis er auf zwei Stelleninserate in der Schweizerischen Kirchenzeitung stiess. Dietikon suchte zu je 50 Prozent einen Pfarrer und einen Kantor. Da bewarb er sich und blieb 17 Jahre. Er hielt Gottesdienste, Abdankungen, Hochzeiten und war insbesondere für die seelsorgerische Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner des Altersheims zuständig. Seine Stelle war zwar immer auf drei Jahre befristet und einmal wurde die Verlängerung erst nach dem zweiten Rekurs bewilligt. «Meine Frau Charlotte und ich haben deshalb aber nicht schlechter geschlafen. Ich sagte mir, wenn es vorbei ist, ist es vorbei.»

Eine unruhige Gemeinde

Sein Wegzug aus Dietikon war allerdings kein erzwungener. «Mit 49 hatte ich plötzlich grosse Lust auf eine Veränderung. Wieder Neuling sein, neu anfangen, Neues kennenlernen, das wurde zu einem grossen Bedürfnis.» Die Arbeit in Dietikon sollte nicht zur Routine werden. Bis zu seiner Pensionierung vor fünf Jahren wirkte Rothfahl dann in Brugg als Pfarrer. In Dietikon hat er nicht nur gearbeitet, wie er betont: «Es war mir und meiner Frau immer wichtig, auch am Leben der Stadt teilzunehmen. Wir waren hier zuhause. Ich habe mich undankbar gefühlt, als ich eine neue Stelle suchte, denn in Dietikon hatte ich es sehr gut. Aber es musste sein.»

Dietikon sei damals, als er seine Arbeit begonnen habe, eine unruhige Gemeinde gewesen. «Es war eine brodelnde Zeit», erinnert sich Rothfahl. Pro Jahr waren 500 Zu- und Wegzüge von Reformierten zu verzeichnen. «Mit Besuchen von Neuzuzügern hätten wir damals eine Stelle füllen können.»

Viele junge Familien seien nach Dietikon gezogen. 160 Kinder besuchten in vier Klassen den Konfirmandenunterricht. Damals habe es auch grosse Schritte hin zur Ökumene gegeben. Dietikon war traditionell eine katholische Gemeinde und die Reformierten seien nicht immer geschätzte Zuzüger gewesen. «Über die Kirchenmusik ist uns aber eine Annäherung gelungen», sagt Rothfahl. Mit dem damaligen katholischen Kirchenmusiker konnten gemeinsame Projekte verwirklicht werden. «Als wir ein Konzert in der katholischen Kirche St. Agatha aufführten, kamen Mitglieder des reformierten Kirchenchors anschliessend zu mir und sagten, dank der Musik seien sie das erste Mal überhaupt in dieser Kirche gewesen.»

Musik und Religion

Musik war immer von grosser Bedeutung für Rothfahl, der vor seinem Theologiestudium ein Studium als Kantor absolviert hatte. In Dietikon leitete er den Kirchenchor und gründete zusammen mit seiner Frau die Kantorei. Selbst nach seinem Wegzug betreute er diesen Chor eine Zeit lang weiter, bis ihm dies zeitlich nicht mehr möglich war.

Auch als Musiklehrer hat sein Wirken Spuren hinterlassen, die auch heute noch zu hören sind. Als Orgellehrer unterrichtete er an der Kantonsschule Urdorf die damalige Schülerin Susanne Rathgeb Ursprung. Das berührende Orgelspiel der Musikerin war vor Kurzem an einem Konzert in der reformierten Kirche Schlieren zu hören. «Nicht alle meine Schülerinnen und Schüler sind bei der Musik geblieben», sagt Rothfahl. Aber: «Es gibt auch die verborgenen Spuren einer musischen Betätigung. Sie macht offener für die Vielstimmigkeit, fürs Poetische, für das nicht Fassbare im Leben.»

Pfarrer sein, so Rothfahl, sei eine vielseitige und spannende Arbeit. Angesprochen auf die leeren Kirchen sagt er: «Die Kirche muss heute ein diversifiziertes Angebot machen. Ein Gottesdienst am Sonntagmorgen erreicht nur eine von vielen Zielgruppen. Und man muss Qualität liefern, die Menschen sind anspruchsvoller und kritischer geworden.» Die Zeit, wo man in der Kirche vieles im besten Sinne frommer Motivation einfach so gemacht habe, sei vorbei. «Auf der Plauderebene geht nichts mehr. Wir werden herausgefordert, auch in der Seelsorge Qualität zu liefern. Mich freut das.»

Zahnarzt in Dietikon

Heute ist Rothfahl pensioniert und lebt in Uster. Er springt ein, wenn er als Organist oder Pfarrer gefragt ist. Daneben begleitet er, der jahrelang seine demente Frau betreute, einmal wöchentlich einen Alzheimerpatienten. Und er organisiert Ausstellungen im Otto-Bruderer-Haus in Waldstatt. Der Vater von Charlotte Rothfahl Bruderer hinterliess Hunderte von Werken. «Vor einigen Jahren haben wir uns dann geöffnet für junge Künstler aus der Region und wir organisieren Hausgespräche. Mit dem Pfarrer und Krimiautoren Ulrich Knellwolf etwa, oder mit Rudolf Lutz, dem musikalischen Leiter der Bachstiftung.» So kam auch Monika Schmucki, die in Dietikon die Kasperlibühne Potztuusig führt, einmal nach Waldstatt und rezitierte Märchen.

Dem Limmattal bleibt Wolfgang Rothfahl weiterhin verbunden. So liess er sich im vergangenen Jahr für einen Kurs der Volkshochschule Dietikon verpflichten und führte die Teilnehmenden an die Kantaten von Johann Sebastian Bach heran. In Schlieren sprang er kürzlich als Organist ein. Dass er immer mal wieder in Dietikon zu sehen ist, hat aber auch einen ganz profanen Grund: «In Dietikon ist mein Zahnarzt. Ich habe ihm die Treue gehalten.»