Boccia
Europas beste Junioren in Dietikon – und keiner kriegt es mit

An der U18-Europameisterschaft im Bocciodromo messen sich die Teams in der Vorrunde, bevor am Samstag neben dem Letzigrund um Medailen gespielt wird. Wir haben einen Augenschein genommen, als die Schweiz gegen Ungarn angetreten ist.

Fabian Sanginés
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Davide Valsangiacomo will mit der Schweiz Gold.

Davide Valsangiacomo will mit der Schweiz Gold.

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Wo bitte gehts hier zur Europameisterschaft? Zwischen der Stadthalle und dem Bocciodromo in Dietikon befinden sich jede Menge freie Parkplätze. Für eine laufende Europameisterschaft doch eher ungewöhnlich. Das Feeling eines Grossanlasses steigt aber mit dem Weg zur schmucken Halle. Das Tiergestöhne aus dem benachbarten Bauernhof erinnert irgendwie an Roland Garros, wenn Rafa Nadal auf dem Center Court steht.

Im Bocciodromo angekommen merkt man schnell, woher die Sportart Boccia seinen Ursprung hat. Gesprochen wird ausschliesslich Italienisch, ob vom Schiedsrichter, den Zuschauern, Organisatoren und den Akteuren selbst.

Trio aus dem Tessin

Dabei spielt es keine Rolle, dass die Schweiz gegen Ungarn spielt. Auch an dieser U18-EM gilt Italien als absoluter Topfavorit. «Die Schweiz, aber auch San Marino spielen traditionell ebenfalls immer vorne mit», sagt Davide Valsangiacomo (18). Er vertritt als einer aus dem Tessiner Trio mit Vasco Donati-Berri (16) und dem bereits zweifachen Medaillengewinner Aramis Gianinazzi (18) die Schweiz.

Das Spiel erfordert, wie Valsangiacomo mehrfach betont, höchste Konzentration. Das ist wohl mit ein Grund, weshalb es während der Partien auf den Zuschauerrängen mehrheitlich ruhig ist. Einzig ein rund 70-jähriger Dauerpessimist murmelt «male, male» (schlecht, schlecht) vor sich hin.

Angesichts der erdrückenden Überlegenheit des Schweizer Duos Valsangiacomo/ Donati-Berri ist davon auszugehen, dass der Griesgram eher den Ungaren die Daumen drückt. Wenig überraschend endet die Begegnung mit einem 9:0 für die Eidgenossen.

Goodwill der Rektorin

Für Valsangiacomo ist es die erste Teilnahme bei einer Europameisterschaft. Um sich den Traum von der Teilnahme realisieren zu können, war der 18-Jährige auf Goodwill der Gymnasiums-Direktorin angewiesen. «Seit dieser Woche geht in Mendrisio die Schule wieder los. Glücklicherweise hat mir die Rektorin keine Steine in den Weg gelegt», sagt das Talent.

Diese Barmherzigkeit möchte Valsangiacomo nicht unbelohnt lassen: «Unser Ziel ist es, die Goldmedaille zu holen.» Schnell ergänzt der angehende Student: «Im Boccia gibt es aber keine einfachen Matches, alle Nationen sind schwer zu schlagen.» Nach dem lockeren Sieg über Ungarn klingt dies jedoch eher wie ein perfekt übernommenes Zitat von Ottmar Hitzfeld.

An Boccia fasziniert Valsangiacomo besonders die Herausforderung, über die komplette Spielzeit maximale Konzentration zu wahren. «Ausserdem ist es ein sehr fairer Sport. Nur selten gibt es Diskussionen nach dem Spiel», erklärt der Tessiner.

Fair bleibt es auch nach der Begegnung mit den chancenlosen Ungarn. Auch ohne Grossaufgebot der Polizei sind keine (Fan-)Ausschreitungen zu beklagen. Einzig
der mürrische Ungarn-Sympathisant schlurft mürrisch aus dem Dietiker Bocciodromo.