Der Raum ist abgedunkelt und klimatisiert. Auf einem Gestell thronen mehrere Messgeräte. Sie sind umschlungen von gelben und blauen Kabeln, die bis zur Arbeitsfläche hinunterhängen. Rot und stählern ist der Kopf des Geräts, dem Pascal Leuchtmann gegenübersteht. Es sieht beinahe aus wie ein überdimensionales Insekt, das auf Stelzen geht. «Das ist eine Breitbandmessantenne. Mit ihr kann man unter anderem die Stärke der Strahlung von Geräten und Antennen ermitteln», sagt Leuchtmann. Der 63-jährige Schlieremer ist Dozent am Institut für elektromagnetische Felder an der ETH Zürich und untersucht das Verhalten von elektromagnetischer Strahlung. «Wenn ich Doktorierende betreue, bin ich manchmal hier im Labor. Sonst halte ich mich eher in meinem Büro auf. Ich bin ein Theoretiker», sagt er und lacht.

Vor ein paar Monaten haben Mobilfunkanbieter begonnen, mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G zu werben. Das hat die Diskussion über Strahlenbelastung und gesundheitliche Risiken von Handy-Antennen wieder neu entfacht. Der Begriff ist ein Reizwort. Doch was bedeutet 5G überhaupt?

Pascal Leuchtmann: 5G ist, wie der Name bereits andeutet, eine Mobilfunktechnologie der fünften Generation. Jede Generation weist eine technische Verbesserung der Datenübertragung gegenüber der vorhergehenden auf. Begonnen hat es mit 1G, das in den 1980er-Jahren eingeführt wurde. Mit diesem Netz war nur das Telefonieren möglich. 2G erlaubte Handybenutzern zu telefonieren und Nachrichten zu versenden. Der Datenverkehr war jedoch sehr langsam.

Der Vorzug von 5G ist also, dass die Datenübertragung viel schneller läuft als bei 4G?

Genau, man kann mehr Daten bei gleicher Leistung übermitteln. Genauer gesagt 20 Mal mehr. Dies ist möglich durch die grössere Bandbreite von 35 bis 400 Megahertz. Ein weiterer grosser Vorzug ist, dass 5G nur noch eine Latenzzeit von einer Millisekunde aufweist. Bei 4G beträgt die Verzögerung noch 10 Millisekunden. Das ist besonders wichtig für die Steuerung von autonomen Fahrzeugen. Man muss sofort reagieren können. Auch wenn die Leistung besser ist, so bleiben die Strahlung und die Grenzwerte dieselben wie bei 4G.

Muss sich die Bevölkerung also keine Sorgen um ihre Gesundheit machen?

Nicht mehr als bei 4G oder 3G. Es gibt Grenzwerte, die eingehalten werden müssen. Die Schweiz ist im Vergleich zur EU und zur restlichen Welt viel restriktiver und hat den Vorsorgewert für Orte mit empfindlicher Nutzung eingeführt. Spannend ist, dass die Einführung der vorhergehenden Generationen für weniger Widerstand sorgte als 5G.

Wie erklären Sie sich das?

Es hat wohl etwas mit der Vermarktungsstrategie der Mobilfunkindustrie zu tun. Dieses Mal wird mehr Aufhebens um den neuen Mobilfunkstandard gemacht als davor. Die Anbieter preisen ihn als Quantensprung an, was ja durchaus stimmt. Die aggressive Bewerbung löst, wie man sieht, jedoch nicht nur positive Reaktionen aus.

Einige Politiker und Kritiker fordern, dass der Bau von neuen Antennen sistiert wird, bis wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass deren Strahlung gesundheitlich bedenkenlos ist. Die Kantone Genf, Waadt und Jura haben bereits Moratorien verhängt. Wie sehen die Erkenntnisse der Wissenschaft bisher aus?

Wir wissen trotz langjähriger intensiver Forschung nach wie vor nicht mit absoluter Sicherheit, ob elektromagnetische Strahlung des Mobilfunks gesundheitlich gefährlich ist oder nicht. Es gibt zum Beispiel Studien, die die Wirkung der Strahlen auf das Zellleben und die Erbsubstanz untersuchen. Zudem hat man auch epidemologische Studien durchgeführt. Diese versuchen zum Beispiel, den Handygebrauch und gewisse Krankheiten in Verbindung zu setzen. Bisher hat man jedoch keine Belege, dass Strahlung gesundheitsschädlich ist.

Das ist für einige natürlich alles andere als beruhigend. Für uns Wissenschaftler ist es umgekehrt frustrierend, dass wir einfach nichts finden können. Der einzig unbestrittene Effekt, der das Telefonieren und Benutzen von Smartphones und ähnlichen Geräten auslöst, ist der Anstieg der Körpertemperatur. Der Anstieg ist durch die Grenzwerte jedoch so limitiert, dass der Kopf höchstens ein Zehntelgrad erwärmt wird. Dieser entspricht normalen Schwankungen, die der Mensch auch hat, wenn er zum Beispiel Sport treibt.

Wird trotz Widerstand 5G früher oder später in der Schweiz breitflächig Einzug halten?

Jeder hat heutzutage ein Handy und nutzt es häufig. Man muss nur einen Blick in den öV werfen oder die Handyverkaufszahlen anschauen. Deshalb denke ich nicht, dass lange dagegengehalten wird. Auch ich bin jedoch skeptisch. Nicht wegen der Strahlung, sondern wegen des Stresses. Die Strahlung übermittelt die Information und diese ist es, die zu Stress führen kann. Bereits heute ist man 24 Stunden erreichbar und stark vernetzt. Das wird mit 5G noch mehr zunehmen. Künftig werden noch mehr Daten über das Mobilfunknetz gehen, so etwa solche für das Internet der Dinge oder, wie bereits erwähnt, solche für autonome Fahrzeuge. Um das zu gewährleisten, muss das 5G-Netz massiv ausgebaut werden, was dazu führt, dass es insgesamt mehr Strahlung geben wird.

Von der neuen Technologie profitieren aber nicht nur Mobilfunkanbieter, sondern auch 5G-Gegner?

Ja, 5G ist auch ein gutes Geschäft für Skeptiker. Es gibt ja sogar schon Bettwäsche und Unterwäsche, die gegen 5G-Strahlen schützen sollen. In das Gewebe sind feine Drähte eingewoben, die die elektromagnetischen Strahlen abschirmen. Doch eine Unterhose anzuziehen nützt nichts. Wenn schon, müsste man einen Ganzkörperanzug haben. Denn sonst dringen die Strahlen an anderen Stellen in den Körper.

Was empfehlen Sie jemandem, der sich vor den Strahlen schützen möchte?

Die grösste Strahlenquelle für den Menschen ist nicht die Antenne, sondern das Handy selber. Statt das Handy beim Telefonieren an den Kopf zu halten, könnte man zum Beispiel ein Headset oder Kopfhörer verwenden oder die Lautsprechfunktion einschalten. Zudem sollte man nicht bei schlechtem Empfang Anrufe tätigen. Je schlechter der Empfang, umso mehr strahlt das Handy. Wichtig zu wissen ist, dass das Handy nur strahlt, wenn man telefoniert, Nachrichten versendet oder Dateien und Bilder auf Netzwerke lädt. Das Handy kann also bedenkenlos aufs Nachtischchen gelegt werden. Es strahlt nicht.

Sie sind nicht nur Forscher, sondern seit einem Jahr auch Stadtrat in Schlieren. Wie vereinbaren Sie Wissenschaft und Politik?

Sehr gut. Es ist ein toller Ausgleich. Während ich bei meiner Arbeit extrem in die Tiefe gehe, kratze ich in der Politik eher an der Oberfläche, bearbeite aber eine viel grössere Bandbreite an Themen. In der Politik muss man Nägel mit Köpfen machen, in der Forschung hat man Zeit. Beide Gebiete erfordern kritisches Denken. Wissenschaft und Politik greifen ineinander. Forscher liefern die Fakten. Was die Politik schliesslich damit macht, welche Handlungen und Regeln sie daraus ableitet, bleibt ihr überlassen.