Interview

Estefania Tapias: «Zürich wird sich mit steigenden Temperaturen befassen müssen»

Estefania Tapias ist als eine der 30 besten europäischen Wissenschaftlerinnen unter 30 nominiert.

Estefania Tapias ist als eine der 30 besten europäischen Wissenschaftlerinnen unter 30 nominiert.

Die Stadtklima-Forscherin Estefania Tapias wurde vom US-Magazin Forbes als eine der 30 besten europäischen Wissenschaftlerinnen unter 30 nominiert. Sie weiss, was es braucht, damit wir uns im urbanen Raum wohlfühlen.

Frau Tapias, Sie wurden vom US-Magazin «Forbes» als eine der 30 besten europäischen Wissenschafterinnen unter 30 nominiert. Wie fühlt sich das an?

Estefania Tapias: Die Nomination schmeichelt mir natürlich sehr. Es ist aber auch etwas seltsam, da ich mich selber nicht wirklich als Forscherin betrachte.

Warum?

Die Stadtklimaforschung ist keine traditionelle Wissenschaft wie beispielsweise die Chemie oder die Physik. Wir befassen uns mit der Stadtplanung und den Stadtbewohnern. Da wir uns nicht nur auf ein Thema konzentrieren, gliedert sich unser Forschungsbereich fachübergreifend. Städte gestalten sich auf unterschiedlichen Ebenen, angefangen bei der Planung, der in einer Stadt vorhandenen Technologien und den Menschen. Nicht nur der Begriff Forschung trifft zu, es ist mehr als das.

Wie gestaltet sich denn diese fachübergreifende Zusammenarbeit?

Unser Team zwischen Zürich und Singapur setzt sich aus Architekten, Informatikern und Ingenieuren zusammen. Wir befassen uns weniger mit dem traditionellen Städtebau, dafür mehr mit der Zukunft von Städten. Dafür erheben und brauchen wir unterschiedlichste Daten von Städten und ihren Bewohnern. Geht es in die Richtung von Klimafragen, benötigen wir auch die Hilfe von Klimatologen. Bei der Erforschung des Stadtklimas geht es nicht nur um einen Aspekt, sondern um die Betrachtung eines gesamten Systems.

Was beinhaltet eine Stadt als Ganzes?

Beim traditionellen Städtebau geht es entweder um die Planung und den Bau von Gebäuden oder die Stadtforschung, aber auch um die politische Gestaltung einer Stadt. Bei der innovativen Planung und Gestaltung einer Stadt aber geht es um die Kombination all dieser Ebenen. Wir versuchen, die Stadt als Gesamtes zu betrachten.

Wie genau bringen Sie denn diese unterschiedlichen Aspekte zusammen?

Dafür haben wir 2014 eine Plattform ins Leben gerufen. Es handelt sich dabei um offene Online-Kurse, die nach unterschiedlichen Themen gegliedert sind, die für eine Stadt der Zukunft von Bedeutung sein können. Angefangen haben wir damit, alles, was rund um das Thema Stadtklima erforscht wurde, auf dieser Plattform zusammenzustellen. Darauf aufbauend, haben wir Konzepte rund um das Thema Lebensqualität erarbeitet.

In einem dritten Schritt haben wir uns mit der «Smart City» befasst. Die Konzepte umfassen Entwicklungsideen, die eine Stadt effizienter, technologisch fortschrittlicher, aber auch grüner und sozialer gestalten lassen. Derzeit ist unser Thema die «Responsive City», also die reagierende Stadt. Sie baut auf der Smart-City-Technologie auf, stellt aber den Menschen in den Mittelpunkt der Entscheidungsfindung, des Designs und des Managements der Stadt.

Wie sieht denn die Stadt der Zukunft aus?

Einen Prototyp für die Stadt der Zukunft gibt es nicht. Wenn wir heute über ein Konzept reden, ist das möglicherweise in zwei oder drei Jahren bereits wieder überholt.

Stadtklimaforschung geht der Frage nach, wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und -geschwindigkeit das Wohlbefinden der Menschen beeinflussen. Welche Erkenntnisse gibt es zu dieser Frage?

Die Erkenntnisse kann man in zwei Teile gliedern. Zum einen gibt es aufgrund von Datenerhebungen zahlreiche Indizes, die etwas über das Wohlbefinden der Stadtbevölkerung aussagen. Den einen richtigen Index gibt es aber nicht. Auch hier geht es um die Kombination unterschiedlicher Aspekte. Die erhobenen Daten verbinden wir mit qualitativen Umfragen der Stadtbevölkerung.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich selber arbeite hauptsächlich mit einem Index, der berücksichtigt, wo die Menschen leben, und die dort vorherrschenden Temperaturen einbezieht. Denn Menschen, die in der Schweiz leben, empfinden Temperaturen um die 5 Grad Celsius als kalt, während – und diesen Fall hatten wir gerade diese Woche – die Bewohner in Singapur bereits eine Temperatur von knapp 22 Grad Celsius als Kälte empfinden. Es ist übrigens die bislang tiefste Temperatur, die man in Singapur überhaupt gemessen hat. Gerade deshalb sind Umfragen bei der Bevölkerung wichtig. Es geht darum, zu spüren, wie es den Stadtbewohnern geht.

Wie hängen denn die Temperatur, die Bewohner und eine Stadt zusammen?

Dafür betrachten wir die Temperaturveränderungen in einer Stadt und parallel dazu, wie sich die Bevölkerung dabei verhält. Von der Klimaforschung wissen wir, dass die Temperaturen künftig steigen werden. Wenn beispielsweise die Sommermonate künftig mehr von Hitzewellen geprägt werden, ist eine Stadt gefordert, Strategien zu entwickeln, wie und wo sich die Bevölkerung vor der Hitze schützen kann. Dann geht es konkret um genügenden Sonnenschutz, Bäume und Parkanlagen oder Zugang zu Wasser.

Wie steht es um Zürichs Stadtklima?

Zürich wurde nicht vor dem Hintergrund steigender Temperaturen gebaut. Künftig wird sich die Stadt sicherlich vermehrt damit auseinandersetzen müssen. Aber das Hitzeproblem ist in den tropischen Regionen Mittelamerikas oder in Asien schon heute deutlich dringlicher als in der Schweiz. Deshalb liegt unser Fokus derzeit auf diesen Regionen.

Der geplante Bau des Hochschulgebietes Zürich Zentrum wird hinsichtlich des Gebäudeumfangs und -höhe kritisiert. Es wurden auch Stimmen laut, die behaupten, dass der Bau zu einem Hitzestau in der Zürcher Altstadt führen kann.

Es würde mich überraschen, wenn die verantwortlichen Planer keine entsprechenden Analysen und Simulationen gemacht hätten. Die Schweiz ist bekannt für ihre Bauplanung unter Berücksichtigung der direkten Umgebung, des Klimas und der städtebaulichen Konsequenzen. Das umfasst dann auch die Wahl von Material, die Anordnung der Gebäude oder wie und wo eine Parkanlage eingebettet wird. Ich nehme an, dass das auch bei diesem Projekt der Fall ist.

Wie sähe Ihre ideale Stadt der Zukunft aus?

Optimal wäre es für mich, wenn ich als Bewohner in die Stadtentwicklung eingebunden werde. Es muss aber nicht immer um Mitbestimmung gehen. In dieser Hinsicht ist Zürich bereits auf dem richtigen Weg. Das liegt aber wohl auch am hohen Grad der Mitsprachemöglichkeit, der in der Schweiz vorherrscht.

Ein weiteres gutes Vorbild diesbezüglich ist übrigens auch Wien. Die österreichische Bevölkerung wird nicht nur mit Befragungen in die städtische Planung eingebunden, sondern wird auch bei der Projektentwicklung integriert.

Was möchten Sie mit der Stadtklimaforschung erreichen?

Ich wünsche mir, dass die Forschung stärker und enger mit der Entwicklung von Richtlinien und Strategien verbunden wird. Einfach nur Daten zu sammeln und Resultate zu publizieren, genügt mir nicht. Die Erkenntnisse aus der Forschung sollen als Entscheidungsgrundlagen dienen und Gestaltungsideen liefern. Ich mag es zu sehen, wenn sich etwas sichtbar entwickelt.

Und Ihre persönlichen Ziele?

Wahrscheinlich werde ich nicht immer in der Forschung bleiben. Ich fokussiere mich nicht gerne nur auf etwas. Mich interessiert, was draussen in der Welt passiert und wie ich mich einbringen kann. Derzeit beschäftige ich mich neben meiner Arbeit mit sozialem Unternehmertum und versuche gerade das Netzwerk «WeSpace» für Frauen auf die Beine zu stellen. Männer sind übrigens auch willkommen. Konkret geht es darum, arbeitstätige Frauen darin zu bestärken, sich gegenseitig im beruflichen Umfeld zu unterstützen und weniger zu konkurrenzieren.

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