Göreme ist eine Stadt aus Vulkangestein in der Zentraltürkei. Wind und Wasser formten bizarre Türme in die Landschaft. Die Menschen höhlten sie aus und machten daraus Häuser. Esin Kücükbicmen besuchte den surrealen Ort mit ihrer Klasse, als sie 13 Jahre alt war. In den verschlungenen Gassen fanden sie ein Keramik-Atelier. Eine ältere Dame drehte darin einen Topf auf der Töpferscheibe. Sie blickte auf, lächelte und fragte, ob jemand es versuchen wolle. Kücükbicmen war mutig und getraute sich als Erste. Sie setzte sich, griff nach der zähen Masse, brachte die Scheibe in Rotation und begann, zu experimentieren. Es gefiel ihr, so mit den Händen zu arbeiten, und von da an wusste sie, dass sie Töpferin werden wollte.

Kücükbicmen ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Als sie 11-jährig war, beschloss ihr Vater, eine Pizza-Fabrik in der Türkei zu gründen – mit Schweizer Maschinen. So kehrte er mit Kind und Kegel in sein Heimatland zurück. «Damals erlitt ich einen kleinen Kulturschock», sagt Kücükbicmen. Sie war es nicht gewohnt, Schuluniformen zu tragen, und die Lehrer erschienen ihr allzu autoritär.

Beharrlich ging sie aber ihren Weg, besuchte eine Fachmittelschule im Zeichnen, schlug danach eine akademische Karriere ein und erlangte sogar einen Doktortitel in «Keramik-Kunst». Die Universität von Eskisehir wurde zu ihrem zweiten Zuhause. Kücükbicmen organisierte internationale Workshops und nahm an Keramik-Konferenzen- und Ausstellungen in aller Welt teil. Ihr gefiel es, zu unterrichten, und dank der Assistenz-Anstellung hatte sie keinen Druck, vom Verkauf ihrer Werke leben zu müssen. Dennoch fertigte sie etwa hundert Kunstwerke an.

Das Material und die Seele

Kücükbicmens Tontöpfe und Skulpturen wirken verträumt, als kämen sie aus einer anderen Welt. «Genau das ist das Ziel», sagt sie, «zu verblüffen.» Ein gutes Kunstwerk bringe einen zu einer anderen Lebensphilosophie. In Erinnerung blieb ihr eine Glasausstellung eines französischen Künstlers, die sie in Venedig besuchte. Dort sah sie einen Tisch, bedeckt mit gläsernen Messern, Löffeln und Gabeln, sogar die Brotkrümel waren aus Glas. Einige Glasteller schwebten in der Luft, befestigt an einem durchsichtigen Faden. «Es wirkte, als sei die Zeit eingefroren», sagt sie. Das habe sie daran erinnert, wie zerbrechlich das Leben sei, und dass alles an einem seidenen Faden hänge.

Sie begann, sich vermehrt mit Glas zu beschäftigen. So kam sie dazu, ihr Lieblingsstück anzufertigen, es heisst: «Die sichtbare Spitze des Eisberges». Der über mehreren Glasplatten thronende Marmorstein sei ein Symbol dafür, wie wenig wir eigentlich wissen. Kücükbicmen geht gerne in die Tiefe. «Die Eigenschaften, die wir den Materialien zuschreiben, sagen auch etwas über deren Seele aus», sagt sie. Glas sei ein raffiniertes Material, hip, modern und zerbrechlich. Ton dagegen finde man überall in der Natur. Er habe einen heimeligen und traditionellen Charakter. Sie sagt, sie könne sich mit Glas besonders gut ausdrücken. «Vielleicht gerade weil ich eine starke Persönlichkeit bin und darin meine zerbrechliche Seite zeigen kann», sagt sie.

Vor einem Jahr machte Kücükbicmen Ferien in der Schweiz. Ihre Schwester wohnt in Zürich. Da beschloss sie spontan, nicht mehr in die Türkei zurückzukehren. «Ich kündigte bei der Universität schriftlich», sagt die Urdorferin. Kolleginnen zügelten ihre Sachen aus der Wohnung. Seither schlummern ihre Werke in einem Keller in Eskisehir. Die 39-Jährige wünscht sich nun, auch in der Schweiz mit Ton- und Glaskunst ihrem Traumberuf nachgehen zu können.