Sechs Wochen sind vergangen, seit Haci Köse seine Ausbildung zum Büroassistenten begonnen hat. Nun steckt er mitten in der Probezeit. «Ich freue mich darauf, wenn ich die Probezeit überstanden habe. Dann habe ich etwas mehr Sicherheit», sagt der 18-jährige Türke. Bei der katholischen Kirchgemeinde arbeitet Köse in einem dreiköpfigen Team. Sie alle haben ihre Stellen erst vor Kurzem angetreten, erklärt Jürg Looser, der für die praktische Ausbildung des jungen Dietikers verantwortlich ist.

Am Morgen ist Haci Köse jeweils der Erste vor Ort. Zu seinen Aufgaben gehört die Datensicherung der Computer oder der Gang zur Post und das Öffnen und verteilen der Briefe. Am Schalter der Kirchgemeinde ist er die erste Ansprechperson und er führt die Kasse und stellt Belege aus.

Selbstständig arbeiten

«Wir arbeiten darauf hin, dass Haci möglichst viele Anfragen selbstständig erledigen kann», erklärt Looser. An der Konstanz müsse der Lernende noch arbeiten. Zudem gelte es, Köse die Strukturen einer Kirchgemeinde zu erklären, so Looser: «Haci soll verstehen, wie die Administration mit der Kirchenpflege und dem Pfarramt zusammenarbeitet», erklärt er. Vieles ist neu, aber die Motivation ist noch immer hoch: «Im Moment passieren mir manchmal noch Fehler, aber ich gebe mir Mühe, diese zu verbessern», sagt Köse.

Im Laufe des Jahres soll er auch im Pfarramt eingesetzt werden. Dass er als Moslem bei der katholischen Kirche arbeite, sei für ihn nie ein Thema gewesen, erklärt Haci Köse. Auch für seine Eltern nicht: «Sie sind glücklich, dass ich eine Lehrstelle bekommen habe», sagt er.

Mit dem Lernenden nahm die Kirchgemeinde auch die Bewirtschaftung ihrer Parkplätze wieder auf – nicht zur Freude aller: Täglich kontrolliert der 18-Jährige nun die Parkplätze bei der Pfarrei. Wer nicht bezahlt, bekommt einen gelben Zettel. Dieser gibt den Parksündern die Möglichkeit, im Büro der Kirchgemeinde zehn Franken zu bezahlen, andernfalls werden die Lenker verzeigt. Eines Tages sei eine aufgebrachte Frau ins Büro gekommen, die erklärte, sie werde die Busse nicht bezahlen, schliesslich leiste sie schon Kirchensteuern, erzählt Looser eine bleibende Episode der letzten Wochen.

Nach einem Jahr, so ist es geplant, soll der Dietiker den Lehrbetrieb wechseln – eine Möglichkeit, die beim Lehrbetriebsverbund, den die Stiftung Chance auf die Beine stellte, ausdrücklich vorgesehen ist. Dadurch können auch kleinere Betriebe Lehrstellen anbieten, die vielleicht nicht alle angeforderten Aspekte einer Ausbildung anbieten können. Die in Schlieren angesiedelte Stiftung Chance übernimmt den administrativen und organisatorischen Teil der Ausbildung und betreut die Lernenden bei Bedarf eng.

Bei Haci Köse war dies bislang nicht nötig, wie sein Berufsbildner von der Stiftung Chance, Christoph Meier-Krebs, erklärt. In den ersten zwei Monaten der Ausbildung sei dies normal. Oft sei es aber so, dass es nach den ersten drei Monaten eine gewisse Rebellionsphase komme, sagt Meier-Krebs: «Die Jugendlichen wehren sich gegen die Machtstrukturen, die in einem Lehrbetrieb herrschen.»

Auf Rebellion vorbereitet

Auch wenn man sich den höflichen und eher scheuen Haci Köse nicht rebellierend vorstellen kann, ist Ausbildner Looser darauf vorbereitet, sollte es so weit kommen? «Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich selbst in diesem Alter war. Wenn ich meine damaligen Tagebücher lese, so kann ich kaum glauben, dass ich das geschrieben habe», sagt Looser lachend. Er sei durchaus bereit, allfällige Auseinandersetzungen mit Haci zu führen: «Das gehört dazu.»

Bereits hat Köse seinen ersten Lohn überwiesen bekommen. Nein, gekauft habe er sich nichts. Das Geld habe er für das Zugbillett nach Stäfa in die Schule gebraucht, den Rest spare er. Seine Ausbildung gefällt ihm bislang. «Es war schwierig, dass meine Kollegen schon eine Lehrstelle hatten, ich aber nicht», blickt er zurück – und freut sich, dass er nun auch einen Ausbildungsplatz hat.