Was macht eigentlich?
Erste Gemeindepräsidentin Verena Zbinden: «Ich hätte nie gedacht, dass Politik so interessant ist»

1994 wurde sie in Weiningen zur ersten Gemeindepräsidentin im Limmattal gewählt. Verena Zbinden spricht über ihr Leben nach der Politik und die Schwierigkeit, Frauen zu rekrutieren.

Franziska Schädel
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Im Ruhestand widmet sich Verena Zbinden wieder vermehrt sozialen Kontakten und philosophischen Diskussionen.

Im Ruhestand widmet sich Verena Zbinden wieder vermehrt sozialen Kontakten und philosophischen Diskussionen.

Franziska Schädel

Sie würde es wieder tun. Verena Zbinden, die 1994 als erste Frau im Limmattal zur Gemeindepräsidentin gewählt wurde, blickt zufrieden auf ihre 16-jährige politische Tätigkeit zurück. Keine Ahnung habe sie von Politik gehabt, als sie 1990 von der damaligen Weininger Bürgervereinigung für den Gemeinderat aufgestellt wurde. «Politik ist nichts für mich. Die da oben machen sowieso, was sie wollen», sagte sie sich damals. Das Argument, es brauche endlich eine Frau in der Regierung, habe sie dann aber überzeugt. Trotzdem glaubte sie nicht, als Werberin und Zugezogene in diesem Weinbauerndorf eine Chance zu haben. «Und dann bin ich bigoscht gewählt worden», sagt sie lachend. Rückblickend erinnert sie sich: «Ich wusste damals noch nicht, wie interessant Politik sein kann.»

Zuerst Nein sagen, um sich dann mit voller Kraft in die Arbeit zu stürzen, das sei schon immer ihre Art gewesen, erzählt Zbinden. So sei es ihr zu Beginn im Traum nicht in den Sinn gekommen, als Gemeindepräsidentin zu kandidieren – und dann habe sie drei Amtsperioden lang die Geschicke der Gemeinde geleitet. Dass Verena Zbinden, die in Dietikon aufwuchs, in Weiningen ansässig wurde, hat sie nicht zuletzt ihrem Humor und ihrem Sinn für eine gute Werbebotschaft zu verdanken. Als die Gemeinde eine Wohnung ausschrieb, bewarb sich Zbinden mit den Worten: «Ich bin eine alte Jungfer von 36 Jahren und würde mit meinen barocken Formen bestimmt gut in ein umgebautes Riegelhaus passen.» Die Lacher hatte sie auf sicher, die Wohnung auch.

 Verena Zbinden wurde 1994 zur Weininger Gemeindepräsidentin gewählt.

Verena Zbinden wurde 1994 zur Weininger Gemeindepräsidentin gewählt.

zvg

Wahlkampf mit harten Bandagen

Dass es heute schwierig ist, Frauen für politische Ämter zu finden, erstaunt die ehemalige Gemeindepräsidentin wenig: «Junge Frauen wollen nach einer Familienpause wieder zurück in den Beruf, um den Anschluss nicht zu verpassen. Sie verdienen dabei mehr, als wenn sie ein politisches Amt ausüben. Männer stellen sich diese Frage nicht, sie haben eine Frau zu Hause.» Zbinden ist stolz, dass sie als Gemeindepräsidentin zweimal im Amt bestätigt wurde. Im ersten Wahlkampf musste sie sich allerdings eine dicke Haut zulegen. Man brauche doch keine Frau und erst noch eine Ledige ohne Kinder, hiess es damals. Ihre Antwort darauf sei gewesen: «Es genügt ja, wenn die sechs Männer Kinder haben.»

«Ich musste lernen, dass Männer streiten, sich beschimpfen und anschliessend trotzdem zusammen ein Bier trinken.»

Verena Zbinden, ehemalige Gemeindepräsidentin von Weiningen

Einmal gewählt, hatte Verena Zbinden keine Probleme, sich im Männergremium zu behaupten. «Ich musste aber lernen, dass Männer streiten, sich beschimpfen und anschliessend trotzdem zusammen ein Bier trinken.» Ihre Gemeinderatskollegen seien zu Beginn hie und da gefragt worden, wie die Frau sich so mache. Die Erinnerung daran bringt sie noch heute zum Lachen: «Wie ich hörte, pflegten sie darauf zu antworten: «Wir haben sie im Griff. Als mir dies zu Ohren kam, dachte ich: ‹Lass sie im Glauben, das ist nur gut für mich›.»

In die Selbstständigkeit gerutscht

Zbinden engagierte sich nicht nur in der Politik. 13 Jahre arbeitete sie bei der Firma 3M als Werberin, zuletzt als Werbeleiterin. Ohne eine Idee, aber mit Lust auf Neues, verliess sie die Firma. Keine Woche habe es gedauert, bis sie einen Auftrag als Texterin erhielt. Es folgte ein Engagement als Kolumnistin für einen wöchentlichen Marktbericht im Tagblatt der Stadt Zürich, dann die Ressortleitung Kochen und Lebensmittel bei der Zeitschrift Annabelle und immer wieder Aufträge der Migros, etwa für Rezeptseiten und zahllose Kochbücher.

So sei sie quasi in die Selbstständigkeit gerutscht, erinnert sich Zbinden. «Zu Beginn hatte ich nicht einmal Briefpapier und Rechnungsformulare. Eigentlich habe ich alles falsch gemacht, was man bei einer Karriereplanung beachten müsste. Aber ich sagte mir: ‹Wenn ich auf ein vordefiniertes Ziel hinsteuere, dann verpasse ich vielleicht Dinge, die ich noch viel lieber machen würde›.»

Im Frühling wird Verena Zbinden ihr letztes Amt abgeben: das Präsidium der Kommission Standortmarketing Weinbau der Gemeinde Weiningen, deren Gründung auf ihre Initiative zurückgeht. «Es ist Zeit für mich zu gehen. Wir haben viel für die Weinbauern im Dorf erreicht, aber heute haben sich sowohl das Weinbaugeschäft als auch die Werbemittel verändert. Ich weiss zwar immer noch, wie das Werbegeschäft läuft, aber mit den neuen Medien wissen die jüngeren Leute weit besser umzugehen.»

 Nach ihrem Rücktritt 2006 stösst Verena Zbinden mit ihrem Nachfolger Hanspeter Haug an.

Nach ihrem Rücktritt 2006 stösst Verena Zbinden mit ihrem Nachfolger Hanspeter Haug an.

zvg

Gearbeitet wie «Galeerensträfling»

Seit ihrem Rücktritt als Gemeindepräsidentin versucht Verena Zbinden nachzuholen, was in ihrem Beruf und während ihrer politischen Karriere zu kurz gekommen ist. Sie habe zuweilen wie ein Galeerensträfling gearbeitet, gleichzeitig als Werberin, Journalistin, Leiterin der Spitex und Gemeindepräsidentin. «Nach meinem Rücktritt wollte ich einfach in den Tag hineinleben und meine sozialen Kontakte wieder aktivieren, die ich über die Jahre vernachlässigt hatte. Es sind heute die zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Dinge, die im Vordergrund stehen.» Zbinden liebt es, stundenlang über Gott und die Welt und die Grundsatzfragen des Lebens zu philosophieren.

Aber dann muss sie lachend eingestehen, dass es nicht so einfach ist, sich treiben zu lassen. «Meine Agenda ist wieder zunehmend gefüllt und ich könnte mir auch vorstellen, das eine oder andere Projekt an die Hand zu nehmen, vorausgesetzt, es ist zeitlich beschränkt. Ideen habe ich eigentlich immer.»

Zbinden hat diverse gesundheitliche Baustellen, wie sie sagt. Sie ist im Alltag immer wieder auch auf Hilfe angewiesen. Aber ihre Augen blitzen vor Tatendrang. Schwer zu glauben, dass sie sich in den kommenden Jahren darauf beschränken wird, die Hände in den Schoss zu legen.

Was macht eigentlich?

In dieser Serie sucht die Limmattaler Zeitung Menschen auf, die die Region bewegt haben, von denen man aber schon länger nichts mehr gehört hat. Die Serie erscheint in loser Folge.