Schlieren
Ernüchterndes Wohnhilfeprojekt: Die Kirche zieht sich enttäuscht zurück

Das Projekt Wohnhilfe Schlieren endete für die Kirche ernüchternd. Das eigentliche Ziel, möglichst vielen Menschen auf Wohnungssuche zu helfen, wurde nicht erfüllt. Jetzt soll es die Asylbehörde richten.

Kevin Capellini
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Neu-Überbauung Am Rietpark: Es fehle in Schlieren zunehmend an günstigem Wohnraum, sagt Pfarrer Kurt Vogt.

Neu-Überbauung Am Rietpark: Es fehle in Schlieren zunehmend an günstigem Wohnraum, sagt Pfarrer Kurt Vogt.

Sandro Zimmerli

Positiv gestimmt verkündete die katholische Kirche im Sommer 2014 den Start des Projekts Wohnhilfe Schlieren, mit dem sozial schwächer Gestellten und Asylsuchenden Wohnraum vermittelt werden sollte. Vergangenen Herbst endete die dreijährige Pilotphase. Die Kirche gab die Leitung des Projekts ab und schloss eine weitere Zusammenarbeit mit der Stadt Schlieren in bisherigem Masse unter allen Umständen aus.

Was ist geschehen? In ihrem Abschlussbericht, welcher der Limmattaler Zeitung vorliegt, zieht Projektleiterin Judith Hüppi eine überaus ernüchternde Bilanz. Zahlreiche Faktoren hätten dazu beigetragen, dass das Projekt weniger erfolgreich war als gedacht. Das eigentliche Ziel, möglichst vielen Menschen auf Wohnungssuche zu helfen, habe man nicht erfüllt. Obwohl man für die Wohnungssuche rund 385 Personen erreicht habe, konnte die Wohnhilfe gemäss Hüppi während der drei Projektjahre nur «in insgesamt zehn Fällen Wohnungen direkt vermitteln».

Zu wenig freiwillige Hilfe

Damit das Projekt erfolgreicher hätte durchgeführt werden können, wäre freiwillige und ehrenamtliche Unterstützung aus der Bevölkerung notwendig gewesen. Diese habe die Kirche nur in geringem Mass erhalten, sagt Kurt Vogt, katholischer Pfarrer in Schlieren. «Es gab einige freiwillige Helfer, doch das Engagement liess aufgrund der schwierigen Aufgabe bei vielen rasch nach.» Gerade in Schlieren habe man zudem fast keine Freiwilligen finden können, die in der Stadt gut vernetzt waren und sich längerfristig hätten einbringen können.

«Die Stadt kann nicht immer weiter ausgebaut werden, ohne dabei auch günstigen Wohnraum zu schaffen. Es braucht zahlbare Wohnungen. Dringend.» Kurt Vogt, Pfarrer der katholischen Priorei Schlieren

«Die Stadt kann nicht immer weiter ausgebaut werden, ohne dabei auch günstigen Wohnraum zu schaffen. Es braucht zahlbare Wohnungen. Dringend.» Kurt Vogt, Pfarrer der katholischen Priorei Schlieren

zvg

Auch vonseiten der Hauseigentümer konnte die Kirche nicht auf Unterstützung zählen. In Schlieren gebe es ein viel zu kleines Angebot an günstigen Wohnungen, sagt Vogt. «Die Stadt kann nicht immer weiter ausgebaut werden, ohne dabei auch günstigen Wohnraum zu schaffen. Es braucht zahlbare Wohnungen. Dringend.»

Kirche konnte keine Solidarhaft bieten

Man habe daher versucht, zusammen mit Liegenschaftenbesitzern nach Lösungen zu suchen, um günstigen Wohnraum vermitteln zu können. Jedoch ohne Erfolg. «Die Hauseigentümer liessen sich nicht von uns gewinnen und verlangten von der Kirche für die Wohnungen eine Solidarhaft. Diese konnten wir ihnen nicht bieten», schreibt Hüppi in ihrem Abschlussbericht.

Die Sozialbehörde griff bei Migranten oder Asylsuchenden aus Afrika, Asien und dem Mittleren Osten mit Mietzinsgarantien unterstützend ein. Schweizer und ausländische Personen ohne Sozialhilfe gingen bei der Wohnungsvergabe aufgrund der fehlenden Mietzinsgarantie jedoch oftmals leer aus, denn diese erhielten von keiner Behörde eine Bürgschaft für den Mietzins. «Bei diesen Menschen war unser Engagement nicht effektiv», schreibt Hüppi weiter.

Erschwerte Zusammenarbeit

Für Vogt ist das Projekt an sich ein Schritt in die richtige Richtung zur Sensibilisierung: «Es ist wichtig, dass wir uns für bezahlbaren Wohnraum einsetzen, da vonseiten der Stadt der politische Wille für günstigen Wohnraum bis anhin fehlte.» Zudem habe es diverse Überschneidungen und Differenzen gegeben. «Einerseits vergab das Sozialamt selbst, parallel zu unserem Projekt, auch Wohnungen. Andererseits waren wir während der ganzen Zeit immer direkt von der Stadt abhängig.» All dies hätte die Zusammenarbeit erschwert. «Für uns war klar, dass nicht die Kirche, sondern die Stadt die Leitung des Projekts tragen muss.» Dieser Wunsch sei von der Schlieremer Verwaltung jedoch abgelehnt worden, sagt Vogt.

Noch vor Ablauf der dreijährigen Pilotphase entschied man sich daher gegen eine Verlängerung. Finanziell wolle man sich aber an einer Anschlusslösung beteiligen und sicherstellen, dass der dringend benötigte bezahlbare Wohnraum und ein Bewusstsein dafür geschaffen werden können. «Sowohl die katholische als auch die reformierte Kirche beteiligen sich mit jährlich je 10'000 Franken am neuen Projekt.»

10 Wohnungen...

...konnte die katholische Kirche in drei Jahren vermitteln.

Die Stadt vertrat auch nach Beendigung des Projekts mit der katholischen Kirche im letzten Jahr die Auffassung, dass die Weiterführung der Wohnhilfe in Schlieren zwingend notwendig sei. Deshalb habe man einen neuen externen Partner gesucht, um die Stadtverwaltung und die Sozialabteilung zu entlasten, sagt Fabio Pedretti, Bereichsleiter Administration und Projekte Soziales. «Nach erfolgreichen Gesprächen gab die Zürcher Fachorganisation AOZ ihr Einverständnis, das Projekt unter dem Namen ‹Info-Point Wohnen Schlieren› in enger Zusammenarbeit mit der Stadt weiterzuführen.» Auf Basis der Vorarbeit der katholischen Kirche werde man das Projekt ähnlich fortführen und dabei laufend weiterentwickeln.

AOZ übernimmt für drei Jahre

«Für uns ist es zentral, dass es auch weiterhin für einkommensschwache Familien und Personen, Migranten sowie vorläufig Aufgenommene und anerkannte Flüchtlinge eine Stelle gibt, die sie bei der Wohnungssuche unterstützt», so Pedretti. Das Projekt sei vorerst auf drei Jahre begrenzt, danach entscheide der Stadtrat nach einer Auswertung, ob es fortgeführt werden soll. Gemäss einem Protokoll budgetiert der Stadtrat für die ersten drei Jahre jährlich rund 65'000 Franken für den Info-Point Wohnen.

Die AOZ schaut zuversichtlich auf die Entwicklung des neu übernommenen Projekts. «Wir betreiben bereits seit vielen Jahren Sozialhilfe und Integrationsförderung auf Gemeindeebene und helfen bei der Integration aller Personen mit einem Unterstützungs- oder Informationsbedarf», sagt Thomas Schmutz, Abteilungsleiter Information und Kommunikation. Der Info-Point Wohnen füge sich gut in das bereits bestehende Portfolio ein, zumal die AOZ in Schlieren seit längerer Zeit auch für Aufgaben wie den Info-Point Integration und die Organisation der Tour der offenen Türen für neu Zugezogene verantwortlich ist.

Info-Point Wohnen Schlieren

Unterstützung bei der Wohnungssuche

Das Projekt Wohnhilfe Schlieren oder Info-Point Wohnen, wie es jetzt heisst, unterstützt Personen mit Wohnsitz in Schlieren auf der Wohnungssuche. Das Angebot der AOZ richtet sich spezifisch an einkommensschwache Personen, kinderreiche Familien, Migranten und Asylsuchende. Den Wohnungssuchenden wird mit Beratung, Fachwissen, Vermittlung und Schreibdienst geholfen. Zudem steht ein Treffpunkt an der Badenerstrasse 1 in Schlieren zur Verfügung, um sich über freie Wohnungen zu informieren. Die AOZ pflegt zudem Kontakte mit Liegenschaftenverwaltungen. (KEC)