St. Nikolaus
Er tadelt auf sanfte Weise: Die Limmattaler Zeitung unterwegs mit dem Samichlaus

Alle Jahre wieder kommt er, der Mann mit dem roten Gewand und dem goldenen Buch. Ein Selbstversuch als Schmutzli zeigt dabei, der Samichlaus ist eine Respektsperson.

Kevin Capellini
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Samichlaus Roman mit seinen Schmutzli Pius (l), Marc (r) und LiZ-Redaktor Kevin Capellini.

Samichlaus Roman mit seinen Schmutzli Pius (l), Marc (r) und LiZ-Redaktor Kevin Capellini.

Leo Eiholzer

Seit Jahrzehnten ziehen sie durch die dunklen und kalten Strassen der Schweiz und besuchen Familien in ihren warmen Stuben. Kinder stehen hinter den Fenstern und warten auf ihre Ankunft, die durch das Läuten einer Handglocke angekündigt wird. Sie tauchen aus der Dunkelheit auf, ihre Laternen erhellen die Nacht und sie bringen Tradition und die berühmten Chlaussäcke voller kleiner Leckereien in die Häuser. Der Samichlaus ist da und mit ihm seine treuen Begleiter: die Schmutzli, die für ihn das ganze Jahr über die Kinder und ihr Verhalten mit einem wachsamen Auge beobachten.

An diesem kalten Dezemberabend versammeln sich in Dietikon im Schein der festlichen Weihnachtsbeleuchtung die Mitglieder der Sankt Niklaus-Gesellschaft Dietikon, eingehüllt in ihre Gewänder. Eingeteilt in verschiedene Gruppen machen sie sich bereit, für einen ausgefüllten Abend, an dem viele Familien besucht werden. Für einen Abend erhält auch die Limmattaler Zeitung die Möglichkeit, den Samichlaus als Gehilfe zu begleiten. Zusammen mit Samichlaus Roman und den beiden Schmutzli Pius und Marc machen wir uns auf. Auf dem Programm stehen, verteilt auf das ganze Limmattal, vier Familienbesuche und ein Besuch an einem Quartierfest mit 20 Kindern.

In den modernen Zeiten kann selbst ein Samichlaus in seiner ganzen Tradition nicht auf die moderne Technik verzichten. Anstelle eines Wagens, gezogen von einem Esel, ist die Truppe mit einem etwas moderneren Schlitten unterwegs. «Es ist sicherlich nicht sehr passend, dass wir mit dem Auto unterwegs sind, die Distanzen wären sonst aber gar nicht machbar», sagt Samichlaus Roman. Der Fahrer, der uns an diesem Abend aus Sicherheitsgründen begleitet – Schmutzli und Samichlaus können aufgrund ihrer dichten Bärte und der Gewänder nicht fahren –, parkiert jeweils etwas weiter vom Haus entfernt, damit man das Auto nicht sieht.

«Sali Samichlaus!»

Vom Parkplatz begeben wir uns Richtung Haus, während der Schmutzli die Ankunft mit dem Läuten seiner Handglocke ankündigt. Nicht selten kommt es vor, dass wir bereits von grossen, begeisterten Kinderaugen bestaunt werden, die schon lange an Türen und Fenstern auf den abendlichen Besuch gewartet haben und uns von weit her mit den Worten «Sali Samichlaus!», begrüssen. Mit tiefer Stimme betreten der rote Mann mit Mitra und goldenem Buch und seine Begleiter die Wohnung, die etwas Wärme bietet.

«Auch wenn ich Kinder tadeln muss, der Samichlaus ist keine Erziehungsperson.»

Samichlaus Roman

Soeben noch nervös und aufgebraust, werden die Kinder ruhig und teilweise etwas ängstlich. Der fast schon bedingungslose Respekt gegenüber den grossen Männern, diesen mystischen Gestalten, die aus so vielen Geschichten bekannt sind, deren Gesichter aber nie wirklich jemand gesehen hat, macht sich bemerkbar. Und dies nicht nur zu Hause bei den kleinen Kindern, sondern auch draussen auf der Strasse, wo viele Autofahrer anhalten oder Jugendliche auf uns zu kommen, um den Samichlaus mit Handschütteln und einem «Grüezi, Herr Samichlaus» zu begrüssen.

Für alle Beteiligten sind dies jeweils eindrückliche Momente. «Die Tradition die wir bringen und den Respekt den das Amt, das wir verkörpern, erhält, sind etwas wunderbar beeindruckendes», sagt Schmutzli Pius. Auch Schmutzli Marc sieht dies ähnlich. «Dass diese Tradition in der heutigen Zeit in solch vielen Familien noch so wichtig ist und gelebt wird, fasziniert mich wirklich sehr.»

Lob, Tadel und ein Chlaussäckli

In den Familien merkt man schnell, wie wichtig der Samichlausbesuch ist. Die Kinder dürfen länger aufbleiben, viele Wohnungen sind speziell dekoriert und auch die lange eingeübten Verse und Lieder werden auf sehr schöne Weise vorgetragen. Für die meisten Kinder wird es nur zu einem kurzen Zeitpunkt etwas ungemütlich. Nämlich dann, wenn der Samichlaus sein berüchtigtes goldenes Buch hervor nimmt, darin blättert und mit den Kindern das Lob aber auch den – sehr sachte vermittelten – Tadel bespricht.

Ruhig nehmen die Kinder dies entgegen und bestätigen den Samichlaus in seinen Informationen über sie, die dank den wachsamen Augen der Schmutzli während des ganzen Jahres gesammelt wurden. Sie versprechen innig, im kommenden Jahr artiger zu sein. Samichlaus Roman hält danach jedoch fest: «Auch wenn ich Kinder tadeln muss, der Samichlaus ist keine Erziehungsperson. Das ist immer noch Aufgabe der Eltern.»

Ganz gross werden die Kinderaugen zum Schluss des Besuches, wenn einer der Schmutzli ein Chlaussäckli aus dem Jutesack zieht. Dazu kommen weise Worte von Samichlaus Roman: «Für Eure Zukunft ist es wichtig, dass ihr wisst, dass nicht das Geld, sondern Glück und Liebe die wichtigsten Begleiter in eurem Leben sind.» Und dann, nach je etwa 25 Minuten endet der vorweihnachtliche Zauber.

Die Schmutzli und der Samichlaus werden liebevoll von den Familien verabschiedet und begeben sich mit ihren Laternen und Glocken wieder nach draussen in die kalte Nacht und verschwinden in der Dunkelheit. Sie ziehen weiter. Zurückkommen werden die geheimnisvollen Gestalten erst in einem Jahr wieder, aber die wachsamen Augen der Schmutzli werden in der Zwischenzeit überall sein.

Samichlaustag

Eine Tradition durch die Jahrhunderte

Die Geschichte des Samichlaustags geht auf das dritte Jahrhundert zurück. Nikolaus von Myra, ein Sohn reicher Eltern, verteilte Säcke voller Geld an die armen der Stadt und wurde später zum Bischoff von Myra ernannt. In diesem Amt setzte er sich intensiv für arme und bedürftige Menschen ein, verhinderte eine Hungersnot und gab ihnen Geld. Er starb an einem 6. Dezember eines unbekannten Jahres. Ob sich die Geschichte so zugetragen hat, ist bis heute weder bestätigt noch widerlegt. In der Gegenwart kümmern sich viele Nikolausgesellschaften in der Schweiz um die Weiterführung seines Erbes. Die 50-köpfige Sankt Nikolaus-Gesellschaft Dietikon hat es sich seit vielen Jahren zur Aufgabe gemacht, die ursprüngliche Idee des St. Niklaus zu fördern und den Brauch im Limmattal weiterzuführen. Sie absolviert in der Woche um den Samichlaustag mehr als 160 Besuche bei Familien, Büros oder Schulen. (KEC)