Lebenswerk
Er hatte Churchill vor der Linse: Photobastei widmet dem Uitiker André Melchior eine Fotoschau

Vor 70 Jahren fotografierte er den damaligen britischen Premierminister Winston Churchill. Heute ist André Melchior 91 Jahre alt. Die Photobastei Zürich widmet dem Uitiker André nun eine Fotoschau. Ein Video bringt den Zuschauern zudem den Fotografen und seine faszinierende Bilderwelt näher.

Franziska Schädel
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Schon als Lehrling hat André Melchior bedeutende Bilder geschaffen — wie beispielsweise zum Besuch von Winston Churchill.

Schon als Lehrling hat André Melchior bedeutende Bilder geschaffen — wie beispielsweise zum Besuch von Winston Churchill.

Franziska Schädel

Man schreibt den 19. September 1946. Auf dem Zürcher Münsterhof ist kein Durchkommen mehr. Alles wartet auf den britischen Premierminister Winston Churchill, der vom Balkon des Zunfthauses zur Meisen zu den Leuten sprechen wird. Der junge Fotolehrling André Melchior soll für seinen Lehrmeister ein Bild des berühmten Mannes zurückbringen. Was tun? Vor dem Zürcher Rathaus sind kaum Leute und Melchior weiss, Churchill wird auch hier Halt machen. In aller Ruhe und als fast einziger Fotograf hält er dort aus nächster Nähe diesen historischen Moment fest — mit Erlaubnis der wachhabenden Polizisten, die ihm ans Herz legen, sich zu benehmen.

Heute, 70 Jahre später, widmet die Photobastei Zürich dem 91-Jährigen André Melchior eine Fotoschau. Ines Anselmi und Werner Gadliger haben ihn mehrmals in seinem Studio in Uitikon besucht. Aus diesen Begegnungen ist ein Video entstanden, das den Zuschauern den Fotografen und seine faszinierende Bilderwelt näher bringt.

Frühe Berufung als Fotograf

Bereits als kleiner Knirps schaute Melchior einem Fotografen in der Dunkelkammer über die Schulter. Das war der Beginn einer langen und erfolgreichen Karriere als Berufsfotograf. Mit einem Bewerbungsschreiben und einer Fotomappe unter dem Arm klapperte er 1944 Fotostudios in Zürich ab und fand so eine Lehrstelle. Seine Sporen verdiente er als Werkfotograf bei der Maschinenfabrik Oerlikon. Als freier Fotograf für zahllose Auftraggeber der Industrie-, Werbe- und Architekturbranche machte er sich einen Namen.

Charmant in schwarz-weiss: das Paris der 1950er-Jahre.

Charmant in schwarz-weiss: das Paris der 1950er-Jahre.

André Melchior

Seine Bilder, die er von Reisen nach Spanien, Italien oder Marokko heimbrachte, erzählen vom Alltag in jenen Ländern. Sie zeigen ein karges Leben, geprägt von Armut und harter Arbeit. Heiter hingegen sind die Aufnahmen von Schlittschuhläufern auf den gefrorenen Grachten von Volendam in Holland. Auch sie zeugen von einer vergangenen Zeit.

Von seinen Reisen ist Melchior manche Episode noch heute lebhaft in Erinnerung. «Damals gab es noch keine Touristen, und Fotografen waren eine Sensation. Alle wollten sich von mir fotografieren lassen», erzählt er. Nie aber habe er Leute gegen ihren Willen aufgenommen und nie jemanden in seinen Bildern blossgestellt. Immer habe er auch das Gespräch mit den Menschen gesucht. «Wenn ich in Paris einen Clochard ablichten wollte, habe ich zuerst mit ihm Wein getrunken und geplaudert», erinnert sich Melchior.

Heute geht alles leichter

Wer nun aber denkt, André Melchior schaue wehmütig zurück in eine verklärte Vergangenheit, der irrt. Der Uitiker ist begeistert von der digitalen Technologie, die ihm ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Früher, so erzählt er, sei das Fotografieren viel mühsamer gewesen, teurer und mit vielen Unsicherheiten behaftet. Allein für die Filme musste ein ganzer Koffer mitgeschleppt werden.

Begegnungen mit Viehhirten und Feldarbeitern.

Begegnungen mit Viehhirten und Feldarbeitern.

André Melchior

Wie viel einfacher sei das heute mit den kleinen Speicherkarten. «Die grosse Angst aller Fotografen war, dass ihr Film im Labor zerstört werden könnte. Und welche Aufnahmen gelungen waren, das zeigten erst die entwickelten Bilder.» Heute, so Melchior, könne man mit den modernen Kameras Aufnahmen machen, die früher nicht möglich waren. Und doch: «Die Analogfotografie war geheimnisvoller.»

Von der Reportagefotografie hat sich Melchior inzwischen weitgehend verabschiedet. Heute experimentiert er mit Glasreflexionen und schafft so abstrakte Kompositionen, die Licht und Farbe in die Räume bringen. «Alles, was im Leben passiert, fasziniert mich auch heute noch. Ob Reportagen oder abstrakte Makroaufnahmen, für ein gutes Bild braucht es ein Gefühl für die Schönheit des Objekts», sagt er. «Jede Aufnahme ist ein Dokument. Jede Fotografie ist das Festhalten eines Augenblicks, der sich nicht wiederholt.»

André Melchior – Zeitreisen. Photobastei Zürich. 8. bis 18. Februar, Filmpremiere am 8. Februar, 20 Uhr.