Herr Hinder, Weihnachten ist für die meisten Menschen ein Fest, das man mit seiner Familie verbringt. Sie selber werden als Tixi-Fahrer am 25. Dezember jedoch für Menschen mit Behinderung im Einsatz sein. Fällt Ihnen der Verzicht schwer?

Fredi Hinder: Nein, es macht mir gar nichts aus, an Weihnachten zu fahren. Im Gegenteil: So kann man den Menschen eine noch grössere Freude machen, da manche nur dank uns zusammen mit ihrer Familie feiern können. Eine Person im Rollstuhl beispielsweise kann man in einem normalen Auto nicht transportieren. Wir hingegen sind genau dafür ausgerüstet.

Sie leben als Tixi-Fahrer nun schon seit sieben Jahren Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft. Was treibt Sie dazu an?

Ich hatte das wohl schon immer im Blut. Aber gelebt habe ich es früher nicht so ausgeprägt, das ging auch gar nicht neben dem Beruf, weil mir damals einfach die Zeit fehlte. Ich hatte jedoch immer gerne Familie um mich herum und war auch schon immer einer, der gerne geholfen hat.

Wie kamen Sie auf die Idee, sich bei Tixi als Fahrer zu engagieren?

Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, dass einem jemand hilft, wenn es einem nicht gut geht. Bei mir waren es gute Freunde, die eingesprungen sind. Nach dieser Erfahrung wollte ich gerne selber etwas zurückgeben. Mit dieser Absicht bin ich dann auf Tixi gestossen. Und das Ganze macht mir bis heute richtig Spass, denn es ist eine äusserst dankbare Aufgabe. Es ist schön zu sehen, wie sich unsere Passagiere freuen. Wenn es Tixi noch nicht gäbe, müsste man es erfinden.

Dann war es für Sie auch nie ein Problem, dass Sie als ehrenamtlicher Fahrer nichts verdienen?

Nein. Denn ich setze mich ja ganz und gar nicht wegen des Geldes ein, sondern, weil ich mich für eine gute Sache engagieren möchte. Dazu kommt, dass Tixi den Leuten nur dank den Spenden und unserer Freiwilligenarbeit überhaupt so tiefe Fahrpreise anbieten kann. Wir Chauffeure zahlen sogar allfällige Bussen selber. Das ist so in den Statuten festgehalten und ist auch gut so.

Braucht es für diese Aufgabe besondere Voraussetzungen oder könnte jedermann Behinderte herumfahren?

Nein, ich glaube, gewisse Grundvoraussetzungen müssen schon gegeben sein. Man muss gut mit Menschen umgehen können und darf keine Berührungsängste haben. Vor allem sollte man die Behinderung nicht als Problem, sondern einfach als Gesundheitszustand betrachten. Die Leute freuen sich, wenn man fröhlich ist und auch mal ein Spässchen macht, denn Trauriges erleben sie sonst schon genug.

Das tönt nach einer sehr positiven Einstellung. Gab es auch schon Momente, in denen Sie überfordert waren?

Während einer Tour gab es das noch nie. Erst am Abend, zu Hause, belastet mich das, was ich tagsüber sehe, manchmal sehr. Einige dieser Schicksale, mit denen ich in Berührung komme, sind schwer zu ertragen. Wenn man dann sieht, wie wir Nichtbehinderten manchmal schon wegen ein bisschen Kopfschmerzen ein riesiges Theater machen, macht mich das schon nachdenklich. Meine grösste Angst ist, dass ich mit einem Fahrgast im Auto in einen Unfall verwickelt werde. Es wäre tragisch für mich, wenn dem Passagier dadurch etwas zustossen würde.

Könnten Sie nach einem solchen Vorfall noch weiterarbeiten?

Ja, sicher. Ich bräuchte vielleicht eine Pause, das steht jedem Fahrer zu. Natürlich kann ich jetzt nicht genau sagen, wie ich dann reagieren würde, das wäre nämlich eine neue Erfahrung. Aber ich glaube nicht, dass ich dadurch nicht mehr fahren könnte, denn unter dem Strich überwiegt das Positive eindeutig.

Sie müssen sich unterwegs immer wieder auf neue Fahrgäste einstellen. Wie machen Sie das?

Man gewöhnt sich bald daran. Zu Beginn macht einem das noch mehr Mühe, weil dann das Mitleid noch stärker ist. Mit der Zeit merkt man aber, dass man mit den Leuten sehr gut über ihre Krankheit reden kann, die meisten sehen das ganz pragmatisch. Zudem bin ich Fahrer und kein Pfleger, es reicht also, wenn ich von A nach B fahre. Natürlich gehören kleine Handreichungen dazu: Ich fahre gerne noch beim Briefkasten vorbei oder begleite jemanden in die Wohnung.

Fehlt es unserer Gesellschaft an Leuten, die sich sozial engagieren?

Ja, definitiv. Oder anders gesagt: Es braucht mehr Leute, die Rücksicht nehmen auf Schwächere. Ein Beispiel: Es gibt immer wieder Leute, die ihr Auto auf einem Behindertenparkplatz abstellen und dann nicht verstehen können, dass mir mit dem Tixi-Fahrzeug jetzt dieser Platz zustehen würde. Heute leben auch viele in einer Siedlung, ohne ihre Nachbarn zu kennen. Im Limmattal haben wir zudem das Problem, dass wir einfach zu nah an Zürich sind. Wir verlagern unser ganzes soziales Leben dorthin und engagieren uns deshalb immer weniger in unserem Wohnort.

Was kann man machen, um mehr Menschen zu einem sozialen Engagement zu bewegen?

Meiner Meinung nach muss der Wille, etwas zu tun, aus dem Inneren kommen. Am ehesten kann man Leute von der Wichtigkeit sozialen Engagements überzeugen, indem man persönlich mit ihnen spricht. Gut wäre auch, wenn jede grössere neue Überbauung mit Mietwohnungen eine behindertengerecht eingerichtete Wohnung aufweisen müsste. Wenn auf diese Art Behinderte in Kontakt mit Nichtbehinderten kommen, können Vorurteile abgebaut werden. Dann wird klar: Der Mensch im Rollstuhl ist wie wir, er kann einfach nicht gehen. Aber er gehört zur Gemeinschaft im Haus wie jeder andere. Vielleicht würde dann auch eher mal jemand helfen.