Interview
Epithetikerin Sylvia Dehnbostel gibt Leuten ihr Gesicht zurück

Sie modelliert Nasen, Ohren und Augen aus Silikon und hilft so Menschen mit schweren Krankheiten: Die Epithetikerin Sylvia Dehnbostel aus Amden erzählt, wie Seelenarbeit und Schminktipps zu ihrem Alltag gehören und warum kaum jemand ein Gesicht so genau anschaut wie sie.

Ramona Kriese
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Sylvia Dehnbostel fertigt Gesichtsteile aus Silikon.

Sylvia Dehnbostel fertigt Gesichtsteile aus Silikon.

David Baer

Sie wollten ursprünglich etwas mit Kunst machen. Ihre Kunstwerke hängen heute allerdings nicht in Galerien, sondern sind Teil menschlicher Gesichter. Wie kam es dazu?

Sylvia Dehnbostel: Kunst war für mich ursprünglich einfach ein Hobby. Gelernt habe ich nicht etwa einen künstlerischen Beruf, sondern Krankenschwester. Ich betreute in der plastischen Chirurgie Patienten nach Operationen. Die Epithetik kannte ich damals noch nicht – dieses Berufsfeld lernte ich durch meinen Mann kennen. Ich merkte schnell: Meine medizinischen Kenntnisse als Krankenschwester und das künstlerische Schaffen, das Kreative – Farben, Formen, Modellieren – kommen in der Epithetik zusammen.

Geben Sie uns ein Beispiel: Welche künstlichen Gesichtsteile modellieren Sie aktuell?

Wir fertigen Augen aus Kunststoff sowie Ohren und Nasen, aber auch grössere «Hautlappen», etwa für die Wange und Stirn, aus Silikon an. Aktuell haben wir für ein Kind eine Epithese für den Halsbereich gemacht, was weniger häufig vorkommt. Das Kind braucht zum Atmen wegen eines Geburtsfehlers eine kleine Kanüle in der Luftröhre. Die Epithese hat hier funktionalen Charakter: nämlich, die Stelle am Hals abzudichten.

In welchen Fällen ersetzen Sie Gesichtsteile komplett – etwa durch eine Silikonnase?

Wir hatten kürzlich einen Patienten bei uns, der die Diagnose Nasenkrebs erhalten hat. Krebspatienten, denen Nase oder ein Auge wegen Tumoren entfernt werden muss, machen zwei Drittel unserer Patienten aus. Die anderen Patienten sind Unfallopfer und Menschen, die beispielsweise ohne Ohren geboren wurden. Im Fall des Krebspatienten haben wir, bevor der Mann operiert wurde, mit Silikon eine Abformung seiner Nase gemacht für die Epithese – früher tat man das noch mit Gips.

Zur Person

Sylvia Dehnbostel (60) kam vor 30 Jahren als Quereinsteigerin zu ihrem heutigen Beruf. Die gelernte Arzthelferin und Krankenschwester gründete 1990 mit ihrem Mann Falk Dehnbostel das Institut für Epithetik mit Standorten in Amden, Regensburg, Magdeburg und Celle. Für seinen Beruf pendelt das Paar zwischen Deutschland und der Schweiz. Auf Freizeitaktivitäten angesprochen, sagt Sylvia Dehnbostel: «Mein Hobby ist mein Beruf.» (rkr)

Die eigentliche Herstellung findet aber in Ihrer Praxis statt?

Genau – in der Regel ist der Patient sogar dabei, wenn ich seine Silikonnase modelliere oder koloriere. Nach dem Abdruck fertigen wir den künstlichen Gesichtsteil aus Wachs an. Bei Patienten, die erst nach Operationen zu uns kommen, geschieht dies anhand von Fotos und mithilfe der Angehörigen. Aus dem Wachsmodell erstelle ich schliesslich eine Gussform, in die
Silikonschichten in der passenden Hautfarbe aufgetragen werden. Fixiert wird die Epithese mit Magnetimplantaten im Knochen – manchmal noch direkt im Operationssaal, manchmal bei uns in der Praxis, wenn die Wunde verheilt ist.

Welche Fähigkeiten braucht es für diesen Beruf?

Wichtig ist eine gewisse Fingerfertigkeit. Der Beruf kommt ursprünglich aus der Zahntechnik, wo das Arbeiten mit Materialien wie Wachs dazugehört. Hier spielt sozusagen der künstlerische Aspekt mit. Zentral ist zudem das medizinische Wissen im Kopf- und Halsbereich: Welche Knochen, welches Gewebe ist tangiert, was passiert mit der Haut bei einer Chemotherapie? All das muss ein Epithetiker wissen.

Gibt es Gesichtsteile, die besonders knifflig sind – künstliche Augen etwa?

Die Feinarbeit bei Augen besteht darin, Wimpern einzuknüpfen. Die Härchen der Augenbrauen werden mit einer feinen Nadel eingearbeitet – meist unter der Lupe. Wir haben mittlerweile ein gewisses Sortiment an Kunststoffaugen in verschiedenen Farben, die Pigmente werden aber immer noch präzisiert. Komplex sind grossflächige Epithesen, die sich über das Gesicht ziehen, oder solche, die beispielsweise nur die Hälfte der Nase umfassen. «Tricky» sind nämlich die feinen Übergänge zu den gesunden Hautflächen.

Sylvia Dehnbostel fertigt Gesichtsteile aus Silikon.

Sylvia Dehnbostel fertigt Gesichtsteile aus Silikon.

David Baer

Und was ist den Patienten wichtig?

Man kann sagen: Der ästhetische Anspruch ist im Lauf der Jahre gestiegen. Die Patienten wünschen sich, dass ihre Epithese möglichst unauffällig ist. Weil die Betroffenen uns beim Modellieren über die Schulter schauen, können sie sich direkt einbringen. Manche wünschen sich dann, dass die «neue» Nase etwas gerader oder weniger spitz ausfällt.

Kommen Sie diesen Wünschen nach?

Bei einer Nase geht das problemlos. Schwieriger kann es beim Auge sein. Eine ältere Frau, die eine Augenepithese bekommen sollte, kommentierte ein erstes Modell mit: «Nicht so viele Fältchen, bitte!» Ihr Sohn, der sie begleitete, entgegnete: «Aber Mama, du hast nun mal so viele Fältchen.» Manche Frauen möchten auch, dass ihr künstliches Auge geschminkt ist. Das ist alles machbar. Oder aber ich zeige ihnen, wie sie das Silikonauge selber schminken können.

Kommt es auch vor, dass Patienten nach dem Blick in den Spiegel unzufrieden sind?

Ja, das gibt es. Die Patienten haben oft genaue Vorstellungen davon, wie das Ergebnis ausfallen soll. Wir versuchen dann, den modellierten Gesichtsteil so anzupassen – also beispielsweise, die Nase kleiner zu machen –, dass die Träger damit zufrieden sind. Sie müssen sich schliesslich damit wohlfühlen.

Der Beruf Epithetikerin

Eine Epithetikerin fertigt künstliche Gesichtsteile aus Silikon – Epithesen genannt – im Kopf- und Halsbereich an. Voraussetzung für diesen Beruf ist ein Zahnmedizinstudium oder eine Ausbildung zum Zahntechniker. Die dreijährige Weiterbildung erfolgt in der Praxis eines Epithetikers sowie durch Kurse und Hospitationen in Kliniken. In der Schweiz gibt es neben Sylvia und Falk Dehnbostel noch zwei weitere Epithetiker. (rkr)

Wie viel von den Leidensgeschichten Ihrer Patienten bekommen Sie mit?

Viel. Wir sehen die Patienten mehrheitlich schon vor ihrer Operation, später kommen sie mit Angehörigen in unsere Praxis. Wir begleiten sie oft über einen langen Zeitraum, bekommen Hochs und Tiefs mit. Ein junger Mann erfuhr, dass er an Krebs erkrankt war, gerade als seine Frau ein Kind erwartete. Das war für ihn eine schwierige Zeit. Als es ihm besser ging, haben wir eine herzerwärmende Dankeskarte mit einem Foto des Babys erhalten.

Das sind dann wohl die berührenden Momente Ihrer Arbeit?

Ja, es ist immer schön zu sehen, wenn ein Patient dank seiner Epithese wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Andererseits gibt es Krebspatienten, deren Behandlung palliativ ist, wo es also darum geht, dass sie noch eine gewisse Zeit gut mit der Epithese leben können, die Zeit aber begrenzt ist.

Wie gehen Sie mit solchen Schicksalen um?

Das geht mir natürlich nahe. Es gibt oft emotionale Momente und manchmal muss man auch mit dem Patienten zusammen weinen. Ich denke, der Austausch im Team ist hilfreich, damit man solche Schicksale nicht alleine mit sich mitträgt. Für mich persönlich ist auch der Glaube an Gott ein wichtiges Fundament.

Würden Sie sagen, es gehört auch ein wenig «Seelenarbeit» zu Ihrem Alltag?

Sicher gehört das ein Stück weit dazu. Darum ist es auch ein sehr vielseitiger Beruf: Dass ein Ohr oder eine Nase aus Silikon handwerklich gelingt, ist das eine. Schaffen wir es aber nicht, dass der Patient sie als Teil seiner neuen Identität akzeptieren kann, hilft ihm das trotzdem nicht. Auch die Angehörigen sind wichtige Bausteine: Wenn sie nicht dabei sind, fehlt ein wichtiges Element.

Erinnern Sie sich noch an Ihren allerersten Patienten?

Das war ein Herr, den ich fast 25 Jahre lang begleitet habe. Er ist vor kurzem erst verstorben. Er kam alle zwei Jahre in unsere Praxis, um sein künstliches Auge zu erneuern – das ist etwa die durchschnittliche Lebensdauer einer Epithese. Auch Kinder, für die ich Ohrepithesen angefertigt habe, sind bis ins Erwachsenenalter meine Patienten.

Betrachten Sie das menschliche Gesicht heute anders als früher?

Ja, das ist wohl eine Berufskrankheit. Wenn ich jemanden mit speziellen Ohrläppchen oder einer besonders schönen Augenfarbe sehe, denke ich oft: So eine Epithese würde ich gerne mal anfertigen.