Sonntagsgespräch
Engstringer Schiedsrichter: «Fehler verfolgen mich nach Hause»

Der FC Engstringen ist ein Schweizer Spitzenverein. Zumindest, was seine Schiedsrichter anbelangt. Mit Tomasz Superczynski zählt er auch einen Challenge-League-Spielleiter zu seinen Unparteiischen.

Raphael Biermayr
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Schiedsrichter Tomasz Superczynski vom FC Engstringen.

Schiedsrichter Tomasz Superczynski vom FC Engstringen.

Raphaeul Biermayr

Herr Superczynski, was war das erste Wort, das Sie in der Schweiz auf dem Platz lernten?

Tomasz Superczynski: Schiri. Im ersten Spiel fragte ich meinen ersten Assistenten, was das Wort «Schiri» bedeutet. Er lachte und erklärte es mir. Darüber hinaus gab es die Geschichte mit dem Wort «Kei Ahnig», von dem ich lange keine Ahnung hatte, was das bedeutet. Ich fragte Andy Buchs (Schiedsrichtertalent des FC Engstringen, Anm. d. Red.) mal nach einem Match, was «Kei Ohnig» bedeutet. Er sagte: «Was? Kein Honig?» Das war lustig.

Wie kommen Sie mit den unterschiedlichen Schweizer Dialekten klar?

Für mich als Ausländer ist das sehr interessant. In Polen ist der Unterschied zwischen den Dialekten nicht so gross. In Irland gibt es – ohne das Gälische natürlich – nur einen kleinen Unterschied zwischen Norden und Süden. Die Schweiz ist wirklich speziell, was das anbelangt.

Wie sind Sie zum FC Engstringen gekommen?

Ich hatte keine Ahnung, wie das System in der Schweiz funktioniert. Deshalb wandte ich mich an den Verband, der mir die Klubs in meiner Gegend nannte, die nach Schiedsrichtern suchten. Ich nahm dann an einem Vereinsreffen des FC Engstringen teil, wo ich mit Carmine Sangiovanni, Schiedsrichterassistent in der Super League, und Andy Buchs sofort verstand.

Sie pfeifen nach drei Jahren bereits in der Challenge League. Wie haben Sie das geschafft?

Nach meinem Wirtschaftsstudium wollte ich einen Job in einem englischsprachigen Verein. So kamen meine Frau und ich nach Irland, wo ich es bald in eine Schiedsrichter-Talentgruppe schaffte und schliesslich auch in der zweithöchsten Liga pfiff. Der irische Verband gab mir ein Referenzschreiben mit, dass ich dem Schweizer Verband geben konnte. Sie inspizierten einige meiner Partien und entschieden, dass ich zuerst in der 1. Liga und später in der Challenge League pfeifen kann.

Es fällt auf, dass Sie im Job und in der Schiedsrichterei schnell weit gekommen sind. Wie kommt das?

Wenn du dein Bestes gibst, nehmen das die Leute wahr. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben.

Angenommen, man hätte Sie nicht so gut eingeschätzt. Hätten Sie auch in der 3. Liga gepfiffen?

Solange ich Spiele pfeifen kann, mache ich das, auch wenn es sich um ein Juniorenspiel handelt. Natürlich hat ein Challenge-League-Spiel ein Plus wegen der vielen Zuschauer und der Stadien. Wenn man das Spiel anpfeift, blendet man das Rundherum allerdings sowieso aus.

Wie weit können Sie kommen?

Das Ziel jedes Schiedsrichters ist es, einen WM-Final zu pfeifen (lacht). Wie gesagt: Ich gebe immer mein Bestes. Um ganz nach vorn zu kommen, gehört auch etwas Glück dazu.

Haben Sie selbst auch Fussball gespielt?

Ja, ich spielte in der vierthöchsten Liga als Verteidiger. Ich war allerdings kein Tackler, die Gesundheit stand für mich im Vordergrund. Trotzdem musste ich mit 20 Jahren wegen einer Knieverletzung aufhören zu spielen.

Die Verletzung behindert Sie nicht als Schiedsrichter?

Nein, wir laufen nur, wir führen keine Zweikämpfe.

Sie pfiffen vorher Spiele in Polen und Irland, jetzt in der Schweiz. Wie unterscheiden sich die Spielweisen?

Das kann ich so nicht sagen. Vom Spielerischen her sind die Polen und die Schweizer fast gleich. Man versucht, den Ball im Mittelfeld laufen zu lassen. In Irland hingegen spielt man nach englischem Muster: Der grösste Spieler auf dem Platz steht im Sturm, er wird ständig von den Verteidigern mit langen Bällen angespielt.

Wie unterscheiden sich die Mentalitäten der Spieler?

In Irland kämpfen sie immer bis zum Ende und freuen sich auch über ein Tor, wenn sie 0:5 hinten liegen. In Polen vor allem, und auch in der Schweiz, lassen die Spieler bei einem 0:5 die Köpfe hängen und fragen den Schiedsrichter, wie lange es noch bis zum Abpfiff geht.

Müssen Sie in jedem Land auf eine andere Art mit den Spielern sprechen?

Die Körpersprache ist entscheidend. Die ist immer gleich und wird überall verstanden. In Irland machten wir in einem Juniorenmatch einen Versuch. Der Inspizient sagte, ich sollte nur auf Polnisch mit den Spielern sprechen. Die Spieler konzentrierten sich danach ganz auf meine Körpersprache, das lief sehr gut.

Ihre Zeit ist sehr knapp bemessen. Was hat für Sie Priorität?

Meine Frau und meine Familie. Die Arbeit und die Schiedsrichterei kommen danach und sind beide etwas gleich wichtig für mich. Das Pfeifen braucht allerdings sehr viel Zeit: Neben dem Training und Kursen, für die ich im Geschäft freimachen muss, sind auch die Matchtage lang. Wir müssen zwei Stunden vor einem Spiel da sein, pfeifen das Spiel, um danach eine bis eineinhalb Stunden mit den Inspizienten zu sprechen. Es ist Zeit, die ich natürlich gern investiere.

Hat sich Ihre Frau noch nie beklagt?

(lacht) Es ist mir wichtig, dass sie versteht, warum ich das mache. Andernfalls gäbe es für mich keine Chance, weiter zu pfeifen.

Ist man als Schiedsrichter, wie man neben dem Platz ist?

Als Schiedsrichter lernst du, ruhiger zu sein. Du bist immer am Analysieren, was in einem Spiel passieren kann. Als Spieler hast du manchmal zehn Sekunden Zeit bis zur nächsten Aktion, als Schiedsrichter eine. Das lehrt einen, immer konzentriert zu sein.

Sind Sie ein Schiedsrichter, der gern Karten verteilt?

Mein Schiedsrichterstil ist Englisch. Manchmal sagen mir die Inspizienten, ich würde etwas viel Vorteil geben und solle etwas häufiger pfeifen. Meiner Meinung nach soll das Spiel laufen. Man darf nicht immer mit dem Regelbuch umherrennen und streng danach handeln, sondern muss den Kontext lesen. Auf einem Seminar sagte David Elleray, ein (Ex-Schiedsrichter aus England: «Manchmal muss man in einer Situation entscheiden, was der Fussball verlangt.» Es ist leicht, mit einer Karte in der Hand herumzurennen – das entspricht nicht meiner Überzeugung.

Wurden Sie schon einmal bedroht?

Nein, zum Glück nicht (klopft auf den Tisch). Die Spieler akzeptieren meine Art zu pfeifen. Ich hatte einmal ein Spiel, in dem ich zwei rote Karten in der Nachspielzeit verteilte. Da gingen die Emotionen hoch, was ich auch verstehe aus Spielersicht. Zwei Wochen später pfiff ich die Mannschaft wieder, und alle gaben mir die Hand und begrüssten mich. So muss es sein.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Spiel?

Das war in der achten oder neunten Liga in Polen. Der Platz lag im Wald. Die Pfeife hing an einer viel zu langen Schnur, mein Notizbuch war viel zu gross. Mein Vater war dabei. Er sagte mir nach dem Spiel, dass ich mich nicht wie ein Spieler bewegen solle. Eine Woche später stand ich als Assistent auf dem Platz, das missriet völlig. So wusste ich, dass ich nicht Assistent werden will. Die Erfahrung aus den unteren Ligen ist das Wichtigste überhaupt für das Selbstvertrauen.

Wann geniessen Sie ein Spiel?

Wenn nach einem intensiven Spiel die Spieler auf mich zukommen und sagen: gut gemacht. Wenn ich viele Fehler gemacht habe, verfolgt mich das bis nach Hause. Ich will diese Bereiche nach Möglichkeit auseinanderhalten. Deshalb lese ich auch nicht, was in der Zeitung über ein Spiel steht.

Welches Spiel ist Ihnen besonders in Erinnerung?

Ich durfte einen Amateur-Cupfinal in Irland leiten. Es waren etwa 1000 Zuschauer da, was ziemlich gut ist für die Verhältnisse dort. Die Spieler lebten das Fairplay extrem. Häufig nach einem Foul halfen sie dem Gegner auf die Beine. Und nach dem Spiel sah ich einen Mann nackt durch die Strasse laufen, auf seinem Körper stand der Satz: I love Football. Das war super.

Wenn Sie sich ein Spiel am Fernseher ansehen, wann fluchen Sie über den Schiedsrichter?

Ich wüsste nicht, dass ich das jemals gemacht hätte. Es gab im Gegenteil ein Spiel, wo ich den Schiedsrichter verteidigte. An der EM 2008 spielte Polen gegen Österreich. Der Schiedsrichter gab kurz vor Schluss einen Penalty für Österreich, der zum 1:1 führte. Alle Leute in Polen regten sich darüber auf. Ich hingegen sagte sofort, dass es Penalty war. Meine Familie sagte: Was ist los mit dir? (lacht)

Sind Sie für oder gegen die Torlinientechnik?

Ich weiss es nicht, weil ich nie Assistent war. Und als Schiedsrichter habe ich keine Erfahrung damit.

Sie haben aber bestimmt eine Meinung dazu.

Meine persönliche Meinung ist, dass ein Mensch der Schiedsrichter ist, nicht ein Automat. Im Fussball geht es um Emotionen. Die entstehen in genau diesen entscheidenden Situationen. Im Fall eines Videobeweises müsste man schauen, für welche Fälle man den überhaupt einsetzen dürfte. Und manchmal kann man eine Situation ja auch am Fernsehen nicht definitiv klären.

Das Gespräch fand vor dem Cupfinal und den damit verbundenen Schiedsrichterdiskussionen statt.

Ein Spieler nach dem anderen stemmt den Cup in die Höhe.
23 Bilder
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Calla kann Chikhaoui nicht stoppen.
Naser Aliji am Boden, Avi Rikan hechtet dem Ball nach
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Ein Spieler nach dem anderen stemmt den Cup in die Höhe.

Keystone