Stefan Hofmann entschuldigt sich für die am Boden liegenden Rohre und Kabel. «Die Technik ist noch nicht ganz eingerichtet», sagt er und tastet sich mit vorsichtigen Bewegungen durch das hell eingerichtete Lokal nach hinten ins Büro. Bis vor kurzem verkaufte hier an der Wartstrasse 22 Hermann Baur noch Handorgeln. Nun eröffnet mit «Tools4TheBlind» der erste Laden, in dem Blinde andere Blinde beraten und ihnen Hilfsmittel verkaufen.

Der 49-jährige Gründer Hofmann ist seit Geburt sehbehindert, seit 2011 sieht er nichts mehr. Wenn er spezielle Hilfsmittel wie einen Blindenstock brauchte, musste er jeweils zu einer Fachstelle in Luzern reisen oder wurde von einem Sozialarbeiter nach seinen Bedürfnissen gefragt. «Dabei wurden wir immer von Sehenden beraten.»

Zu den verkauften Hilfsmitteln gehören zum Beispiel mobile Brailletastaturen (siehe Foto), die es Blinden ermöglichen, digitale Texte zu lesen und zu schreiben. Oder Bildschirmgeräte, eine Art einstellbare Lupe, mit der Sehbehinderte das Kreuzworträtsel aus der Zeitung lösen können. Neben Hofmann wird noch ein weiterer Sehbehinderter Kunden bedienen, eine sehende Assistentin ist die Drehscheibe im Hintergrund: «Sie schaut dafür, dass der Laden ordentlich bleibt.»

Der Sinn der Schaufenster

Für mehr als zehn Jahre vertrieb Hofmann aus einem Keller heraus Hilfsmittel und bot Blinden Schulungen für den Computer und das iPhone. Mit «Tools4TheBlind» möchte er das jetzt beruflich machen. Eine Winterthurer Genossenschaft unterstützt ihn, indem sie ihm ihr Kontaktnetzwerk zur Verfügung stellt. Im Gegenzug dazu wird Hofmann den sehbehinderten Genossenschaftern unentgeltlich Kurse geben.

Hofmann ist überzeugt, dass Blinde eine bessere Beratung bieten, weil sie selbst betroffen sind: «Ich habe die Trauer, die Wut und die Ungerechtigkeit am eigenen Leib erlebt. Ich weiss, wie es ist.» Zudem können Sehbehinderte unverbindlich und anonym im Laden vorbeischauen. Dank den grossen Schaufenstern werden auch Sehende darauf aufmerksam: «Damit sind wir endlich auch für Sehende sichtbar», sagt Hofmann.

Hofmann will mit seinem Laden auch darauf aufmerksam machen, dass Blinde und Sehbehinderte in der Arbeitswelt noch immer benachteiligt sind. So etwa seine Tochter, die seine Augen geerbt hat: «Als sie sich auf eine KV-Stelle bewarb, wurde sie abgelehnt mit der Begründung, dass die Firma keine Blinden einstellen möchte.» Dabei gäbe es doch gute Beispiele, wie die berufliche Integration funktionieren könnte: «Das Restaurant Blinde Kuh in Zürich zeigt, dass wir durchaus im Service arbeiten können. Wieso sollte das im Verkauf nicht auch möglich sein?»

Anschlusswünsche

Das wichtigste Hilfsmittel vertreibt Hofmann jedoch nicht in seinem Laden: Es ist sein iPhone. Auf dem schwarzen Bildschirm seines Geräts tippt und wischt er virtuos. Steuern kann er es über die sogenannte «Voiceover»-Funktion, die ihm alles auf der Oberfläche vorliest. «Das iPhone ist mein Terminkalender, Fahrplan, Kommunikationsmittel, Internet, Fernseher und Radio zugleich.» Weil beinahe alle Apps mit «Voiceover» kompatibel sind, ist er auch hier kaum eingeschränkt. Hinzu kommt: «Das iPhone ist das einzige Gerät, für das wir keinen Aufpreis bezahlen, weil wir blind sind.» Eine sprechende Mikrowelle für Sehbehinderte koste beispielsweise schnell 500 Franken, während eine konventionelle für 150 Franken zu bekommen sei.

Der technologische Fortschritt gebe den Blinden und Sehbehinderten mehr Selbstständigkeit, trotzdem bleibe es noch ein weiter Weg bis zur Gleichstellung. Für seinen Laden hat Hofmann vorerst nur einen Wunsch: Wenn die Leitlinien am Bahnhof um 80 Meter verlängert werden, reichen sie auch bis zu seinem Geschäft.