Zürich hat eine Vergangenheit, die seiden ist. Ihre Geschichte geht zurück bis ins 14. Jahrhundert, ihre Blüten aber trägt sie bis ins vorletzte hinein. Das textile Kulturerbe von Zürich ist noch wenig erforscht, was laut Andrea Franzen, Kuratorin für das Thema Seidenindustrie am Schweizerischen Nationalmuseum, unter anderem daran liegt, dass die Archive der Seidenfirmen bis vor kurzem noch an den ursprünglichen Firmenstandorten lagerten: «Erst seit 2008 wurden die Archive sukzessive in Gedächtnisinstitutionen überführt», sagt Franzen.

So hat das Schweizerische Nationalmuseum in den vergangenen Jahren zehn Textilarchive ins Sammelzentrum nach Affoltern am Albis überführt. «Deshalb befasst sich auch die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte erst in jüngster Zeit mit dem Thema», wie Franzen sagt.

Im Rahmen der Zürcher Festspiele im Juni greift das Seidensymposium den einst wichtigsten Industriezweig Zürichs auf und führt anhand unterschiedlicher Veranstaltungen zusammen mit der Zentralbibliothek, dem Kunsthaus und dem Jungen Literaturlabor durch seine Geschichte.

Seide als Zürcher Tradition

Diese beginnt im Mittelalter, als städtische Kaufleute die Seidenstoffweberei nach dem sogenannten «Verlagssystem» betrieben. Die Zürcher Geschäftsleute kauften das Garn ein, verteilten es an Arbeiterinnen und Arbeiter, stellten den Webstuhl zur Verfügung und verkauften schliesslich den in Heimarbeit gefertigten Stoff. In der Stadt Zürich, wo heute das Geschäftshaus Jelmoli steht, lagen bis 1896 die Seidenhöfe. Das letzte noch existierende Kaufherrenhaus ist der Florhof.

Die Zürcher Seidenhöfe in den 1920er-Jahren.

Die Zürcher Seidenhöfe in den 1920er-Jahren.

Als die Seidenstoffproduktion die -zwirnerei im 17. Jahrhundert abzulösen begann, erfuhr die Zürcher Seidenindustrie einen Aufschwung. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Limmatstadt ein weltweit bedeutendes Zentrum der Seidenverarbeitung. 2012 wurde die Seidenindustrie deshalb auch vom Bundesamt für Kultur in die Liste der lebendigen Traditionen aufgenommen. Diese basiert auf dem Unesco-Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes.

Die Mode macht Banken gross

Den Höhepunkt erlebte die Seidenindustrie in den Jahrzehnten vor der ersten Eingemeindung von 1893, als Zürich zwischenzeitlich der zweitgrösste Hersteller des edlen Stoffes weltweit war. Mit einer Jahresproduktion von über 50 Millionen Metern zählte Zürich gemeinsam mit Krefeld, Como und Lyon zu den führenden Zentren der europäischen Seidenindustrie. Als typisch zürcherisch galten «geflammte Tücher», feine Beuteltücher zum Sieben von Mehl und schwarze Seidenstoffe. Exportiert wurden die Tücher unter anderem nach Südfrankreich, England, Ungarn sowie Russland und in die USA.

Einzelne Textilhäuser begannen sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts auch als Banken zu betätigen. Bis in die Mitte des nächsten Jahrhunderts war der Zürcher Finanzplatz eng mit dem Textil- und Speditionsgeschäft verbunden. Nicht nur den Bankensektor hat die Zürcher Mode gross gemacht, auch die Maschinenindustrie hängt eng mit der Seidenherstellung zusammen. So entwickelten sich aus ursprünglichen Spinnereien die Escher Wyss Maschinenfabrik, das Winterthurer Bauunternehmen Rieter oder die Maschinenfabrik Rüti.

Die Seidenverarbeitung breitete sich hauptsächlich am linken Zürichseeufer von der «roten Fabrik» Wollishofen über die Seidenwebereien Schwarzenbach und Hess sowie Weidmann in Thalwil bis zu Stünzi in Horgen oder Gessner in Wädenswil aus. Einige Fabriken gab es im Raum Winterthur, in Höngg und im Knonauer Amt. Der Handel dagegen konzentrierte sich bei den Zürcher Seidenhöfen. Im 19. Jahrhundert galten sie als die grössten Schweizer Unternehmen und waren gleich bedeutend wie jene der Uhrenindustrie.

Im Gedächtnis bewahren

Die Weltwirtschaftskrise in den späten 1920er-Jahren, das Aufkommen der Kunstseide sowie verspätete Anpassung der Unternehmensstrukturen wegen des sich wandelnden Seidenmarktes provozierten einen starken Rückgang der Seidenweberei in Zürich. In den 1970er-Jahren löste die Ölkrise eine Welle von Betriebsschliessungen aus. Die beiden Zürcher Firmen Gessner und Weisbrod-Zürrer gehörten 2011 zu den letzten Seidenwebereien des Landes. In der Stadt Zürich produziert seit knapp 40 Jahren noch das Unternehmen Fabric Frontline die edlen Stoffe.

Musterbuch Chiné der Weisbrod-Zürrer AG aus dem Jahr 1890.

Musterbuch Chiné der Weisbrod-Zürrer AG aus dem Jahr 1890.

Auf Initiative der Zürcherischen Seidenindustrie Gesellschaft werden seit 2012 zusammen mit dem Kanton Zürich Archive von Zürcher Seidenfirmen gesichert und in öffentliche Institutionen überführt. Das Geschäftshaus Grieder – ursprünglich auch «Seidengrieder» genannt – überliess dem Stadtarchiv Zürich bereits sechs Jahre zuvor sein Modegedächtnis, das von 1889 bis 1975 reicht.

Erst 2016 richtete das Schweizerische Nationalmuseum ein Studienzentrum über die Zürcher Seidenindustrie im Landesmuseum ein. Schwerpunkt des Archivs bilden Kollektionsreferenzbücher, Stoffmetragen, Modefotografien und Musterbücher der Firma Abraham. Von den Archiven der Firmen Robt. Schwarzenbach & Co. AG, Gessner AG, Weisbrod-Zürrer AG, Heer & Co. AG, Stünzi, Trudel, Zwicky & Co. AG, Käser sowie der Schweizerischen Textilfachschule befinden sich Objekte wie Textilentwürfe, Jaquardpatronen, Fadenspulen, Textillehrbücher sowie Dessinkarten in der Sammlung.