Zwingli hätte keine Freude, würde er heute die Zürcher Altstadtkirchen besuchen. Andere hingegen schon, denn Bilder und Objekte erobern die Gotteshäuser zurück. Für das an diesem Wochenende stattfindende Symposium «Kult und Kommunikation», das sich dem Thema «Neue Verhältnisse zwischen Kirche und Kunst» widmet, wurden sieben begleitende Ausstellungen mit ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern organisiert. Als Galerien dienen das Gross- und das Fraumünster, die Wasser-, die St.-Peter-, die Epi- und die Predigerkirche. In Letzterer wird eine Bildinstallation des Dietiker Künstlers René Gubelmann zu sehen sein. Die Kunstposition trägt den Titel «Farbe und Licht – Reduktion» und umfasst elf neue Werke.

Vor rund einem Jahr wurde Gubelmann von den Organisatoren angefragt, ob er an einer Ausstellung in einer der Kirchen interessiert wäre. «Eine solche Möglichkeit kann man nicht ausschlagen», sagt er. Dennoch musste er sich zunächst über das Projekt, das unter der Leitung des Netzwerkes Artheon, dem Grossmünster und der Reformierten Kirche Zürich entstand, schlaumachen. Da keine religiösen Malereien verlangt wurden, war der Weg für seine Vision frei.

Neben Gubelmann werden sechs weitere Kunstpositionen unterschiedlicher Art in den Kirchen zu sehen sein. Für Martin Rüsch, Pfarrer am Grossmünster Zürich sowie Vorstandsmitglied bei Artheon, einer internationalen und überkonfessionell arbeitenden Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche, ist das dreitägige Symposium auch ein Pilotprojekt für die seit Januar bestehende Reformierte Kirchgemeinde Zürich. «Wir erwarten rund 80 Teilnehmende, hauptsächlich aus der Schweiz und Deutschland», sagt er. Sie werden mit Fragen konfrontiert wie «Braucht der Glaube neue Bilder?» oder «Braucht die Kunst neuen Glauben?».

Wie eine Tonleiter

Für Gubelmann war schnell klar, dass die Predigerkirche im Niederdorf die perfekte Plattform für seine Ideen bietet. «Der ganze Innenraum ist in Weiss gehalten und somit eine ideale Umgebung für Farben.» Ausschlaggebend war jedoch ein weiteres Merkmal: «Die Predigerkirche hat die Proportionen einer C-Dur-Tonleiter, wie ich bei der Besichtigung erfahren habe. Dadurch war mein Hauptmotiv für die Ausstellung gesetzt.» Eine architektonische Tatsache, die auch die Organisatoren beeindruckte, als Gubelmann seine Skizzen einreichte. Vergangenen Herbst erhielt er die Zusage.

Konkret will Gubelmann mit seiner Rauminstallation die «harmonikale Entsprechung zwischen Architektur und Musik» mit einer neuen Dimension aufzeigen. Die Auseinandersetzung mit den auch Modi genannten Kirchentönen sei umso wichtiger, als sie das tonale Ordnungsprinzip der gesamten abendländischen Musik bilden, wie Gubelmann es beschreibt. Die Töne der C-Dur Tonleiter erhielten bei ihm entsprechende Farben. Die Formen auf den grossflächigen Bildern sind direkt und klar.

Viel Überzeugungsarbeit war nötig

Ursprünglich sollte Gubelmann zehn Bilder malen, die an den Seiten des Kirchenschiffs angebracht werden. «Noch während der Arbeit hatte ich dann die Idee, auch ein Hauptbild zu malen, das vorne in der Mitte über dem Altar angebracht wird», sagt er. Es benötigte etwas Überzeugungsarbeit bei den Verantwortlichen der Predigerkirche, um diese bedeutende Stelle freizugeben, doch schliesslich konnte Gubelmann seinen Wunsch durchsetzen. Wird man also die Predigerkirche während der Ausstellungszeit betreten, erblickt man sofort ein quadratisches Bild mit über zwei Metern Seitenlänge. Es ist Gubelmanns Interpretation einer Kadenz.

Jazz in der Kirche

Bei der Vernissage wird auch «Renés Trio» auftreten – Gubelmann ist bekanntermassen auch ein leidenschaftlicher Schlagzeuger. So heisst es diesmal nicht «Jazz im Atelier» in Dietikon, sondern «Jazz in der Kirche» im Zürcher Niederdorf. Gemeinsam mit Elisabeth Berner am Klavier und Gallus Burkard am Bass will er die Kirchentonarten erklingen lassen und somit vier Stücke spielen. «Eines der Stücke wurde von Elisabeth Berner arrangiert, die anderen sind Improvisationen.» Mit dem Auftritt, den das Trio am Samstag im Rahmen des Symposiums noch einmal wiederholen wird, rundet Gubelmann sein Wirken für «Kult und Kommunikation» ab.

Jahrhunderte treffen aufeinander

«Es war ein sehr spannendes Projekt für mich», sagt Gubelmann. Und auch ein sehr intensives. Als er die Bilder vor gut zwei Monaten vollendete, stellte er diese zeitweise umgedreht an die Wand, um Abstand zu nehmen. «Aber die Arbeit mit den Verantwortlichen und dem Team war immer eine Freude.» Jetzt ist er gespannt, wie seine modernen Bilder in der im 14. Jahrhundert im gotischen Stil erbauten, und im 17. Jahrhundert im frühbarocken Stil erweiterten Kirche, wirken werden.