21 Millionen Verletzte, 20 Millionen Tote, Abertausende Waisen – das forderte der Erste Weltkrieg, der von 1914 bis 1918 dauerte. Vor kurzem wurde des «Grossen Kriegs», wie man ihn damals auch nannte, zum hundertsten Mal gedacht. L. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) aus Schlieren nahm den Jahrestag als Anstoss, wieder in ihren Familienchroniken zu stöbern – und vor allem ihres Grossvaters zu gedenken, der im Ersten Weltkrieg gefallen war.

Die 82-jährige L. hat ganze Ordner mit Bildern und alten Dokumenten auf ihrem Schreibtisch ausgebreitet. Als Erstes holt sie ein vergilbtes Dokument aus einer Mappe. Ausgestellt 1921. «Hier hat die Regierung Frankreichs den Tod meines Grossvaters bestätigt», sagt sie. Antoine hiess ihr Grossvater, der im Jahr 1873 in Preux-au-Bois geboren wurde und bis 1914 in Paris lebte. L. hat die Urkunde Wort für Wort ins Deutsche übersetzt. «Mort pour la France» steht in dicken Lettern geschrieben. Antoine starb einen Tod für Frankreich.

Die Tragödie

«Ich weiss nicht viel über ihn», sagt sie. «Nur das, was meine Mutter mir erzählt hat.» Juliette hiess die Mutter von L., die mit ihrer Zwillingsschwester 1908 in Paris geboren wurde. Bereits kurz darauf verloren die Schwestern ihre Mutter auf tragische Weise, sie verunglückte bei einem Unfall im Haushalt. Die Mutter und ihre Schwestern wurden Halbwaisen. Man gab die Mädchen in die Obhut der Schwester ihres Vaters, Yvonne, die einen deutschen Fabrikanten in Leipzig geheiratet hatte.

«Meine Mutter sah ihren Vater das letzte Mal 1914, bevor er eingezogen wurde», erzählt L. In einem Brief schrieb Juliette: «Er war von kleiner Statur, hatte schwarzes Haar und Bart und ein Paar traurige Augen, blaulila waren ihre Farbe. Ich habe nie wieder solch schöne Augen gesehen. Ich habe sie nie vergessen.»

Laut den Erzählungen habe Antoine bereits von seinem nahenden Tod geahnt: «Er sagte, dass er nicht einmal zum ersten Schuss kommen würde», erzählte er der Mutter von L. Und er hatte recht. Der Zug, der die Soldaten zur Front bringen sollte, wurde bombardiert. Antoine starb mit 41 Jahren.

Erst Locarno …

Juliette, die Mutter von L., war nun Vollwaise. L. erzählt, wie es mit ihren Schwestern weiterging: «Sie lebten gut in Leipzig, ganz hochherrschaftlich.» Der Ziehvater ihrer Mutter habe viel Geld verdient und seine französische Frau grossen Wert auf Mode gelegt. «Und sie ritt sehr gut.»

Einen Beruf erlernten die Kinder nicht. «Damals legte man keinen Wert auf die Bildung der Frauen», sagt sie. «Aber meine Mutter konnte wunderbar malen.» Noch heute hängen in ihrer Wohnung Gemälde der Mutter. Auch L. selbst hat Kurse in der Malerei belegt und die Mutter in ihren alten Jahren mit Farbe, Pinsel und Leinwand versorgt.

Nur: Wie kam die Familie überhaupt nach Schlieren? Im Alter von rund 20 Jahren reiste Juliette nach Locarno: «Sie war dort auf Besuch, da ihr Ziehvater in Locarno eine weitere Fabrik betrieb», erzählt L. «Dort lernte sie dann meinen Vater kennen, einen Glarner, den sie 1929 heiratete.» In Mendrisio führte das Paar für kurze Zeit ein Hotel. Auch die drei Geschwister von L. kamen im Tessin zur Welt.

... und dann Schlieren

Der Vater von L. fand darauf in Zürich eine Stelle bei einer Bank. Sie wurde 1936 in Schlieren geboren. Im Limmattal erlebte sie die Kriegsjahre als junges Mädchen. Zu ihrer deutsch-französischen Ziehgrossmutter hatte sie immer noch Kontakt. Sie unternahm in den 1950er-Jahren eine Reise nach Frankreich mit ihr. «Doch währenddessen starb mein Vater in der Schweiz unerwartet», sagt sie. L. reiste zurück, unterstützte ihre Mutter, die bei der Schlieremer Wagi einen Job fand.

Reisen nach Paris und Leipzig

Trotz verzweigter Wurzeln blieb L. Schlieren stets treu. Ihre Familiengeschichte liegt ihr aber immer noch am Herzen. «Ich besuchte Leipzig, auf der Suche nach dem Haus meiner Ziehgrosseltern und Paris auf der Suche nach der Wohnung meines Grossvaters.» Sie hat auch dafür gesorgt, dass andere Menschen an ihrer Familiengeschichte teilhaben können – die Kinderballkleider ihrer Mutter aus den 1910er- Jahren vermachte sie dem Grassi-Museum in Leipzig.