Archäologie
Eine historische Stadtmauer für die Deponie

Die Stadt Zürich entdeckt unter dem Boden ihre Geschichte. Die ältesten Fundstücke stammen noch aus der Römerzeit. So um 600 nach Christus siedelten Menschen rund ums heutige Fraumünster. Einiges davon landet aber auch auf dem Schutthaufen.

Michael Rüegg
Merken
Drucken
Teilen
Viele der Archäologen verbringen den Arbeitstag im Graben, Stein für Stein untersuchend
10 Bilder
Wo jetzt die Gräben offen liegen, kommen bald die Werkleitungen rein
So sieht sie aus, die Ausbeute des Ausgrabungsprojekts
Scherbe mit religiöser Darstellung aus der Neuzeit, gefunden tief unter dem Strassenbelag
Eine historische Stadtmauer für die Deponie
Nachdem die Mauer freigelegt wird, wird das Stück dokumentiert, abgetragen und entsorgt
Die Gräben ziehen sich entlang der Strassen, oberirdisch ist nicht viel auszumachen
Insgesamt suchen die Mitarbeiter der Stadtarchäologie 1500 Quadratmeter nach Fundstücken ab
Auf den ersten Blick sind die Archäologen für Passanten nicht von Bauarbeitern zu untersscheiden
Ein Holzdruck von Jos Murer aus dem Jahr 1576 zeigt das damalige Fraumünster. Rechts zum See hin liegt das Kratz-Quartier. Wenige Jahre zuvor war der breite Streifen am See erst aufgeschüttet worden. ZVG

Viele der Archäologen verbringen den Arbeitstag im Graben, Stein für Stein untersuchend

Limmattaler Zeitung

Würde man das heutige Nationalbankgebäude im unteren Zürcher Bahnhofstrasse-Quartier an Ort und Stelle belassen, aber ins frühe 16. Jahrhundert verpflanzen, stünde es im See, gleich hinter einer zwölf Meter hohen Befestigungsmauer aus dem 13. Jahrhundert.

Auf der anderen Seite der Mauer läge ein Quartier des mittelalterlichen Zürichs. Von alledem ist heute nichts mehr zu sehen, zumindest nicht an der Oberfläche. Hackt man aber den Asphalt weg und trägt Schicht um Schicht fort, treten die Zeugen einer über tausendjährigen Siedlungsgeschichte zutage.

Dass dies derzeit unter der Anleitung der Stadtarchäologie geschieht, verdankt sie dem Tiefbauamt, das die dortigen rund hundertjährigen Abwasserleitungen ersetzt. Erst legen Bauarbeiter die Gräben offen, dann untersucht eine kleine Armee von Archäologen Stein für Stein den Untergrund.

Die ältesten Fundstücke stammen noch aus der Römerzeit. So um 600 nach Christus siedelten Menschen rund ums heutige Fraumünster. Nach dem Bau des Klosters im Jahre 853 durch das ostfränkische Königsgeschlecht der Karolinger bildete sich zwischen Abtei und See nach und nach ein neuer Siedlungskern; die «Kratz», wie das Quartier genannt wurde.

Es bestand bis Ende des 19. Jahrhunderts, als das von Grossstadtambitionen heimgesuchte Zürich davon träumte, die gesamte Altstadt niederzureissen und durch Paläste und Flaniermeilen zu ersetzen.

So weit kam es nicht, ausser eben im Fall des Fraumünsterquartiers und der Bahnhofstrasse. Heute prägen prunkvolle Gründerzeitbauten – und einige Baustellen – das Strassenbild.

Tierknochen und Goldschmuck

Bei den Ausgrabungen kommt so einiges an die Oberfläche. Die Archäologen stossen auf Grundmauern und Gräben genauso wie auf Münzen, Tonscherben, Goldschmuck und haufenweise Abfall tierischer Knochen, aus denen Perlen für Rosenkränze hergestellt worden waren.

Die Bewohnerschaft sei über die Jahrhunderte eher wohlhabend gewesen, schlussfolgert die Stadtarchäologie aus den Funden.

Den Weg ins Magazin finden allerdings nur besondere Stücke. So wird die aufgefundene Stadtmauer zwar genauestens dokumentiert, abgesehen von einigen speziell gehauenen Steinen landet sie jedoch auf einer Deponie.

Für die Nachwelt ist sie als Ganzes dann doch zu wenig wertvoll. Auch das Fundament eines Wehrturms muss dran glauben. «Ursprünglich wollten wir den Abwasserkanal anders legen lassen, aber dadurch wäre die Zerstörung am Ende fast grösser gewesen», sagt Dölf Wild, Leiter der Stadtarchäologie.

Heidi auf altem Müll geboren

Ab den 1540er-Jahren vergrösserte sich das Quartier dann zum See hin. Die Bewohner wurden von der Kanzel herab aufgefordert, ihren Güsel hinter der Mauer zu entsorgen, um die Aufschüttung des Seegebiets voranzutreiben.

Auf diesem Abfall stehen heute die Nationalbank und die Stadthausanlage. Auf letzterer stand tatsächlich mal Zürichs erstes Stadthaus, in der auch der amtierende Stadtschreiber residierte. Einer davon war der Ehemann der Jugendschriftstellerin Johanna Spyri, die dort ihr berühmtestes Werk, «Heidis Lehr- und Wanderjahre» schrieb.

«Wir waren etwas überrascht, als wir herausfanden, dass Heidi mitten in der Stadt und nicht in den Bergen entstand», gesteht Wild.

Während des nicht allzu weit der Grenze tobenden Dreissigjährigen Krieges zweifelten Zürichs Stadtobere übrigens, ob die alte Befestigungsanlage noch zeitgemäss sei. Doch zum Ersatz der Anlage (siehe Kartenausschnitt) und dem Bau der neuen barocken Stadtbefestigung kam es erst, als die Kriegswirren fast vorbei waren, im Jahr 1642.

Das Grossprojekt, das Zürichs Finanzen ruinierte, wurde erst Mitte des 18. Jahrhunderts fertiggebaut – nur um keine hundert Jahre später wieder geschleift zu werden.

Bis Ende November dauern die Grabungen im Quartier noch an. Einen Kurzfilm darüber kann man sich im archäologischen Fenster des Parkhauses Opéra anschauen. Die Ausgrabungen verzögerten die Bauarbeiten übrigens nicht unnötig, meint Stadtarchäologe Wild: «Wir arbeiten Hand in Hand mit dem Tiefbauamt.»