Schlieren
Eine Broschüre um mit den Senioren in Schlieren ins Gespräch zu kommen

Colette Binder schrieb eine Broschüre mit Tipps für Gespräche mit älteren Menschen. In ihrer Ausbildung zur Pflegehelferin fiel ihr auf, dass der jüngeren Generation oft das Wissen fehlte, um mit älteren Menschen angeregt zu diskutieren.

Sarah Serafini
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«Waren Sie 1963 auf dem gefrorenen Zürichsee?» ist eine Frage, die das Gespräch mit einem Senior in Schwung bringen kann. SAR

«Waren Sie 1963 auf dem gefrorenen Zürichsee?» ist eine Frage, die das Gespräch mit einem Senior in Schwung bringen kann. SAR

«Sagen Sie mal, haben Sie sich früher eigentlich geschminkt?» Die alte Frau reisst die Augen auf und sagt: «Sicher nicht! Ich war doch kein Flittchen!» Und schon ist das Eis gebrochen. Colette Binder-Peier kommt mit der Frau ins Gespräch. Zusammen unternehmen sie eine Reise in die Vergangenheit, wo man noch ohne Staubsauger putzte und die langen Haare nur einmal im Monat gewaschen wurden. Sie sprechen über Dinge, die vor 50 Jahren absolut üblich waren und heute kaum mehr vorstellbar sind. Binder sagt, dass es ihr schon immer leichtgefallen sei, sich mit alten Menschen zu unterhalten. Einerseits findet sie es spannend, mit Senioren über ihre Erlebnisse zu plaudern, andererseits sieht sie, wie viel es den Leuten bedeutet, wenn man sich für ihre Themen interessiert.

In ihrer Ausbildung zur Pflegehelferin fiel Binder auf, dass der jüngeren Generation oft das Wissen über die Vergangenheit fehlte, um mit älteren Menschen angeregt diskutieren zu können. «In meiner Praktikumszeit haben mich jüngere Kollegen gefragt, wie ich es bloss anstelle, dass sich die alten Leute mir gegenüber derart öffnen.» Diese Frage motivierte Binder, ein Werkzeug zu entwickeln, das den Einstieg in ein Gespräch mit Senioren vereinfachen sollte.

Alte Fotos kurbeln Erinnerung an

Dabei herausgekommen ist die Broschüre «Erinnerungen». Auf 30 Seiten geben Bilder von längst vergessenen Gegenständen Inputs für ein Gespräch zwischen Jung und Alt. Daneben ist jeweils eine Reihe von Fragen aufgelistet. Laut Binder sind es aber vor allem die Bilder, die die Senioren begeistern. Unter dem Thema «Kleidermode Frauen» hat es ein Schwarz-Weiss-Foto einer jungen Frau mit Korsett. Daneben steht: «Erinnern Sie sich an Ihre ersten Seidenstrümpfe? Erinnern Sie sich, als Sie zum ersten Mal Hosen anziehen durften?» Oder unter dem Thema «Historische Ereignisse» steht: «Waren Sie 1963 auf dem gefrorenen Zürichsee?» Colette Binder lacht, als sie erzählt, dass es ebendiese Frage war, die einen schweigsamen und leicht dementen Senior in einen plappernden Wasserfall verwandelte. «Seine Augen leuchteten auf und er erzählte mir vom Ausflug mit den Schlittschuhen und seinen vielen Wanderungen, die er früher unternommen hat.»

Zu wissen, wie es früher war, helfe der Kommunikation mit alten Menschen, sagt Binder. Um die Senioren jeweils wieder zurück in die Gegenwart zu holen, versucht Binder in Gesprächen Fragen zu stellen, die mit dem Hier und Jetzt verbunden sind: «Wie sieht es denn damit heute aus?»

Broschüre für Lehrlinge

Binder ist mit ihrem Resultat zufrieden. Mit der Broschüre scheint sie den richtigen Nerv getroffen zu haben. Im Alters- und Pflegeheim Sandbühl wird man die Broschüre ins Ausbildungsprogramm der Lehrlinge einbauen. Leiter von Pflege und Betreuung, Christof Langhart, sagt: «Die Broschüre ist sehr hilfreich. Vor allem für junge Leute, die neu auf dem Beruf der Alterspflege arbeiten.»

Binders Anliegen ist es, dass sich ihre Broschüre auch ausserhalb der Alterszentren verbreitet. «Es gibt viele alte Menschen, die sehr einsam sind», sagt sie. Die Broschüre soll helfen, zu diesen wieder einen besseren Draht zu finden und die Leute dort abzuholen, wo sie zu Hause sind.