Sie arbeiteten neun Jahre lang als Geschäftsführer von «Tischlein deck dich» in Dietikon. Das war ein Bruch in Ihrer Karriere.

Samuel Sägesser: Ich teile meine Karriere durch zwei. Der letzte Teil, als ich 2002 zu «Tischlein deck dich» kam, bis ich mich 2011 pensionieren liess, war die körperlich und geistig strengste, aber die beste Zeit. Auch wenn ich täglich 16 bis 18 Stunden gearbeitet habe, haben mir diese Jahre am meisten gebracht: der zwischenmenschliche Kontakt, die Entlastung bezüglich dem Umsatzzwang. Ich hatte zwei Jahre Zeit, um den Verein aufzubauen und selbsttragend zu gestalten. Ich konnte mich voll entfalten.

«Tischlein deck dich» hat viel mit Wohltätigkeit zu tun…

Am Anfang habe ich es nicht so gesehen.

Wie haben Sie es betrachtet?

Das Verhindern von Lebensmittelvernichtung stand im Vordergrund. Wir waren nicht primär eine Wohltätigkeitsinstitution. Erst danach stellte sich die Frage, was wir mit den geretteten Lebensmitteln machen. Anja Hübner (die Initiantin des Projekts, Anmerkung der Redaktion) gleiste etwas auf. Sie nahm die deutsche Organisation Tafeln als Vorbild und wollte etwas Ähnliches aufbauen in der Schweiz. Ich fand es gut, aber wir mussten herausfinden, wie man diese zwei Ideen – Lebensmittel retten und Bedürftigen helfen – verkoppelt. Das war die Herausforderung.

In welchen Zustand befand sich der Verein damals?

Am Anfang waren wir eigentlich nur ein Interessenkreis: Beat Curti (Gründer der Bon-appétit-Gruppe, ein Lebensmittelhändler), Anja Hübner und weitere. Wir haben den Verein gegründet und daraus hat sich der Vorstand von «Tischlein deck dich» entwickelt. Wir mussten um die Partnerfirmen und um die Produkte kämpfen, auch das war keine Selbstverständlichkeit. Da half mir mein Netzwerk in der Lebensmittelbranche. Ich musste die Produzenten überzeugen, dass wir mit ihren Waren nicht in Konkurrenz zu ihnen standen, denn unsere Bezüger wären gar nicht in der Lage, ihre Produkte zu kaufen.

Wie stellten Sie sicher, dass nicht die Gutbetuchten von diesem Angebot profitieren?

Wir waren nicht in der Lage, das Anrecht der einzelnen Bezüger zu überprüfen. Wir kontaktierten die Sozialfachstelle der Stadt Zürich, damit sie unsere Abnehmer kontrollieren. Auch mit Heimen und Kirchen nahmen wir Kontakt auf, stellten ihnen unsere Arbeit vor und erklärten einige Regeln. So dürfen etwa nur Personen Lebensmittel beziehen, die am oder unter dem Existenzminimum leben. Pro Familie gibt es auch nur eine Bezugskarte, damit nicht mehrere Familienmitglieder gleichzeitig Lebensmittel beziehen und diese vielleicht sogar weiterverkaufen.

Da mussten wir immer ganz streng sein, um einen vertrauenswürdigen Auftritt gegenüber unseren Partnern zu gewährleisten. Als sich die Abgabestellen vermehrt haben, haben wir auch die Bezugskarten nach und nach verbessert. So gab es auch bald eine Gültigkeitsdauer von einem Jahr. Auf der Karte stand auch die Anzahl Personen pro Haushalt – wie viele Kinder und Erwachsene. So konnten die Freiwilligen an der Abgabestelle die Menge bestimmen.

Am Anfang war die Abgabestelle ein einfacher Marktstand auf offener Strasse.

Das war für die Leute demütigend, vor den Augen anderer zu warten. Wir nahmen Kontakt mit einem Diakon auf, der uns Räumlichkeiten in der Kirche zur Verfügung stellte. Nach und nach konnten wir fixe Orte für die Abgabestellen etablieren. Doch wer würde diese bedienen? Es konnte nicht sein, dass der Verein und in der Folge die Bon-appétit-Gruppe alles pro bono macht und trotzdem Helfer zahlen muss. Mitarbeiter der Bon-appétit-Gruppe waren mehrheitlich nicht bereit, sich in der Freizeit dafür zu engagieren.

Wie haben Sie es geschafft, den Verein so schlank wie möglich zu halten?

Wir haben angefangen, Freiwillige extern zu rekrutieren. Ich habe nach dem Ein-Franken-Prinzip gehandelt: Für jeden Franken, den wir gespendet erhielten, gingen 90 Rappen davon direkt in das Produkt respektive in die Abgabestelle. Gewisse Sachen wie das Fahrzeug und Löhne mussten wir zahlen, aber wir konnten mit der Pro-bono-Unterstützung von Privatpersonen und Firmen unsere Kosten senken.

Sie waren eigentlich auch Angestellter der Bon-appétit-Gruppe.

Ja. Der Verein sollte zwar selbsttragend und selbstständig sein, aber wir konnten von einigen bereits bestehenden Strukturen der Gruppe profitieren: Lohnbuchhaltung, Lagerräume, Transport, IT und so weiter. Wir mussten es nicht doppelspurig machen. Der damalige Geschäftsführer der Prodega, die auch zur Bon-appétit-Gruppe gehörte, hatte ein Ohr für «Tischlein deck dich» und machte die Lohnbuchhaltung und Ähnliches pro bono. Das ist bis heute so. Ich fing allein mit den Aufbauarbeiten an, aber das hat mich nicht gestört, weil nichts in den Weg kam.

Sie haben den Verein vervollständigt.

«Tischlein deck dich» wurde zwar 1999 ins Leben gerufen, aber ich kam erst im Jahr 2002 an Bord. Beat Curti warb zwar für Anja Hübners Idee innerhalb der Bon-appétit-Gruppe, aber der Ausgang dieser Geschichte war damals unklar. Denn mit dieser Idee war ein gewisser Aufwand verbunden, ein Friedensstörer in der Gruppe sozusagen. Man wusste nicht genau, wie man vorgehen sollte. In der Zwischenzeit bekam Hübner Nachwuchs. Die Frage lautete dann: Lässt man es lieber sein mit dem «Tischlein deck dich» oder machen wir etwas Professionelles daraus? Der Verwaltungsrat der Bon-appétit-Gruppe entschied sich für Zweiteres und schaltete 2002 ein Inserat in der Zeitung, auf das ich mich meldete. Als ich dazu kam, waren die Idee und erste Ansätze schon da. Wir hatten aber weder Logistik noch eine Planung, es waren bescheidene Anfänge. Es gab einen kleinen Lagerraum mit einem Radio und ein Büro, das ich nicht so oft benutzte. Ich war fast immer mit dem Lieferwagen unterwegs.

150'000 Franken und zwei Jahre Zeit hatten Sie, um den Verein aufzubauen.

Ich habe mit Beat Curti abgemacht, dass ich in der ersten Zeit von «Tischlein deck dich» meinen Lohn nicht voll beziehe, bis es dem Verein besser gehe. Ich nahm während dieser Zeit das Gespräch mit dem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) in Dietikon auf, um arbeitslose Personen zu engagieren. Nach meiner Vorstellung würden sie im geschützten Rahmen eines Beschäftigungsprogramms im Logistik- und Lagerbereich zeigen können, dass sie arbeitsfähig waren. Der RAV-Leiter sagte, dass es in Dietikon nicht so viele Leute gebe, die in diesem Bereich arbeiten könnten. Wir nahmen auch Kontakt mit Stadtzürcher Institutionen auf. Es war für uns eine Win-win-Situation. Wir konnten schliesslich Lebensmittel verteilen und Leute beschäftigen. Damit konnten wir auch unsere Partner überzeugen: Was «Tischlein deck dich» macht, ist eine gute Sache. Coop war eines der ersten Unternehmen, das dies bemerkt hat.

Damals war der Geschäftssitz des Vereins in Dietikon.

Dort gründeten wir auch relativ früh eine Abgabestelle in der Stadthalle. Dietikon war aus strategischen Gründen ein geeigneter Standort. Geografisch ist die Stadt super gelegen – durch das Limmattal fährt irgendwann jeder Lastwagen. Der Bahnhof liegt auch sehr zentral und dank dem Standort im Industriequartier erhielten wir von den Lieferanten meist grössere Mengen, weil sie uns mit dem Lastwagen direkt vor der Rampe belieferten. Ich blieb vier Jahre in Dietikon, bis wir wegen des Verkaufs der Bon-appétit-Gruppe an Rewe umsiedeln mussten. Nach dem Umzug nach Winterthur im Oktober 2006 war der Standort zwar weniger gut gelegen aus logistischer Sicht, aber besser bestückt mit einem grösseren Lager und besseren Kühlzellen. Aus logistischer Sicht wurde auch der Gubrist zur Problemzone.

Mit jedem Jahr wurde «Tischlein deck dich grösser». Was hat sich seit der Anfangszeit verändert?

Schon im Jahr 2003 haben wir die Abgabestellen erweitert. Die Herausforderung war, eine Balance zu finden. Denn wir hatten entweder zu viele Produkte oder zu wenig. Um keine Produkte zu verlieren, brauchten wir Logistik. Das war eine Gratwanderung. Wir unterstanden schon immer der Lebensmittelkontrolle und können uns nicht darüber hinwegsetzen und das Ablaufdatum ignorieren. Die Lücke zwischen dem Verkaufs- und Ablaufdatum unterscheidet sich je nach Produkt. Es kann ein Tag oder eine Woche sein. Bei frischen Früchten und Gemüse bestand dieses Problem nicht, bei verpackten Lebensmitteln schon. Und dann gab es eine weitere Variante: Lang haltbare Produkte, die wir palettenweise erhielten und sukzessiv verteilen konnten.

Passierte es schon mal, dass fast abgelaufene Produkte wie Joghurt übrig blieben und vom Personal mitgenommen statt weggeworfen wurden?

Im Büro hätten sie davon essen dürfen, nach Hause nehmen – nie. Wir haben mit der Caritas einen Warenaustausch gepflegt. Zum Beispiel hatten wir in Partnerschaft mit der Migros das Verteilzentrum in Buchs AG. Flog etwa ein Produkt aus dem Sortiment, bekamen wir dies nicht nur Paletten-, sondern Lastwagenweise. Die Bedingung war immer, dass wir die Produkte nicht verkaufen dürfen. Also haben wir diese verteilt und Caritas je nach Bedarf kontaktiert, um Waren auszutauschen. Das geschah auch teilweise mit den Frischprodukten.

Was sind die heikelsten Lebensmittel zum Verteilen?

Fisch, Poulet, verdorbenes Gemüse. Bei den Backwaren sind es Produkte mit Vanillecreme. Mit diesen Waren muss man besonders vorsichtig umgehen.

Wie haben Sie den Job als «Tischlein-deck-dich»-Geschäftsführer erlebt?

Für mich war dieser Job ein Segen. Ich durfte im letzten Abschnitt meiner Karriere den All-Arounder heraushängen: Meine Marketing- und Kommunikationskenntnisse, Erfahrung in der Lebensmittelbranche, Netzwerk. Alles hat ineinander hineingegriffen. «Tischlein deck dich» hat mich vom sozialen Gedanken her geprägt. Beat Curti nahm mir den Druck von budget- und umsatzorientierten Gedanken weg, es war für mich eine Entlastung und eine Befreiung. Ich hielt oft Referate bei Vereinen und Firmen, um für Freiwillige oder Sponsoring zu weibeln. Das Echo war oft: «Wir spüren das Herzblut bei Ihnen.» Das war nicht gespielt, das war gelebt. Bis zu etwa 200 Freiwilligen kannte ich jeden Vornamen. Heute sind es 3000 Freiwillige.

Welcher Moment bleibt besonders in Erinnerung?

In Olten feierten wir unser zehnjähriges Jubiläum. Als kleines Geschenk erhielten die Freiwilligen kleine Erdbeerstöckli. Aus dem Zugfenster sah ich, Bahnhof nach Bahnhof, wie viele Leute beim Aussteigen eine kleine Vase in der Hand hielten. Die Pflanzen sollten wachsen und Früchte tragen: so wie «Tischlein deck dich».