Achti-Tram
Ein Tram, das verbindet: Ab Sonntag fährt die Linie 8 über die Hardbrücke

Nach fast 100 Jahren auf der gleichen Strecke bricht die Tramlinie, die einst das Aussersihl-Quartier mit dem Stadtzentrum verband, in den Westen von Zürich auf. Passend dazu veröffentlichen drei Autoren ein Buch zur Geschichte des Tram- und Busnetzes im Quartier Aussersihl.

Lina Giusto
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Die Tests sind durchgeführt, Extrafahrten folgen noch am Samstag, ehe das Tram über die Hardbrücke am Sonntag seinen fahrplanmässigen Betrieb aufnimmt.

Die Tests sind durchgeführt, Extrafahrten folgen noch am Samstag, ehe das Tram über die Hardbrücke am Sonntag seinen fahrplanmässigen Betrieb aufnimmt.

Keystone

Die Tramlinie 8 wendet ab Sonntag nicht mehr am Hardplatz im Zürcher Kreis 4, sondern fährt vom neu gestalteten Platz weiter auf die Hardbrücke. Die neue Tramlinie wird am kommenden Wochenende – pünktlich zur Einführung des neuen Fahrplans – eröffnet.

Passend dazu haben die Autoren Max Peter, Felix Bosshard und René Koller während anderthalb Jahren die Geschichte des Tram- und Busnetzes im Quartier Aussersihl im Buch «Die Tram-, Bus- und Quartiergeschichte im Aussersihl» zusammengetragen. Entstanden ist ein 368-seitiges Buch über die Entstehung des Quartiers während der Zeit des Rösslitrams über den Bauboom zu Beginn des 20. Jahrhunderts und wie daraus das neue Quartier Hard entstanden ist.

Lesen Sie zur neuen Tramverbindung auch den Kommentar von Matthias Scharrer.

Die Entwicklung des Stadtteils Aussersihl ist massgeblich vom Ausbau der Eisenbahn in und um Zürich geprägt. So wurde das Gebiet 1847 erstmals von einer Eisenbahn durchschnitten: der Spanisch-Brötlibahn, die zwischen Zürich und Baden verkehrte. Nur drei Jahre später wurde das Gebiet ein zweites Mal von einer Bahnlinie durchtrennt. Der Bahndamm nach Oerlikon und Winterthur verhinderte die Ausdehnung des entstehenden Wohngebietes Richtung Westen. Mit dem Bau der Seebahn 1870 wurde das gesamte Gebiet in drei Teile geschnitten: Aussersihl, Sihlfeld und Wiedikon.

Als Bausünde entstanden

Erst Ende des 19. Jahrhunderts korrigierte die Stadt Zürich die «schlimmsten Sünden der Eisenbahnbauer». Der Eisenbahndamm wurde durch das Viadukt ersetzt und die Seebahn bis 1927 in den Graben verlegt, wodurch die Quartiere Wiedikon und Enge neue Bahnhöfe erhielten. Parallel dazu gab es auch das Bestreben, die Tramlinie 8 ins Quartier Aussersihl hinein zu erweitern. Denn bislang verkehrte das «Achti» – wie es im Volksmund noch heute gern genannt wird – zwischen Paradeplatz und Helmhaus.

Das rasch wachsende Tramnetz in Zürich war zwischen 1920 und 1930 von häufig wechselnden Linienführungen geprägt. So dauerte es noch einmal drei Jahre, bevor die Aussersihler-Tramlinie von der Feldstrasse bis zum Hardplatz führte.

Luftaufnahme von 1898: Der alte Bahndamm wie das Aussersihler Viadukt sind sichtbar. Die SBB-Gleise trennen die Kreise 5 und 4 bis heute voneinander. (Baugeschichtliches Archiv Zürich)
4 Bilder
Der Hardplatz mit dem Tram 8: Dank drei gut besuchten Lokalen herrschte ein Hauch von Quartierleben (1940). (Baugeschichtliches Archiv Zürich/Ludwig Macher)
Zwischen den Gebäuden am Bullingerplatz klaffen noch weite Flächen - die Strassen sind fast menschenleer. (Baugeschichtliches Archiv Zürich)
Der Stich von 1883 zeigt den Eisenbahndamm Richtung Oerlikon deutlich. Er verhinderte jede Entwicklung im damaligen Industriequartier. (Baugeschichtliches Archiv Zürich)

Luftaufnahme von 1898: Der alte Bahndamm wie das Aussersihler Viadukt sind sichtbar. Die SBB-Gleise trennen die Kreise 5 und 4 bis heute voneinander. (Baugeschichtliches Archiv Zürich)

BAZ

Wie die Autoren im Buch mit Bildern, detaillierten Beschreibungen von Strassenzügen und Plätzen sowie statistischem Material belegen, ist die Entwicklung des Tram- und Busnetzes im Stadtquartier Aussersihl eng mit Geschichten zum Leben und der Entwicklung des Quartiers verbunden. Entsprechend ist die Publikation mit Gastbeiträgen – etwa einem Liebesbrief ans «Achti-Tram» – bestückt.

Hannes Lindenmeyer bedankt sich in seiner Ode mit den Worten «Tag für Tag grüsst mich um 5 Uhr 10 Dein Jammern im Rank von der Feld- in die Hohlstrasse. Ich drehe mich dankbar nochmals ins Kissen und bin froh, dass Du Deinen Job in diesen frühen Morgenstunden ohne mich machst.»

Eine Tramlinie mit Ecken

Kaum eine Tramlinie in der Stadt Zürich ist von so vielen rechtwinkligen Haken auf seiner Strecke gekennzeichnet, wie die Tramlinie 8 – besonders auf der Höhe Bäckeranlage. Mehr aber als eine Ode ist das poetische Stück Lindenmeyers Art, dem «Achti» seine Liebe zu erklären: «Jetzt sowieso, wo wir wissen, dass Du aus Deinem Gleis, das Du seit bald hundert Jahren befährst, ausbrechen willst, hinten hinaus in den Wilden Westen der Stadt.»

Mit der Erweiterung der Tramlinie verbinden sich nun die Stadtkreise 4 und 5 über die SBB-Gleise hinweg. Auch in diesem Falle ist der Ausbau des Tramnetzes eng mit der Bevölkerungsentwicklung im aufstrebenden ehemaligen Industriequartier verbunden. Zwischen dem Hardturm und den Viaduktbögen bei der Josefswiese leben heute drei Mal mehr Menschen als noch vor 20 Jahren.

Wo es einst 755 Wohnungen gab, sind es mittlerweile über 3000. Auch die Zahl der Arbeitsplätze hat sich über diesen Zeitraum hinweg mehr als verdoppelt. Während sich das boomende Zürich-West durch besonders grosse Wohnungen, viel Stockwerkeigentum und überdurchschnittlich hohe Mietpreise auszeichnet, ist das Quartier Aussersihl auch heute noch stark von Blockrandüberbauungen geprägt. Lange Strassen- und wenig Hoffassaden sowie mehrheitlich fünf bis sechsstöckige Gebäude säumen die Strassen des Quartiers. Überdurchschnittlich viele Wohnbaugenossenschaften betreiben die Liegenschaften im Quartier.

Wie sich die beiden Stadtteile mit der neuen Tramlinienführung über die Gleise entwickeln, wird sich zeigen. Auch der Bau der Limmattalbahn, der ab 2019 Altstetten mit Schlieren verbinden soll, wird die Region verändern. Ebenso der Rosengartentunnel und das Rosengartentram, falls es, wie von der Zürcher Regierung geplant, bis 2030 realisiert wird.

«Die Tram-, Bus- und Quartiergeschichte im Aussersihl» ist in der Buchhandlung, im Tram-Museum, im Internet und beim Quartierverein Aussersihl-Hard für 68 Franken erhältlich.

Tram Hardbrücke

Zahlen und Fakten zur neuen Tramlinie

Bevor am Sonntag, 10. Dezember, frühmorgens das erste fahrplanmässige Tram über die Hardbrücke fährt, steigt am Samstag auf dem Hardplatz ein Fest: von 10 bis 20 Uhr gibt es Marktstände, Konzerte, Theater – und Extratramfahrten über die Brücke. Wissenswert:

- Der Bau der neuen, 700 Meter langen Tramlinie inklusive Neugestaltung des Bahnhofs Hardbrücke kostet die öffentliche Hand 130 Millionen Franken. Der Kanton Zürich zahlt 76 Millionen, der Bund 46 Millionen und die Stadt 8 Millionen. Neu fährt die Tramlinie 8 vom Hardplatz via Bahnhof Hardbrücke und Escher-Wyss-Platz zum Hardturm.

- Die Verkehrsbetriebe Zürich und der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) gehen davon aus, dass sich das Passagieraufkommen am Bahnhof Hardbrücke von heute täglich 45 000 Personen langfristig verdoppeln wird. Deshalb hätten Busse nicht mehr ausgereicht. Zudem entlaste das Tram als neue Tangentialverbindung das Stadtzentrum.

- Die neue Tramlinie kreuzt die Fahrbahn auf der Hardbrücke vom Hardplatz kommend nach dem Bahnhof Hardbrücke, um dann die Brücke via Pfingstweidrampe beim Prime Tower zu verlassen. Lichtsignale halten dafür den Autoverkehr jeweils kurz auf. Dies sei aber «nicht matchentscheidend», so Heiko Ciceri von der städtischen Dienstabteilung Verkehr gegenüber der NZZ. Wichtiger sei, wie die Verkehrszuflüsse auf die Brücke gesteuert würden, etwa mit der Ampel unterhalb des Bucheggplatzes.

- Weil das Tram seine Spur mit den Bussen teilt, gibt es auf der Hardbrücke noch gleich viele Fahrspuren für den motorisierten Individualverkehr wie vor dem Bau der neuen Tramlinie, betont der ZVV.

- Auch Fussgänger und Velofahrer müssen teilen, nämlich das Trottoir über die Hardbrücke. Besonders eng wird es beim Bahnhof Hardbrücke. Deshalb ist ab heute das Abstellen von Velos auf dem gesamten Fussweg auf der Brücke und im Haltestellenbereich verboten, wie die Dienstabteilung Verkehr gestern mitteilte. Velos dürfen nur noch in den offiziellen Abstellanlagen auf der Hardbrücke stehen gelassen werden, und auch dort nur für maximal 48 Stunden. «Vorschriftswidrig abgestellte Velos werden abtransportiert», heisst es in der Mitteilung.

- Wen auf der Hardbrücke der Hunger oder Durst packt, dem bietet sich unter der Brückenauffahrt beim Hardplatz ein neues Verpflegungsangebot in Form eines Avec-Ladens – täglich bis 23 Uhr offen, auch sonntags. (MTS)